„Iron Dome“: VW-Werk in Osnabrück könnte Teile für jedes Raketenabwehr zusammensetzen

Im Volkswagen-Konzern wird seit Längerem nach einer Zukunft für das Werk in Osnabrück gesucht. Der Standort ist klein, aber traditionsreich: Früher produzierte dort das Familienunternehmen Karmann im Auftrag von VW Modelle wie das Golf Cabrio. Nach der Insolvenz von Karmann übernahm der VW-Konzern im Jahr 2010 dann das Werk und rettete viele Arbeitsplätze.

Doch seit Monaten wächst in der Stadt wieder die Sorge. Dem Standort östlich der Innenstadt ist nur noch das T-Roc Cabrio geblieben, und dessen Produktion endet im Herbst kommenden Jahres. Danach will VW in Osnabrück keine Autos mehr bauen. Perspektiven soll nun eine andere Branche bringen: die Rüstung.

VW verhandelt mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense Systems über eine künftige Produktion von Militärgütern in Osnabrück. Konkret soll es um Fahrzeuge für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ gehen, etwa für den Transport von Raketen sowie von Abschussvorrichtungen oder Generatoren, die künftig auch an europäische Staaten verkauft werden könnten.

Gespräche „sehr fortgeschritten“

Die Gespräche seien „sehr fortgeschritten“, heißt es in Wolfsburg. Ob und wann ein Vertrag zustande kommt, ist jedoch noch offen. Die britische Zeitung „Financial Times“ berichtet, durch eine Einigung könnten viele Arbeitsplätze erhalten bleiben und möglicherweise neue entstehen. In Osnabrück arbeiten derzeit rund 2000 Menschen für VW, bei Karmann waren es in den besten Zeiten mehr als dreimal so viele.

Dass die Rüstung in Osnabrück künftig eine Rolle spielen könnte, wird seit Längerem diskutiert. Für die Stadt ist das kein leichter Schritt – auch wegen ihrer Geschichte. Osnabrück nennt sich „Friedensstadt“, weil im Rathaus 1648 der Westfälische Frieden verkündet wurde, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Entsprechend groß ist für manche der Widerspruch, wenn dort nun Militärgüter entstehen. Auf der anderen Seite geht es um viele Arbeitsplätze und um eine Belegschaft, die als flexibel und gut qualifiziert gilt. Aus der Zeit von Karmann verfügt das Werk über Abteilungen und Anlagen, wie sie sonst nur in größeren Fabriken zu finden sind – darunter auch eine eigene technische Entwicklung. Diese Kompetenzen könnten auch für die Rüstungsindustrie interessant sein, heißt es aus der Belegschaft.

Keine einfachen Verhandlungen

Zunächst hatte VW mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall verhandelt. Doch eine Lösung für Osnabrück kam nicht zustande, auch aus politischen Gründen. Eine Möglichkeit wäre gewesen, dass Rheinmetall in Osnabrück einen sechsrädrigen Transportpanzer baut. Dann entschied sich die Bundeswehr aber für ein Modell des finnischen Herstellers Patria. Dabei spielten auch strategische Überlegungen innerhalb der Nato eine Rolle.

Neben dem israelischen Unternehmen Rafael ist VW nun für Osnabrück auch mit dem deutsch-französischen Rüstungsunternehmen KNDS im Gespräch, das vor ein paar Jahren durch die Fusion von Kraus-Maffei Wegmann und Nexter geschaffen worden war. Auch hier soll es um gepanzerte Transportfahrzeuge gehen. Ausdrücklich wird im VW-Management betont, dass es in allen Verhandlungen ausschließlich um Fahrzeuge gehe, nicht um die eigentlichen Waffensysteme, auch wenn die Fahrzeuge solche Systeme tragen können. Das adressiert auch Skepsis innerhalb der einflussreichen IG Metall, die sich laut ihrer Satzung eigentlich „für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ einsetzt.

Offiziell heißt es von VW nur, es würden weiter tragfähige Perspektiven für den Standort Osnabrück nach dem Auslauf der aktuellen Fertigung des Modells T-Roc im Jahr 2027 geprüft. Das Werk habe ⁠in den vergangenen Monaten verschiedene Fahrzeugkonzepte entwickelt, um mögliche Marktchancen und Perspektiven auszuloten. Ob und in welchem
Umfang sich daraus konkrete Projekte ergeben, sei derzeit offen.

In der deutschen Automobilindustrie gelten Partnerschaften mit der Rüstungsbranche schon länger als Chance, um Arbeitsplätze zu sichern. Die Fahrzeugbranche ist wegen der vielen Krisen rund um die Welt schwach ausgelastet. Viele Zulieferer kämpfen ums Überleben, auch die Fabriken großer Hersteller wie VW sind zu wenig ausgelastet. Der Wolfsburger Konzern hatte schon vor anderthalb Jahren einen großen Machtkampf mit der IG Metall ausgefochten, um die Kosten zu senken. Heraus kam ein Kompromiss, laut dem quer über die Standorte rund 35.000 Stellen abgebaut werden. Die Autoproduktion in kleineren Werken, darunter auch Osnabrück, soll enden. Doch gleichzeitig verpflichtete sich das Management, für eine Anschlussbeschäftigung zu sorgen.

Die Rüstungsbranche dagegen sucht seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine nach Wegen, um ihre Produktion zügig auszubauen, auch durch Partnerschaften. So steigt in Frankreich jetzt der Autohersteller Renault auf Bitten des Verteidigungsministeriums in die Drohnenproduktion ein. Renault will dafür mit dem Rüstungsunternehmen Turgis Gaillard zusammenarbeiten und in zwei seiner französischen Werke bis zu 600 Kamikaze-Drohnen pro Monat produzieren, vergleichbar mit den Langstreckendrohnen, mit denen Russland die ukrainische Zivilbevölkerung terrorisiert. Zuletzt hatte eine Studie Chancen für die kriselnde Auto-Zulieferbranche in Sachsen und Thüringen aufgezeigt. Diese könne Kompetenzen ins Militärgeschäft einbringen, etwa in Fertigung von Karosserieteilen, Antriebskomponenten, aber auch Fahrzeug- und Assistenzsystemen, hieß es.