Israelisches Theaterfestival: Jeder braucht eine Heimat

Schummrige Beleuchtung. Eine dünne Gestalt im Nachthemd, mit struppigen Haaren, tastet sich durch den fast dunklen Raum und schlägt an herabhängende Metallstangen. Die vibrierenden Sounds steigern sich elektronisch zu einem kriegerischen Inferno, der Mensch im Nachthemd bekommt Angst und bläst in eine seltsame Trompete mit sehr langem Hals, die wie eine Sirene klingt. Bombenalarm? Die Gestalt geht ins Bett und zieht die Decke über den Kopf. Aber das Bett ist ein zum Sarg umgebauter Schrank, in den die Gestalt gleich fallen wird. Sie liegt eigentlich schon im Grab.

So beginnt der Schauspieler Losha Gavrielov sein Solostück, das allen Widrigkeiten zum Trotz „Light“ heißt – es wird irgendwann Licht werden in düsterer Zeit, obwohl Gavrielov sich im Lauf der Vorstellung vom verängstigten Zivilisten zum Soldaten wandelt, der sich mit herumliegenden Autokotflügeln panzern muss. Und trotzdem Schmetterlinge jagt. Gavrielov, der zusammen mit seinen ebenso schrägen Kollegen Fyodor Makarov und Vitaly Azarin am Rand von Jaffa das „Davai“-Theater („Los jetzt!“) betreibt, gleich neben einem Schrottplatz, ist eine Beckett-Gestalt. Während der gesamten Vorstellung wird er kein Wort sprechen, und obwohl er das Stück ursprünglich als Reaktion auf Putins Ukraineangriff konzipiert hatte, wird sein Szenario in Tel Aviv jetzt natürlich auf den Krieg mit Gaza, Libanon und Iran bezogen.

Die Zuschauer des Festivals „Isradrama“, die diese drei aus Russland eingewanderten virtuosen Clowns in Jaffa besuchen durften, hatten Glück: ohne den auf Druck von Donald Trump zustande gekommenen Waffenstillstand hätte das Festival nicht stattfinden können. So absurd es klinge, „plötzlich brach Frieden aus“, sagte die Schauspielerin und „Isradrama“-Leiterin Hadar Galron in ihrer Eröffnungsrede – und so durften die fast sechzig Teilnehmer von „Isradrama“ vor geraumer Zeit tatsächlich anreisen. Für Galron eine große Erleichterung, denn noch einmal die Livevorstellungen abzusagen und das Festival nur ins Netz zu stellen, wie in den letzten Jahren, das hätte die israelische Theaterszene erneut isoliert.

Unter dem Eindruck der Boykottaufrufe

Der 7. Oktober, Gazakrieg, propalästinensische Proteste vor allem in Europa und den USA – dieser Vorlauf war auch bei „Isradrama“ zu spüren. Es reisten keine Theaterleute aus den (unter BDS-Einfluss stehenden) boykottwilligen Ländern Westeuropas an, Deutschland war mit sechs Teilnehmern die Ausnahme. Auch Gäste aus Lateinamerika und der Türkei, die vor Corona immer gekommen waren, fehlten. Dafür Osteuropäer, Russen, Asiaten; ein paar Kanadier. Die immens hohe Anzahl chinesischer Teilnehmer zeigt, dass die israelische Kulturpolitik auch den Dialog mit ideologisch ganz anders gepolten Ländern sucht.

„Isradrama“ will Theaterleuten aus aller Welt die neuesten Inszenierungen der israelischen Bühnen zeigen – und danach möglichst auf Gastspielreise schicken. Dass das Programmkomitee diesmal vor allem Aufführungen aus der freien Szene auswählte, bedeutet einen radikalen Paradigmenwechsel und wird den großen Repertoiretheatern in Tel Aviv und Haifa nicht gefallen. Das renommierte Cameri-Theater kam gar nicht vor. Am ehemaligen Gewerkschaftstheater Beit Lessin sah man einen Mutter-Töchter-Konflikt des routinierten Stückeschreibers Hillel Mittelpunkt, der „Mother“ auch inszeniert hat. Mit lesbischer Liebe, Demos gegen die Justizreform und einer ausgewanderten linken Rocksängerin (als Mutter) scheint man am Puls der Zeit, aber theatralisch ist das sehr konventionell. Auch am Nationaltheater Habima ein Familienkonflikt, diesmal als existenziell aufgeladener Vater-Sohn-Zweikampf um akademische Meriten. Die Adaption des Films „Footnote“ durch den Regisseur Moshe Kepten ist sehr typisch für Israel, weil es sich um zwei Talmudforscher handelt, und zeigt die persönlichen Verletzungen akademischer Konkurrenz in einer fragilen Familie, aber auch hier: eher unterforderte Schauspieler, brave Regie.

