Jean-Jacques Rousseau: Er gab seine fünf Kinder ins Findelhaus
Von 1765 bis 1770 verfasste Jean-Jacques Rousseau seine „Bekenntnisse“. Das postum erschienene Werk umfasst knapp 1000 Seiten, auf der ersten verspricht der Autor, sich zu zeigen, wie er wirklich ist – mit bis dato beispielloser Aufrichtigkeit. Nichts von dem, was ihm bis zu seinem vierundfünfzigsten Lebensjahr widerfuhr, hat Rousseau ausgelassen: Er beschreibt seine Lektüren und Ernährungsgewohnheiten, seine Leiden und Leidenschaften, masochistische und exhibitionistische Neigungen inklusive. In einem unverwechselbaren Stilmix aus Sentimentalität, Pathos, Ironie und Furor schildert Rousseau seine Seelen- und Körperzustände, Prüfungen, Niederlagen, Triumphe und Demütigungen.
Das fasziniert, rührt, nervt und verstört Leser seit über zwei Jahrhunderten. Für jeden Rousseau-Biographen sind die „Bekenntnisse“ Fluch und Segen zugleich: Als Hauptquelle ist der Text so unverzichtbar wie unzuverlässig. Rousseau erweist sich darin als Meister der strategischen Selbststilisierung, jede Erinnerung, jedes Gefühl wird bei ihm zu einem Argument in eigener Sache und zur Anklage gegen die Welt, von der er sich verfolgt, verkannt und verraten sieht. Der Historiker Volker Reinhardt hat sich dieser Herausforderung gestellt und nun eine Rousseau-Biographie vorgelegt, an der zunächst auffällt, mit welch ausdauernder Gründlichkeit die „Bekenntnisse“ bis ins noch so belanglos scheinende Detail auf ihren Realitätsgehalt abgeklopft werden. Und der ist bisweilen erstaunlich gering.
Planlose Wanderjahre, abgebrochene Lehren, eine Liebhaberin
Demnach hat Rousseau schon bei der Schilderung seiner Herkunft die Fakten frisiert. Beispielsweise war Mutter Suzanne, die wenige Tage nach Rousseaus Geburt am 28. Juni 1712 in Genf starb, nicht wie von ihrem Sohn behauptet die Tochter eines Pastors, sondern die Nichte eines Geistlichen. Zumindest stark weichgezeichnet ist Rousseaus Schilderung seines Vater Isaac, Uhrmacher von Beruf, der in den „Confessions“ als besonders aufopferungsvolle, gebildete und edle Person auftritt. Reinhardts gewissenhaften Ausführungen nach handelte es sich um einen pflichtvergessenen, cholerischen „Möchtegern-Aristokraten“.

Rousseaus Jugend verlief unstet: planlose Wanderjahre, zwei abgebrochene Lehren, die eine bei einem Gerichtsschreiber, die andere bei einem Graveur. Mit sechzehn konvertierte er vom Calvinismus zum Katholizismus (was er später wieder rückgängig machen sollte) und geriet in die Obhut der neunundzwanzigjährigen Madame de Warens, einer Aristokratin, die professionell junge Neu-Katholiken betreute. Rousseau nannte sie „Maman“; das blieb auch so, als er ihr Liebhaber wurde. Es war die einzig wahre, wechselseitige Liebe. Zumindest beteuert Rousseau das wieder und wieder. Reinhardts Deutung dieser Liaison fällt denkbar unromantisch aus.
Als Dreißigjähriger ging Rousseau nach Paris, damals der Ort der härtesten intellektuellen Konkurrenz, und versuchte sich eine ganze Weile erfolglos als Komponist, Musiktheoretiker und Publizist, bis ihm endlich und völlig unerwartet die große Erleuchtung zuteilwurde. An einem heißen Sommertag im Jahr 1749, so schildert es der Verfasser der „Bekenntnisse“, sei er von Paris nach Vincennes gewandert, um dort seinen Freund Denis Diderot im Gefängnis zu besuchen. Unterwegs habe Rousseau in einer Zeitschrift den Aufruf der Akademie von Dijon zu einem Essaywettbewerb entdeckt. „Haben die Künste und die Wissenschaften dazu beigetragen, die Sitten zu läutern?“ lautete die Preisfrage. Nach der Lektüre der Zeitungsnotiz sei plötzlich nichts mehr gewesen wie zuvor.
Diderot riet ihm, die Preisfrage möglichst originell zu beantworten
Schlagartig sei ihm klar geworden, so Rousseau, dass es nur eine Antwort auf die Frage der Akademie geben könne: Nein! Denn die Zivilisation ist übers Ziel hinausgeschossen. Der Mensch, so Rousseau, wurde durch Kunst, Wissenschaft und sonstige Begleiterscheinungen des allseits bejubelten Fortschritts korrumpiert und ins Unglück gestürzt. Er schrieb den Essay, seinen „ersten Diskurs“, gewann den Akademie-Preis, wurde berühmt und brachte das Kunststück fertig, als einer der prominentesten Vertreter der Aufklärung zugleich deren radikalster Kritiker zu sein.
