Irankrieg: Ein koloniales Relikt macht Zypern nervös

Nach einem in Libanon gestarteten Angriff mit Drohnen iranischer Bauart ist auf Zypern eine alte Debatte über die Schließung der beiden britischen Militärstützpunkte auf der Insel wieder aufgeflammt.

Präsident Nikos Christodoulidis drückte offen „Verärgerung“ darüber aus, dass das Vereinigte Königreich erst spät – zu spät, wie manche in Nikosia behaupten – öffentlich klargestellt habe, dass die Stützpunkte nicht für Angriffe auf Iran genutzt werden. Außenminister Konstantinos Kombos redete von grundsätzlichem „Missfallen“ bezüglich der Basen, erwähnte zyprische „Fragen“ und „Sorgen“ und sprach sich wenig verhüllt für einen Abzug der Briten aus. In der Hauptstadt Nikosia wurde auf einer Demonstration dasselbe gefordert.

Vorausgegangen war dem ein Angriff auf die britische Luftwaffenbasis Akrotiri in der Nacht zum 2. März. Eine Drohne beschädigte eine Landebahn (nach anderer Darstellung einen Hangar), zwei wurden abgefangen. Der Stützpunkt Akrotiri liegt im äußersten Süden Zyperns, bei der Hafenstadt Limassol. Die Basis Dekelia befindet sich an der UN-Pufferzone, die den griechischen Süden vom türkisch kontrollierten Norden der Insel trennt. Gemeinsam machen beide etwa drei Prozent des zyprischen Territoriums aus.

Nikosia wünscht sich von London „Klarstellung“

Nach dem Einschlag in Akrotiri war Christodoulidis, der Staatsoberhaupt und Regierungschef zugleich ist, an die Öffentlichkeit getreten und hatte gesagt: „Ich möchte klarstellen: Unser Land beteiligt sich in keiner Weise an militärischen Operationen und hat auch nicht die Absicht, sich daran zu beteiligen.“ Griechischen Medien sagte er später, er wolle „unter keinen Umständen verheimlichen“, dass der britische Umgang mit dem Thema die Regierung in Nikosia verärgert habe.

Die Drohne durchquerte zyprischen Luftraum. Auf dem weitläufigen Gebiet des Militärgeländes leben in verstreuten Siedlungen etwa 10.000 zyprische Zivilisten. Der Angriff, auch wenn er der britischen Basis galt, wird deshalb als direkte Bedrohung Zyperns empfunden. Mitte Februar, als Washingtons Kriegsvorbereitungen bereits unübersehbar waren, hatte London mitgeteilt, dass man den Vereinigten Staaten nicht erlaube, von den zyprischen Stützpunkten des Königreichs aus Angriffe gegen Iran zu fliegen.

Aus zyprischer Sicht hätte dies aber nach dem tatsächlichen Beginn der Bombardierungen noch einmal betont und wiederholt werden müssen. „Eine zweite klarstellende Erklärung“ des britischen Premierministers Keir Starmer, „dass die britischen Stützpunkte auf Zypern nicht für aggressive Handlungen genutzt werden“, wäre nötig gewesen, wurde Chris­todoulidis zitiert. Auf eine Frage nach der Gefahr iranischer Raketenangriffe antwortete der Präsident: „Wir können im Zusammenhang mit ballistischen Raketen nichts ausschließen.“ Zypern verfüge jedoch über eigene, jüngst modernisierte Verteidigungssysteme.

Außenminister Kombos sagte unterdessen, es müsse ein „Gespräch“ über das Ende der beiden Stützpunkte geben. Die militärische Präsenz der Briten auf Zypern beschäftige Briten und Zyprer seit Langem. „Ich glaube, dass dies ein Gespräch ist, das man führen muss – nachdem wir sorgfältig analysiert haben, was sich ereignet hat“, erklärte der Minister.

Britische Sorgen auch wegen russischer Präsenz

Zyprische Bestrebungen, die Basen zu schließen, gibt es seit Jahrzehnten. Allerdings kann das Land gegen den Willen Londons nicht viel ausrichten. Bei den weitläufigen Arealen handelt es sich um Landstriche, die nach der Unabhängigkeit Zyperns im Jahr 1960 britisches Hoheitsgebiet wurden beziehungsweise blieben. Die Basen seien „ein Relikt des Kolonialismus“, sagen zyprische Gegner der britischen Militärpräsenz deshalb oft. Auch aus Kostengründen gab es schon Überlegungen, die Stützpunkte aufzugeben, so Anfang der Siebzigerjahre. Die türkische Invasion Zyperns 1974 änderte dann die Lage.

Ein britischer Airbus A400M landet im März auf dem Stützpunkt Akrotiri
Ein britischer Airbus A400M landet im März auf dem Stützpunkt AkrotiriReuters

Aus britischer Sicht gab es zudem schon vor den jüngsten Angriffen ein Bedrohungsszenario, allerdings nicht aus Teheran. Es betrifft Berichte, dass mit dem Kreml verbundene Akteure in der Nähe des Küstenorts Akrotiri Immobilien erwerben. Die russische Präsenz auf Zypern ist traditionell stark, Zehntausende Russen leben auf der Insel. Die Nähe zur Krisenregion im Nahen Osten macht das Land zusätzlich verletzbar. Im Juni 2024 hatte der damalige Hizbullah-Anführer Hassan Nasrallah gewarnt, Zypern könne „Teil des Krieges“ (gegen Israel) werden, sollte es dem israelischen Militär gestattet werden, zy­prisches Territorium für Angriffe auf Libanon zu nutzen.

Während Regierungsvertreter in Nikosia ihren Unmut über die Briten offen aussprechen, zeigt man sich andererseits zufrieden mit der Solidarität, die der Inselstaat dieser Tage von EU-Mitgliedern erfährt. Am vergangenen Montag kamen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis zu Gesprächen nach Zypern. „Wer Zypern angreift, greift Europa an“, sagte Macron, der es nicht bei Worten der Solidarität beließ. Frankreich entsandte den Flugzeugträger Charles de Gaulle in die Region, Raketenabwehrsysteme für Zypern sollen folgen. Griechenland verlegte vier F-16-Kampfflugzeuge auf die Insel und schickte zwei Fregatten, Italien eine.

Christodoulidis lobte insbesondere die militärische Hilfe Griechenlands als „eine der wichtigsten Entwicklungen in der Geschichte der Republik Zypern“. Allerdings stockte auch die Türkei ihre ohnehin erhebliche militärische Präsenz im von ihr militärisch kontrollierten Norden der Insel durch die Verlegung von sechs F-16-Kampfflugzeugen auf. Ankara schloss je nach Entwicklung weitere Maßnahmen nicht aus.

Source: faz.net