Verheerte Figuren: Losha Gavrielovs „Light“ auf dem Theaterfestival
Verheerte Figuren: Losha Gavrielovs „Light“ auf dem TheaterfestivalEvgany Leyzerovich

Der Wahnsinn der „Davai“-Clowns spiegelt die Situation der israelischen Gesellschaft besser wider. Am Ende der Vorstellung wurden Plastiksoldaten verteilt, die das Publikum per Verbandspflaster versorgen sollte. Die Traumata des 7. Oktobers werden eben vor allem in der freien Szene bearbeitet. Herausragend „A Place to Live“ des Otef-Hanegev-Theaters. Wir sahen die Aufführung im Kibbuz Urim in der Nähe des Gazastreifens; das Gelände des Nova-Festivals ist gleich in der Nähe. Fünf Personen erzählen aus ihrem Leben und kommen eher beiläufig auf den Tag zu sprechen, der alles veränderte. Das Publikum wird mit Augenzeugenberichten vom 7. Oktober, aber auch mit den Folgen des terroristischen Angriffs konfrontiert, der viele Kibbuzbewohner heimatlos machte. Koffer werden gepackt und im Publikum abgestellt, sehr junge und sehr alte Schauspieler überlegen, wie es jetzt weitergeht und ob man noch einmal von vorn anfangen kann. Auf Filmeinspielungen sieht man, dass sie von der Regierung weit weg in noblen Hotels untergebracht wurden. Aber alle bleiben in ihren Zimmern, keiner benutzt den Swimmingpool. Der Überfall hat das Grundvertrauen zerstört, das Gefühl, eine Heimat zu haben, ist nicht durch Luxusangebote wiederherzustellen.

Als Selbstschutz und Therapie

Um den 7.Oktober geht es auch bei Roee Joseph. Der sehr junge Stückeschreiber und Schauspieler war nach dem Terrorangriff auf dem Militärstützpunkt „Shura“ (so heißt das Stück) stationiert und mit der Aufgabe betraut (oder soll man sagen: geschlagen?), verstümmelte Leichen zu identifizieren. Er begann, quasi als Selbstschutz und Therapie, darüber zu schreiben. Auch im Stück reflektiert er ständig diesen Schreibprozess, die Beziehungen der Soldaten auf der Militärbasis, die Ereignisse des 7. Oktobers, und er denkt über die unfassbar zugerichteten Leichen nach, mit denen er zu tun hat. In der Aufführung, die wir im Tmuna-Theater sahen, dem wichtigsten Alternativtheater Tel Avivs, werden ständig aufgeblasene weiße Plastiksäcke als Platzhalter für die Toten durch die Gegend gefahren. Diese zwar ritualhaft eindrückliche, mit der Zeit aber eher verlegene szenische Lösung zeigt das Problem des Stücks: Seine Erlebnisse haben den Autor – verständlicherweise – so sehr überwältigt, dass er eine überzeugende dramaturgische Form nicht finden konnte. Ständig fragt er sich im Stück, wie er es schaffen kann, das Erlebte darzustellen. Vielleicht ist die Antwort einfach: Man kann es nicht darstellen. Oder vielleicht erst sehr viel später, mit viel Abstand.

Die Traumatisierung der israelischen Gesellschaft ist, direkt oder indirekt, das Hauptthema des Festivals. Auf einem Panel wurden verschiedene, nicht immer einleuchtende Spielformen vorgestellt: chorisches Auftreten Überlebender des Nova-Popfestivals, Schauspielerinnen, die ihren Kindern den Aufenthalt im Schutzbunker als Abenteuerspiel zu verkaufen suchen. Alle sind psychisch verletzt, alle suchen Therapie. Die überzeugendste Arbeit dazu ist „Everything Remains Alive“ der Regisseurin Yarden Gilboa: Sie beschäftigt sich mit der posttraumatischen Belastungsstörung, die ein Soldat schon 2004 während seines Wehrdienstes in Gaza erlitten hat, als er Leichenteile von Kameraden bergen musste. Seine Ehefrau, die Schauspielerin Dana Keila, berichtet von der Verwandlung ihres Mannes – und von ihren Anstrengungen, trotz dessen Verzweiflung und Unberechenbarkeit ein Familienleben zu führen. Der Ehemann wird von einem Schauspieler gegeben, aber irgendwann kommt der echte Traumatisierte auf die Bühne. Auch das ist israelische Realität: In jeder Familie gibt es Tote und Verletzte. Die ungeheuer starke und bühnenpräsente Dana Keila zeigt hier den Kampf ihres Lebens als Reenactment, und manchmal fällt das Zuschauen sehr schwer.

Mitgefühl für die Palästinenser

Die israelischen Theaterleute haben aber die palästinensische Seite nicht vergessen. Bei fast allen Gesprächen hört man Mitgefühl für die Bevölkerung von Gaza und Kritik an der eigenen Regierung. Die einen hoffen, dass der Waffenstillstand hält; die gefühlte Mehrheit der Theaterleute glaubt allerdings, dass die Hamas sich nicht ergeben wird und dass alles auf einen neuen Waffengang mit Iran hinausläuft. Damit wird auch der Kulturbetrieb umgehen müssen.

