Italien und Afrika: In Addis Abeba ist Meloni Ehrengast

Während am vergangenen Wochenende Dutzende Staats- und Regierungschefs zur Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) pilgerten, flog Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nach Addis Abeba. In die bayerische Hauptstadt schickte sie stattdessen Außenminister Antonio Tajani.
In Addis Abeba nahm Meloni als „Ehrengast“ am 39. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) teil. Meloni war die einzige ranghohe Vertreterin eines westlichen Staates bei dem AU-Treffen. Außerdem saß Meloni, gemeinsam mit dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abyi Ahmed, dem zweiten Italien-Afrika-Gipfel vor, an dem neben Gastgeber Äthiopien weitere 13 afrikanische Partnerländer teilnahmen.
Zum ersten Gipfeltreffen Italiens mit afrikanischen Staaten hatte Meloni im Januar 2024 nach Rom eingeladen. Damals waren auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola nach Rom gekommen. Ein weiteres Treffen zum Schwerpunkt Afrika der italienischen Außenpolitik unter Meloni fand im Juni 2025 abermals in Rom statt.
„Ein Kontinent mit tausend Besonderheiten“
In Addis Abeba war Meloni sowohl beim AU-Gipfel wie bei dem von Rom und Addis Abeba gemeinsam ausgerichteten Italien-Afrika-Gipfel die einzige maßgebliche Vertreterin Europas. „Italien und Europa können nicht an die Zukunft denken, ohne Afrika die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, denn unsere Zukunft hängt von der euren ab“, sagte Meloni zum Auftakt des AU-Gipfels in ihrer Grundsatzrede. In den landläufigen Analysen über unsere „schwierigen und komplexen Zeiten“ heiße es oft, „die Geschichte habe wieder Fahrt aufgenommen“, sagte Meloni. Wenn man dieser Analyse zustimme – und man müsse ihr zustimmen, so Meloni –, dann sei „Afrika kein Randaspekt dieser Geschichte, ganz im Gegenteil“.
Es gelte, die Realität des benachbarten Kontinents mit seinen derzeit rund 1,57 Milliarden Einwohnern zu erkennen: „ein Kontinent mit tausend Besonderheiten und tausend Bedürfnissen, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden; ein Kontinent, der reich an Ressourcen, Rohstoffen und Ackerland ist und vor allem an einem Gut, welches im Zeitalter des Wissens die entscheidende Kraft ist: Humankapital“. Italien beabsichtige weiter, eine „privilegierte Brücke zwischen Europa und Afrika zu sein und die Stärke seiner Institutionen, seine lange Tradition des Dialogs und die Expertise seiner Unternehmen einzubringen“, versprach Meloni.
Sie verhehlte nicht, dass Italien dies auch und gerade im eigenen Interesse tue: um den Druck auf ihr Land durch die Migration aus Afrika über das Mittelmeer nach Italien zu reduzieren. Italien wolle dazu beitragen, den „Männern und Frauen dieses Kontinents eine Freiheit zu garantieren, die ihnen allzu oft verwehrt wird: die Freiheit, in ihrem eigenen Land zu bleiben und zu dessen Entwicklung beizutragen, ohne gezwungen zu sein, es zu verlassen, wobei sie oft skrupellose Schleuser bezahlen und ihr Leben riskieren müssen, um das Mittelmeer zu überqueren“.
In dem Zusammenhang zitierte Meloni den guineischen Kardinal Robert Sarah, eine maßgebliche Stimme der Konservativen in der Weltkirche, den sie als „stolzen Sohn Afrikas“ bezeichnete: „Wenn junge Menschen ihre Heimat und ihr Volk auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen, was wird dann aus der Geschichte, der Kultur und der Existenz des Landes, das sie im Stich gelassen haben?“
„Der Nahe Osten hat für uns Priorität“
Maßgebliches Instrument der Afrika-Politik Roms ist der sogenannte Mattei-Plan, an dem sich inzwischen 14 afrikanische Länder beteiligen – von Algerien und Angola, Ägypten und Äthiopien über die Elfenbeinküste und Ghana, Kenia und die Republik Kongo bis zu Mauretanien, Marokko und Mosambik und schließlich Senegal, Tansania und Tunesien. Der beim ersten Italien-Afrika-Gipfel vorgestellte Mattei-Plan – benannt nach Enrico Mattei (1906 bis 1962), dem Manager der staatlichen Mineralölgesellschaft Eni – sei „kein italienischer Plan für Afrika, sondern ein Beitrag Italiens zur Agenda Afrikas auf Augenhöhe“, sagte Meloni.
Das Finanzierungsvolumen beträgt bisher rund 5,5 Milliarden Euro. Schwerpunkte sind Bildung, Landwirtschaft, Gesundheit, Energie und Wasser sowie der sogenannte Lobito-Korridor, eine gut 3500 Kilometer lange Fernstraßenverbindung vom Atlantikhafen Lobito in Angola über die Bergbauregionen in der Demokratischen Republik Kongo, Sambia und Simbabwe bis nach Beira in Mosambik am Indischen Ozean.
Von Addis Abeba aus beteiligte sich Meloni jedoch auch an den Debatten, die bei der MSC geführt wurden. So widersprach sie Bundeskanzler Friedrich Merz entschieden, der in München scharfe Kritik an der „MAGA-Kultur“ der Regierung in Washington unter Präsident Donald Trump geübt und vor einem Bruch der transatlantischen Beziehungen gewarnt hatte. Meloni bekräftigte, dass die Verbindung zwischen Europa und den USA unersetzlich sei. Es gelte, die Gräben zwischen Europa und den USA zuzuschütten statt sie zu vertiefen, sagte sie. Gerade erst hatten Rom und Berlin eine neue Phase ihrer Beziehungen verkündet, die so eng wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien.
Meloni verkündete in Äthiopien außerdem, dass Italien sich als Beobachter an dem von Trump ins Leben gerufenen Friedensrat beteiligen werde. Aus verfassungsrechtlichen Gründen könne Italien sich zwar nur mit Beobachterstatus an dem neuen Gremium beteiligen, Rom befürworte die Initiative Trumps aber grundsätzlich: „Der Nahe Osten hat für uns Priorität, wie die gesamte Arbeit Italiens in dieser Region beweist.“ Sie würde es begrüßen, wenn auch andere Anrainerstaaten, namentlich des östlichen Mittelmeers, sich an der Friedensinitiative Trumps beteiligten, sagte Meloni. Fraglich sei noch, ob sie selbst am Donnerstag nach Washington reisen werde oder sich bei dem Anlass abermals von Außenminister Tajani vertreten lasse.
Source: faz.net