Israelisch-libanesische Grenze: Leben in dieser Eskalationszone
Reportage
Seit dem Angriff der USA und Israels auf Iran herrscht vor allem im Norden Israels erneut Ausnahmezustand. Der Ort Metula ist an drei Seiten vom Libanon umgeben und besonders gefährdet. Die Anwohner allerdings wollen bleiben.
Miry Menashe steht hinter der Kaffeemaschine des Café Bela. Es duftet nach Zimtschnecken. Stühle mit bunten Kissen, ein Wandregal mit Kuscheltieren und Büchern laden zum Entspannen ein.
Plötzlich ein Knall. Menashe lächelt. „Was sie hören, ist mein bester Freund geworden in den vergangenen Wochen“, sagt sie. „Ich knuddle nachts mit ihm. Nichts worüber man sich Sorgen machen muss. Wenn es eine Rakete ist, würde es pfeifen.“
Cafébesitzerin Miry Menashe möchte in Metula bleiben. Sie wartet darauf, sich der Armee anschließen zu können.
„Wenn Sie an der Grenze leben, ist es nicht sicher“
Auch als ein Kampfjet über die Häuser der 2.000-Einwohner-Gemeinde Metula fliegt, schaut keiner der Gäste auf. Alltag im Ort, der an der Nordgrenze Israels liegt und von drei Seiten vom Libanon, von den Kämpfen der israelischen Soldaten mit der Terrormiliz Hisbollah umgeben ist.
„Wenn Sie nach Metula kommen und als erstes an Sicherheit denken, sind sie hier falsch“, sagt Menashe. „Wenn Sie an der Grenze leben, ist es nicht sicher. Besonders, wenn Sie Feinde wie die Hisbollah haben. Solange mein Herz schlägt, meine Arme, Beine und Augen funktionieren, mache ich weiter. Es ist schwerer, aufzuhören als weiterzumachen.“ Die 41-Jährige öffnet ihr Café jeden Tag für Rückkehrer und israelische Soldaten.
Wer noch da ist, will diesmal bleiben
Nur 1.000 der 2.000 Einwohner Metulas sind nach der letzten Auseinandersetzung mit der Hisbollah vor anderthalb Jahren zurückgekehrt. Die Einwohner Metulas wollen diesmal während des Krieges, bei dem Iran und die Hisbollah gemeinsam auf Israel feuern, bleiben.
Auch Yedidya Sabag. Der junge Mann mit Ohrringen, Schnurrbart und Brille raucht auf der Terrasse eine Zigarette. Immer wieder knallt es. Vergangenes Wochenende sei eine Rakete direkt vor seinem Haus eingeschlagen, erzählt er.
„Ich bin raus, habe gesehen, dass es zwei Autos getroffen hat. Ich bin wieder rein, habe eine geraucht. Das Auto gehörte meinem Freund, der mich besucht hat. Ich hab ihn geweckt und gesagt: ‚Dein Auto ist in die Luft geflogen‘.“ Sabag lacht, wirkt unbegreiflich abgebrüht.
Yedidya Sabag repariert in Metula Traktoren.
„Den Terror ein für alle Mal beenden“
Die Menschen im Norden Israels hätten eine andere Einstellung zum Krieg als in Tel Aviv, erklärt der junge Mann, der in Metula Traktoren repariert und selbst einmal in der Metropole gelebt hat. Wenige Meter entfernt auf der menschenleeren Hauptstrasse Metulas steht noch das Auto von Sabags Freund. Auf dem Weg dahin ein immer noch beschädigtes Hotel, immer wieder ist Artillerie zu hören.
Das Auto ist zerdellt und mit Löchern durchsiebt. Wäre jemand drin gewesen, hätte er nicht überlebt, sagt Sabag. „Wäre das Raketenteil 20 Meter weiter nach links gefallen, hätte es mein Haus getroffen. Aber Gott wollte, dass ich hierbleibe.“ Er wolle keine Waffenruhe mit der Hisbollah oder mit Iran, erklärt er. „Ich will, dass wir den Terror um uns herum ein für alle Mal beenden. Damit hier für die nächsten 20 Jahre Ruhe ist.“
Wenige Meter von Sabags Haus entfernt schlug eine Rakete in ein Auto ein.
Hunderttausende im Südlibanon auf der Flucht
In den israelischen Medien wird von der Möglichkeit einer schnellen Waffenruhe gesprochen, dass es Gespräche mit Iran geben könnte. Dabei hatte Israels Verteidigungsminister Israel Katz angekündigt, die Armee wolle das Gebiet im Südlibanon 30 Kilometer hinter der Grenze bis zum Litani-Fluss einnehmen, um eine Sicherheitszone für die Bewohner des Nordens zu schaffen.
„Hunderttausende im Südlibanon, die wir zur Evakuierung aufgefordert haben, werden nicht dorthin zurückkehren, bis die Sicherheit für unsere Bewohner an der Nordgrenze garantiert ist“, sagte Katz. „Alle fünf Brücken, die die Hisbollah für den Waffentransport benutzt hat, haben wir gesprengt. Wir werden die übrigen Brücken kontrollieren und die Sicherheitszone, die bis dahin reicht. Das israelische Militär wird da sein.“
„Damit können wir einfach nicht leben“
Ein junger Reservist hat sich an einen Tisch des Café Bela gesetzt. Täglich sei er im Südlibanon im Einsatz erzählt der Mann, der Eitan heißt und ursprünglich aus den USA stammt.
Er wäre lieber bei seiner Frau und seinen Kindern, in seinem Job, erzählt er. „Aber das, was am 7. Oktober passiert ist, das hätte hier im Norden passieren können.“ In den Häusern im Südlibanon habe die Armee Sprengstoff, Munition, Maschinengewehre und Raketenabschussrampen gefunden. „Sie waren auf Metula und auf Israel gerichtet. Damit können wir einfach nicht leben.“
Überall in Metula lassen sich die Spuren des Krieges sehen – wie hier an einem beschädigten Hotel.
Sicherheitszone „ein wichtiges Pflaster“
Es sei sein siebter Einsatz im Südlibanon, erzählt Eitan. Die libanesischen Dörfer rund um Metula sind zerbombt und menschenleer. Vom Grenzzaun aus ist eine Trümmerwüste zu sehen. Mehr als 700.000 Menschen sollen im Libanon auf der Flucht sein, sagen Hilfsorganisationen.
Eitan glaubt, dass er noch eine ganze Weile im Einsatz sein wird: „Ich denke, dass die Sicherheitszone im Südlibanon, die wir schaffen, ein Pflaster ist. Ein wichtiges Pflaster. Aber es ist keine langfristige Lösung. Unser Ziel ist es, dass wir hier nicht wieder in zwei Jahren herkommen müssen.“
„Ich warte nur auf den Anruf“
Cafebesitzerin Miry Menashe ist an diesem Tag zufrieden mit ihrem Geschäft. Sie will auf jeden Fall in Metula bleiben. Vertreiben lässt sie sich nicht nochmal.
„Dass wir hierbleiben, das ist wahrer Zionismus. Ich will ein menschliches Schild sein. Ich habe volles Vertrauen in die Armee, ich möchte mich ihnen anschließen.“ Sie warte darauf, eingezogen zu werden. „Meine Tasche ist seit einem Monat gepackt. Ich warte nur auf den Anruf.“
Source: tagesschau.de
