Jean-Claude Michéa: Der Liberalismus hat ausgedient
Es steht schlecht um den Liberalismus. Globale Krisen und neue politische Konfliktlinien machen sichtbar, was sich vielerorts längst offen Bahn bricht: Das liberale Denken verliert seine normative Leitfunktion. Nach Jahrzehnten der unangefochtenen Hegemonie wirkt die liberale Ordnung für viele Beobachter zunehmend als Verursacher und Verstärker der Krisen, mit denen sie zu kämpfen hat. Vor diesem Hintergrund floriert das Nachdenken über eine nachliberale Zukunft, das die gegenwärtige Krise als Chance für alternative Ordnungsentwürfe begreift.
Insbesondere im englischsprachigen Raum hat sich hierzu eine lebhafte öffentliche wie akademische Debatte entwickelt: Postliberale Theoretiker verknüpfen ihre Abgesänge auf den Liberalismus mit Entwürfen alternativer politischer Ordnungen. Die Einordnung dieser Beiträge ist kompliziert: Klassenkampfrhetorik und Kapitalismuskritik treffen auf kommunitaristische Gemeinschaftsvorstellungen, die Kritik politischer Eliten und der Wunsch nach demokratischer Selbstregierung auf einen obskuren katholischen Integralismus. Postliberalismus, so wird schnell deutlich, bezeichnet kein einheitliches politisches Lager, sondern bildet ein heterogenes Feld, in dem unterschiedliche Spielarten nachliberaler Politikentwürfe aufeinandertreffen.
Jean-Claude Michéa: Warum der Liberalismus in der Krise ist
Ohne den Begriff des Postliberalismus zu beanspruchen, bietet der französische Philosoph Jean-Claude Michéa eine eigenständige Position innerhalb dieses Feldes an. Sein Denken weist Überschneidungen mit postliberalen Argumentationen auf, verortet sich jedoch zugleich im Umfeld linker Semantiken und Theorien. Den modernen Liberalismus deutet Michéa als eine historisch gewachsene Einheit aus politischen, kulturellen und ökonomischen Aspekten, die nicht voneinander zu trennen sind. Dieser „real existierende Liberalismus“ stelle ein Gesamtregime, eine Art umfassende master ideology dar, in der die freiheitlichen Aspekte des Liberalismus untrennbar mit den Strukturen des Marktfundamentalismus verbunden seien.

In dieser „doppelten Gestalt des Liberalismus“ verschränken sich laut Michéa schließlich ein ökonomischer Liberalismus, der traditionell von der Rechten vertreten wird und sich an unternehmerischer Freiheit und staatlicher Zurückhaltung orientiert, sowie ein kulturell-progressiver politischer Liberalismus, der individuelle Autonomie und die Befreiung von Kontrolle und moralischen Zwängen verheißt.
Drei thematische Felder sind für den linken Postliberalismus Michéas zentral: Erstens betont er mit Verweis auf kommunitär-populistische Denker wie Christopher Lasch die Notwendigkeit von Elitenkritik. Seine politische Programmatik identifiziert schonungslos die Abwertungsmechanismen des liberalen bürgerlichen Milieus gegenüber den unteren sozialen Klassen, die als kulturell rückständig und politisch reaktionär gebrandmarkt werden.
Intellektuelle Verachtung für die arbeitenden Klassen
Dieser, auch im Juste milieu der politischen Linken verbreitete, „Blick nach unten“ sei nicht nur der Grund für die Hinwendung der Arbeiterklassen zur Rechten, sondern auch eine intellektuelle Bankrotterklärung, in der die hegemonialen Positionen von Eliten nicht mehr hinterfragt würden. Ideologisch verblendet und erziehungsbedürftig seien schließlich immer die anderen, meistens die „Unteren“.