Selbstverständlich unterzieht Reinhardt auch das viel zitierte Erweckungserlebnis einem Fakten- und Quellencheck. Bereits Rousseaus Datierung auf einen „heißen Tag“ fällt durch. Die Ausschreibung der Akademie erschien zwar tatsächlich 1749 im „Mercure de France“, allerdings erst im Oktober, der in diesem Jahr ungewöhnlich kühl ausfiel. Ein gewichtigerer Einwand gegen Rousseaus Version stammt von dem damals inhaftierten Diderot, den Reinhardt hier ebenfalls zu Wort kommen lässt: Demnach sei Rousseau, als er in Vincennes ankam, noch völlig unschlüssig gewesen, wie er die Preisfrage beantworten solle. Da habe er, Diderot, dem Freund geraten, eine möglichst originelle Position zu vertreten, die zivilisationskritische. Rousseau habe das beherzigt.
War womöglich ausgerechnet der Erzenzyklopädist und Fortschrittsverfechter Diderot durch sein launiges Coaching der Geburtshelfer des Fortschrittskritikers Rousseau? Über diese Frage haben sich schon Generationen von Ideenhistorikern den Kopf zerbrochen. So findet sich Diderots Aussage längst im umfangreichen Anhang der renommierten Pléiade-Ausgabe von Rousseaus Gesamtwerk. Gleiches gilt für fast alle Dokumente, Briefe, Wetteraufzeichnungen, Register- und Kirchenbucheinträge, auf die Reinhardt verweist, wenn er Rousseaus Schilderung korrigiert. Ein bahnbrechend neuer Beitrag zur Rousseau-Forschung wird mit dieser Biographie also nicht geleistet.

Nur ist das auch gar nicht Reinhardts Absicht. Wenn er Rousseaus Selbstinszenierung gegen den Strich liest und dabei bisweilen etwas arg kleinteilig sämtliche seiner Schriften zusammenfasst, vermisst man zwar ein wenig die thematische Bündelung. Doch nach und nach entsteht ein eindringliches, hochauflösendes Porträt des Titelhelden mit all seinen Peinlichkeiten, Großartigkeiten und Widersprüchen.
Der schockierendste dieser bekannten Widersprüche: Während Rousseau in seinen pädagogischen Schriften, allen voran „Émile“, für die Schutzbedürftigkeit und Eigengesetzlichkeit der Kindheit eintrat, zeugte er mit Thérèse Levasseur, seiner Gefährtin ab 1745, fünf Kinder, die er alle ins Pariser Findelhaus gab, wo die Überlebenschancen gering waren. Natürlich findet sich auch dieses Geständnis in Rousseaus Selbstbeschreibung. Bisweilen scheint er regelrecht süchtig nach Selbstanklage, Kniefall und Buße. Reinhardt zufolge ist das auch nur eine raffinierte Form der Selbstüberhöhung. Denn für Rousseau ist nur dem auserwählten Ausnahmemenschen, damit meint er natürlich sich selbst, ein solch schonungsloser Grad an Selbsterkenntnis möglich.
In harschem Kontrast zur eitlen Larmoyanz der „Bekenntnisse“ steht Rousseaus kühle Souveränität in intellektuellen Debatten. Mutig ist er zudem. Während seine Feinde Voltaire und d’Holbach ihre religionskritischen Schriften anonym veröffentlichen, zeichnet Rousseau noch so brisante Texte mit seinem Namen. So wird der passionierte Paranoiker irgendwann tatsächlich zum Verfolgten. Eine eigentümliche Pointe ist zudem, dass Rousseau, der nicht müde wurde, seine Andersartigkeit und Unvergleichlichkeit zu betonen, und damit das moderne Lebensgefühl eines Außenseiters erfand und radikal aufwertete, zugleich zum Theoretiker eines überindividuellen, „Gemeinwillens“ wurde, der für manche Kritiker in Richtung Totalitarismus weist.
Das imposante Nachleben Rousseaus – von Robespierre über die Frühsozialisten, Romantiker, Reformpädagogen bis hin zu gegenwärtigen Alternativ- und Klimabewegungen – streift Reinhardt nur beiläufig. Wie in seinen zahlreichen früheren Biographien, etwa zu Montaigne, de Sade, Machiavelli oder zu Rousseaus Widersacher Voltaire, ist Reinhardt auch diesmal dem Vorsatz gefolgt, seinen Titelhelden aus allen nachträglichen weltanschaulichen Vereinnahmungen und Aktualisierungsversuchen herauszulösen, um Werk und Person ganz aus dem historischen Kontext verständlich zu machen. Nebenbei hat Reinhardt hier Rousseau auch aus der Vereinnahmung durch Rousseau herausgelöst. Dem großen Authentizitätsversprechen der „Bekenntnisse“, in denen es heißt: „Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Wahrheit der Natur zeigen“, wurde in gewisser Weise doch noch nachgekommen.
Volker Reinhardt: „Rousseau“. Auf der Suche nach der verlorenen Natur. C.H. Beck, München 2026. 463 S., Abb., geb., 34,– €.
Source: faz.net