Dass Frauen sich an israelischen Bühnen jetzt stärker bemerkbar machen, auch als Regisseurinnen, wäre einem in den Tel Aviver Staatstheatern nicht unbedingt aufgefallen. Durch die Konzentration des Festivals auf die freie Szene gerät die Handschrift von Frauen stärker in den Blick: die erfahrene Hana Vazana Grunwald etwa inszenierte am Arab-Hebrew Theatre in Jaffa „That is to Say“ (nach einem Roman von Sami Berdugo). Ein in Israel geborener Intellektueller versucht, seiner aus Marokko eingewanderten greisen Mutter die hebräischen Buchstaben beizubringen. Sie kann weder lesen noch schreiben, und sie will das auch gar nicht lernen, sondern dem Sohn von ihrem Leben in der Diaspora erzählen. Die Mizrachim, besonders die aus Nordafrika immigrierten Juden, haben in Israel immer noch sehr wenig politischen Einfluss. Die Schauspielerin Pazit Yaron Minkowski macht aus der Alten eine anrührende Studie lebenserfahrener, resignativer Klugheit, untermalt von fast psychedelisch vor sich hintänzelnder maghrebinischer Musik.

Mit Aya Kaplan hat das Stadttheater Be’er Sheva seit Neuestem eine Intendantin, die Frauenthemen auf den Spielplan setzt. Zum Beispiel das von ihr geschriebene „Permitted to Any Man“, in dem die unglücklich verheiratete Effi die Scheidung von ihrem orthodox gläubigen Ehemann durchsetzen will. In Israel ist das für Frauen auch heute noch mit zahlreichen Hindernissen und Demütigungen verbunden, bis hin zum Erscheinen vor dem Rabbinat, wenn der Mann die Scheidung verweigert. Die Inszenierung war nur als Film zu sehen; Kaplan inszeniert den Konflikt als Psychokrieg, bei dem sie auch dem überforderten Ehemann so etwas wie ungläubiges Verständnis entgegenbringt. Andere Aufführungen des Hauses zeigen Familienkonstellationen, wo der Ehemann selbst nach seinem Tod noch das Leben der Frau bestimmt. In „Till Death Unites Us“ hinterlässt der verstorbene Gatte seiner Frau eine Liste mit drei Männern, die sie als Nachfolger ins Auge fassen möge. Das ist vordergründig als Komödie angelegt, über diesen Trick aber natürlich antipatriarchales Theater.

Was für geniale Schauspieler!

Viele Widersprüche passen in die israelische Gesellschaft und in ihr Theater. Krankenhausclowns trösten Überlebende des 7. Oktobers und bauen die Filmschnipsel in eine Theaterperformance, Puppen dienen als Mediatoren, wenn es schwierige oder traurige Themen zu besprechen gilt. Der legendäre Regisseur Yossi Izraeli, jetzt 86 Jahre alt, kam auf das Festival und zeigte Auszüge aus seiner Inszenierung von Kafkas „Verwandlung“ – da ging kurz die Sonne des Welttheaters auf. Der Ansatz ist einfach: Gregor Samsa kann oder will nicht aufstehen, er hat Gründe. Aber was für geniale Schauspieler: der massige Eyal Nachmias als Kafkas dröhnender Vater, Adi Bar und der als Tänzer ausgebildete Anatoly Shenfeld als sich windende Gregor-Käfer. Artistisch konzentriertes Theater, szenischer Minimalismus als Programm.

Zum Schluss nahm uns der Regisseur Itay Tiran mit auf einen Gang durch vierhundert Jahre jüdischer Geschichte. „Seelen“ heißt das weit ausgreifende Stück von Roy Chen, zu sehen im Gesher-Theater. Über den Trick der Seelenwanderung wird von wechselnden jüdischen Identitäten erzählt, von Russland und Venedig und Israel, von Purimspiel, Karneval, Travestie, Sex und heutiger Tel Aviver Jugendtristesse. Da ist er wieder, der umherirrende Jude, der auch nach dem 7. Oktober im überfallenen Kibbuz die Koffer packen musste. Er lebt, als heimliche Hauptfigur, auch auf diesem Festival. Und er braucht eine Heimat.

Im letzten Jahr, während des Gazakriegs, hatte die großartige Shimrit Ron vom Hanoch Levin Institute for Israeli Drama eine Art Notfestival organisiert – und es kamen fünf Teilnehmer. Diesmal war „Isradrama“ nahezu normal, ohne Raketenalarm, mit einer riesigen Vielfalt an Teilnehmern, Themen und Spielformen. Aber vielleicht ist das wieder nur eine Atempause. Festivalleiterin Hadar Galron feierte als Schauspielerin einen Tag nach Ende des Festivals die Premiere ihres Kabarettprogramms. Es heißt „The Final Final Solution“, die endgültige Endlösung. Iran und Hamas haben diese Lösung ja bereits länger im Angebot. In Europa nimmt man solche Vorschläge etwas weniger ernst als in Tel Aviv, wo das Wetter meist heiter, die Zukunft aber immer unsicher ist.

Source: faz.net