Zweitens umfasst Michéas Denken die Idee eines „ursprünglichen Sozialismus“, der sich „wesentlich auf die Vorstellungen von Moral und Gemeinschaft bezieht“ und auf einer unter anderem von George Orwell der Arbeiterklasse zugeschriebenen Einstellung der „common decency“ aufbaut. Diese volkstümliche Form der Empathie, die sich im Deutschen als „allgemeiner Anstand“ übersetzen lässt, solle sich nicht aus abstrakten Normen ableiten, sondern ihre sozialintegrative Kraft vielmehr aus lebensweltlich verankerten Tugenden und der Erfahrung eines egalitären Gemeinschaftslebens entwickeln. Schließlich insistiert Michéa auf einer Abkehr vom liberalen Progressivismus, unter dessen Deckmantel der Siegeszug liberaler Eliten und marktförmiger Verwertungslogiken vollzogen worden sei. Es gelte, die Illusion des Fortschritts aufzugeben, die der Koalition zwischen linken kulturellen Praktiken und rechten Marktgesetzen zugrunde liege.
Ein linker Postliberalismus als Zukunftschance?
Außerhalb Frankreichs, wo Michéas scharfe Essays breit diskutiert wurden, gab es darüber nur wenig zu lesen. In Deutschland publizierte einzig Matthes & Seitz 2014 einen schmalen Band. „Das Reich des kleineren Übels“ galt unlängst noch als Geheimtipp und wurde vom Verlag als radikaler Angriff auf die liberale Gesellschaft, „jenseits von rechts und links“ angekündigt. Im Angesicht der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, die dem postliberalen Denken Aufwind bescheren, steigt nun auch das internationale Interesse.linker Postliberalismus?
Der amerikanische Ideenhistoriker Michael C. Behrent charakterisiert Michéa in einem neuen Sammelband nun als „linkskonservativ“. In „Towards A Conservative Left“ macht er die Texte Michéas erstmals auf Englisch zugänglich. Aus dieser Sammlung von Michéas zentralen Aufsätzen und persönlichen Gesprächen ergibt sich das Porträt eines Nonkonformisten, der einerseits die Erosion geteilter gesellschaftlicher Wertevorstellungen und den Ausschluss sozialintegrativer Tugenden in der liberalen Gesellschaft beklagt, andererseits zugleich jedoch auch neue Wege einer egalitären und freien Gemeinschaft jenseits des Liberalismus einfordert.

Sicher ist sich Michéa indes, dass die gegenwärtige politische Linke diese Transformation nicht zu vollbringen vermag. Zu stark sei die elitäre Ablehnung der unteren Klassen, zu fortgeschritten der liberale Konformismus, dem er mit Lasch eine „Kultur des Narzissmus“ diagnostiziert. Genau darin findet sich das von Behrent in seiner Einleitung hervorgehobene „konservative“ Element, das sich dennoch nahtlos in Michéas maßgeblich durch Marx geprägte revolutionäre Semantik einfügt: Während die progressive Linke dem liberalen Fortschrittsimperativ über die offene Gesellschaft verfalle, dessen soziale Realität sich jedoch einzig in der Stabilisierung elitärer wie marktförmiger Machtansprüche zeige, vertrete Michéa eine „faszinierende Mischung aus der Sensibilität der Arbeiterklasse“ und einer „konservativen Gesinnung“ (Michael Oakeshott). Revolutionärer Egalitarismus und die Konservierung der lebensweltlichen Tugenden und Kulturen der Arbeiterbewegung werden zur Deckung gebracht.
Michéas Essays liefern auf diese Weise Anhaltspunkte für einen linken Postliberalismus, der vom Stadium einer tragfähigen politischen Theorie indes noch weit entfernt ist. Die zentralen Elemente sind mit seinem Werk jedoch markiert. Dass mit seiner Kritik des Liberalismus zudem ein Nerv getroffen wurde, zeigt sich auch hierzulande: In ihrem Bestseller „Zerstörungslust“ präsentieren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey Michéa als Vorlage für einen „postliberalen Antifaschismus“, der die liberale Gesellschaft von ihren autoritären Versuchungen befreien soll.
Dafür müsste, mit Michéa gesprochen, allerdings weit mehr geschehen. Mit Blick auf sein Werk wird deutlich, dass ein linker Postliberalismus auch unbequeme Konsequenzen beinhaltet und mit der politischen Linken und ihren liberalen Verbündeten hart ins Gericht gehen müsste: Dazu gehört auch die Aufgabe eines Progressivismus, der liberale Werte und Praktiken als unhinterfragbar voraussetzt und jeden Rückgriff auf vergangene oder partikulare Formen sozialer Solidarität als reaktionär verwirft.
Source: faz.net