IT-Beratungskonzern: Capgemini zieht die Reißleine

Die Entscheidung fiel am Wochenende auf einer Sondersitzung des Verwaltungsrats: Nach viel Kritik an der Zusammenarbeit mit der umstrittenen amerikanischen Abschiebebehörde ICE hat Capgemini sich entschlossen, die amerikanische Tochtergesellschaft Capgemini Government ­Solutions (CGS) zu verkaufen. Der Verkaufsprozess werde „unverzüglich eingeleitet“, teilte der französische IT-Beratungskonzern nach der Sondersitzung mit. An wen die Sparte verkauft wird, ist noch unklar.

Eine angemessene Kontrolle der Tochtergesellschaft sei wegen der mit der amerikanischen Regierung vereinbarten Geheimhaltungsauflagen nicht möglich. „Capgemini kam zu dem Schluss, dass die üblichen rechtlichen Beschränkungen für Verträge mit Bundesbehörden, die in den Vereinigten Staaten geheime Tätigkeiten ausüben, es dem Konzern nicht ermöglichten, bestimmte Aspekte der Geschäftstätigkeit dieser Tochtergesellschaft angemessen zu kontrollieren, um die Übereinstimmung mit den Zielen des Konzerns sicherzustellen“, hieß es zur Begründung.

Ein Konzern in Erklärungsnot

Capgemini war in Erklärungsnot geraten, nachdem bekannt wurde, dass die Tochtergesellschaft in den USA die ICE-Behörde berät, die im Auftrag der Trump-Regierung Migranten ohne Papiere aufspüren soll. Die französische Zeitung „Les Echos“ berichtete von drei großen Beratungsverträgen von CGS mit der ICE. Dazu zählte ein Mitte Dezember 2025 unterschriebener Vertrag, bei dem es um Hilfe beim Aufbau eines Systems zur Lokalisierung von Einwanderern ohne Papiere gehen soll.

In einer ersten Reaktion hatte Capgemini-Geschäftsführer Aiman Ezzat vor einer Woche gesagt, auch er habe über die Art des im Dezember geschlossenen Vertrages erst kürzlich aus öffentlichen Quellen erfahren. Die Tochtergesellschaft CGS unterliege Geheimhaltungsvorschriften und agiere weitgehend autonom. Die Kritik ebbte danach aber nicht ab. Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Roland Lescure forderte lückenlose Aufklärung. Unternehmen müssten wissen, was in ihren Tochtergesellschaften vor sich geht. Sophie Binet, die Generalsekretärin der scharf linksgerichteten französischen Gewerkschaft CGT, hatte die Geschäftsführung aufgefordert, die Zusammenarbeit mit der ICE „sofort einzustellen“.

Daraufhin war für das Wochenende die Sondersitzung des Verwaltungsrats anberaumt worden. Das Management wandte sich mit einer internen Nachricht direkt an die eigene Belegschaft. Die Mitarbeiter seien darüber informiert worden, dass der im Dezember abgeschlossene Vertrag mit der ICE-Behörde wegen einer Klage ohnehin ausgesetzt sei, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. „Es ist eine gewisse Genugtuung zu sehen, dass die Forderungen der Gewerkschaften und Arbeitnehmer Gehör gefunden haben“, zeigte sich Frédéric Boloré von der größten französischen Gewerkschaft CFDT über den geplanten Verkauf erfreut. Auch seitens der französischen Regierung wurde die Entscheidung des Verwaltungsrats begrüßt. „Sie können sich sicher vorstellen, dass wir nicht akzeptieren können, dass ein französisches Unternehmen, wenn auch nur indirekt, mit brutalen Methoden und Gewalt in Verbindung gebracht wird, und daher waren Erklärungen erforderlich“, sagte die Ministerin für Überseegebiete, Naïma Moutchou.

Passus von Internetseite verschwunden

Wirtschaftlich fällt der jetzt beschlossene Verkauf für den im französischen Leitindex CAC 40 notierten Beratungskonzern nicht groß ins Gewicht. Die Tochtergesellschaft wurde vor 15 Jahren speziell für die Beratung des öffentlichen Sektors in Amerika gegründet. Ihr Umsatz macht nur 0,4 Prozent des für 2025 geschätzten globalen Umsatzes der Gruppe aus, teilte Capgemini mit. Auch innerhalb des amerikanischen Geschäfts stehe die Sparte nur für einen Anteil von weniger als zwei Prozent des Umsatzes. Das weit größere Geschäft mit der Privatwirtschaft in Amerika wird Capgemini behalten.

Der Imageschaden ist schon jetzt groß. Dabei geht es nicht nur darum, dass Capgemini Verträge mit der ICE-Behörde abgeschlossen hat, sondern auch, wie das Management mit den Vorwürfen umgegangen ist. Bis vor Kurzem rühmte der Konzern sich noch auf seiner Internetseite in der Rubrik „Kundenberichte“ für die Partnerschaft mit der amerikanischen Behörde. Man arbeite eng zusammen, „um den Zeit- und Kostenaufwand für die Abschiebung aller ausweisungsfähigen illegalen Ausländer aus den Vereinigten Staaten zu minimieren“, stand dort. Nachdem die französische Onlinepublikation „L’Observatoire des multinationales“ darüber berichtet hatte, verschwand der entsprechende Passus. „Die Website zu löschen, auf der man seine Zusammenarbeit mit dem ICE anpreist, ist eine Anfängerleistung in Sachen Kommunikation“, kommentierte die Zeitung „Les Echos“.