Irankrieg: Der Spritpreisanstieg kostet nur so viel wie ein Kaffee und ein Schokoriegel

Wie gravierend ist der Anstieg der Spritpreise wirklich? Seit Beginn des Irankriegs am 28. Februar sieht die Zunahme beachtlich aus: Superbenzin der Sorte E5 ist an deutschen Tankstellen um etwa 25 Cent je Liter auf durchschnittlich 2,10 Euro teurer geworden, das sind fast 14 Prozent. Noch größer ist der Preissprung bei Diesel: um 41 Cent oder 23 Prozent auf 2,17 Euro. Diese Zahlen stammen vom Preisportal Benzinpreis.de, das sich an der offiziellen Markttransparenzstelle für Kraftstoffe im Bundeskartellamt orientiert. Der Rohölpreis hat in derselben Zeit um mehr als 40 Prozent zugelegt.
Die Politik hat reagiert. Im Einklang mit anderen Ländern gibt Deutschland Teile seiner Ölreserven frei, um das Angebot zu erhöhen und so die Preise zu drücken. Zugleich wollen Union und SPD bis Ende des Monats ein „Kraftstoffmaßnahmenpaket“ durch den Bundestag bringen. Es geht an diesem Mittwoch ins Kabinett und am Donnerstag ins Parlament und stellt sicher, dass Tankstellen nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen. Außerdem wird die Missbrauchsaufsicht für Kraftstoffe verschärft.
Die Belastung seit Kriegsbeginn beträgt gerade einmal 15 Euro
Mit diesen Schritten will die Regierung verhindern, dass die Inflation angeheizt und der ohnehin schwache Aufschwung abgewürgt wird. Man tritt der Empörung der Wirtschaft und vor allem der Autofahrer entgegen, mit denen sich in einem Großwahljahr niemand anlegen will. Aber sind die Auswirkungen tatsächlich so drastisch, dass sie Markteingriffe rechtfertigen? Daran gibt es Zweifel.
Kombiniert man die Daten des Deutschen Mobilitätspanels des Karlsruher Instituts für Technologie mit jenen des Kraftfahrtbundesamts, dann stellt sich heraus, dass ein durchschnittlicher Autofahrer rund 12.500 Kilometer im Jahr zurücklegt und auf 100 Kilometer sieben Liter verbraucht. Setzt man eine Preissteigerung um 35 Cent seit Kriegsbeginn an, beläuft sich die Belastung je Autofahrer auf nicht einmal sechs Euro in der Woche. Das sind ein Kaffee und ein Schokoriegel bei „Tank und Rast“. In den 18 Tagen seit Kriegsbeginn hat der Durchschnittsfahrer also 15 Euro mehr bezahlt – nicht die Welt.
Eine Studie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen kommt zu ähnlichen Resultaten. Sie hat untersucht, welche Entlastung ein Tankrabatt brächte: Um auf das Vorkriegsniveau zurückzukommen, wären für einen Durchschnittshaushalt 19,40 Euro im Monat nötig. Absolut profitieren einkommensstärkere Gruppen am meisten, die viel Sprit verbrauchen. Relativ zum Einkommen wäre die Entlastung für die Ärmeren größer.
„Spritpreise sind sehr sichtbar und häufig Gegenstand von Alltagsgesprächen und Medienberichten“, sagt der Bochumer Energieökonom Andreas Löschel. „Steigende Tankstellenpreise gehen häufig mit höheren Inflationserwartungen einher.“ Vor Kriegsbeginn hätten die Preise bei 1,80 Euro gelegen. „Wären die Benzinpreise in den vergangenen 20 Jahren wie der Verbraucherpreisindex gestiegen, wären 1,90 Euro zu erwarten gewesen“, sagt Löschel. „Benzin und Diesel sind tatsächlich immer teurer geworden, im Vergleich zu anderen Gütern waren diese Preissteigerungen aber nicht ungewöhnlich.“
So gesehen sind die Belastungen also halb so wild. „Die Preisspitzen dürften für die allermeisten Haushalte tragbar sein“, findet er. „Durchschnittlich dürften die zusätzlichen Belastungen etwa bei 25 Euro im Monat liegen.“ Natürlich seien diese Zusatzkosten für Pendler größer und für ärmere Haushalte schwerer zu tragen, so der Ökonom. „Erste Abschätzungen zeigen aber, dass eine staatliche Reduktion der Spritpreise, etwa durch einen Tankrabatt, ärmere Haushalte absolut gesehen weit weniger entlastet als erhofft.“
Für die Pendler bestätigt der ADAC die angespannte Lage. „Wer einen Arbeitsweg von rund 30 Kilometern zurücklegt, muss mit mindestens 150 Euro im Monat allein für Kraftstoff rechnen“, sagt Stefan Gerwens, Leiter des Ressorts Verkehr. „Bei 50 Kilometern steigen die monatlichen Kosten schnell auf etwa 250 Euro.“
Ein Drittel der Speditionskosten für Kraftstoffe
Und wie sehen es professionelle Kraftfahrer? „Für die Transportunternehmen und Speditionen sieht die Rechnung ganz anders aus als für Privatleute“, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher im Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung BGL. Seit Kriegsbeginn habe der Dieselpreisanstieg die Kosten je Lastwagen um 1200 Euro im Monat erhöht. „Das macht bei einer Fahrzeugflotte von 50 Lkw 720.000 Euro zusätzliche Kosten im Jahr“, sagt Engelhardt. „85 Prozent aller Güter in Deutschland werden mit dem Lkw transportiert. Dass dies Auswirkungen auf die Verbraucherpreise haben könnte, ist naheliegend.“
Die „Dieselpreisexplosion“ treffe die Transportbranche besonders hart, da die Kraftstoffe ein Drittel der Gesamtkosten ausmachten. „Wir fordern, kurzfristig eine Dieselpreisbremse auf den Weg zu bringen, um die akute Belastung der Unternehmen abzufedern und eine Insolvenzwelle im Mittelstand und damit eine Gefährdung der Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft abzuwenden“, so Engelhardt. Denkbar wären für ihn eine Erstattung der CO2-Abgabe auf den Dieselpreis oder die Aussetzung der CO2-Komponente in der Lkw-Maut.
Die Politik hört genau hin. Der Vizevorsitzende der SPD-Fraktion, Armand Zorn, sagte am Dienstag im Deutschlandfunk, trotz der neuen Gesetze müsse man „gegebenenfalls noch nachsteuern“. Zorn ist Anhänger einer „Spritpreisbremse“.