Irankrieg: Angst vor einer neuen Energiekrise

Die angespannte Lage auf dem Gasmarkt hat sich am Dienstag weiter verschärft. Der Energieträger wurde infolge des Konfliktes im Nahen Osten zwischenzeitlich zu 65 Euro je Megawattstunde gehandelt, ein Plus von noch einmal mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vortag. Es handelte sich um den höchsten Stand seit Januar 2023. Sollten die Preise auf diesem Niveau bleiben oder gar weiter steigen, dürften die Auswirkungen auf Verbraucher in Europa und Asien massiv sein, nicht nur auf die energieintensive Industrie, die oft direkte Abnahmeverträge mit großen Händlern besitzt. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm warnte vor einem neuen Energiepreisschock.
Da Gaskraftwerke schon heute oft den Preis am Strommarkt setzen – insbesondere dann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint –, dürfte sich Strom mittelfristig ebenfalls deutlich verteuern. Erste Effekte waren zum Beginn der Woche spürbar. Auch viele Wärmenetze werden überwiegend auf Grundlage von Gas betrieben. Bei Verbrauchern, die vor der Anschaffung einer neuen Heizungsanlage stehen, dürfte der Preisanstieg nach dem Vorstoß der Bundesregierung für ein neues Heizungsgesetz vergangene Woche für zusätzliche Verunsicherung sorgen. Endkunden merken Preisanstiege aufgrund langfristiger Verträge mit Preisgarantien meistens erst mit Verzögerung.
Auch Brüssel ist alarmiert
Manche sehen trotzdem schon eine neue Energiekrise am Horizont heraufziehen und ziehen Parallelen zur Situation nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als Gas- und Strompreise explodierten. „Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu und erinnert uns schmerzlich daran, wie sehr wir den schwankenden Preisen fossiler Rohstoffe ausgeliefert sind“, sagte Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford. Europa habe zwar seine Bezugswege diversifiziert, aber die Elektrifizierung zur Senkung seiner Importabhängigkeit nicht schnell genug vorangetrieben.
Auch in Brüssel ist man alarmiert. Die Europäische Kommission rief am Mittwochvormittag Krisenstäbe für Öl und Gas zusammen. Sie sollen diskutieren, ob und – wenn ja – wie die EU kurzfristig auf die gestiegenen Preise reagieren kann. Auch die Bundesregierung hatte am Montag einen Krisenstab einberufen, und zwar unter Beteiligung von Netzagentur, Nachrichtendienst, Auswärtigem Amt und Kanzleramt. Die EU-Kommission will am Freitag eine Orientierungsdebatte zum Anstieg der Energiepreise führen. Diese war ohnehin geplant, dürfte aber durch die jüngste Entwicklung neue Brisanz erhalten.
Die ohnehin hohen europäischen Energiepreise waren schon auf dem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs zur Wettbewerbsfähigkeit Mitte Februar ein Hauptthema. Mehrere von ihnen hatten dort gefordert, die Strompreise vom Gaspreis zu entkoppeln. Andere wollen den EU-Emissionshandel abschwächen, um die Wirtschaft zu entlasten. Die Kommission hat den Auftrag, für den nächsten offiziellen EU-Gipfel Mitte März Vorschläge auszuarbeiten.
In China steigt die Nervosität
Am Dienstag sah es rund um die entscheidende Straße von Hormus nicht nach Deeskalation aus. Ein General der iranischen Revolutionsgarden drohte, „jedes Schiff“ bei der Durchfahrt zu „verbrennen“. Man werde zudem Ölleitungen angreifen und nicht zulassen, dass „auch nur ein Tropfen Öl die Region verlässt“. Schon am Montag hatte der größte Flüssiggasproduzent der Welt, Qatar Energy, die Produktion vollständig eingestellt, nachdem seine Anlage in Ras Laffan von iranischen Drohnen attackiert worden war. Am Dienstag stoppte er auch die Erzeugung einiger verarbeiteter Produkte, wie der Finanznachrichtendienst Bloomberg berichtete.
China, bisher ein enger Verbündeter des iranischen Regimes, fordere „alle Seiten“ auf, die militärischen Operationen einzustellen und die „sichere Navigation in der Straße von Hormus sicherzustellen“, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums am Dienstag in Peking. Vor der Meerenge liegen derzeit Dutzende LNG-Tanker, die ihre Reise nicht fortsetzen können.
Das ist ein Hinweis darauf, dass auch in der Volksrepublik die Nervosität um die eigene Öl- und Gasversorgung und die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft steigt. Das Land ist auf der Welt der größte Importeur von Flüssiggas (LNG) und baute seine Speicherkapazitäten zuletzt deutlich aus; diese gelten aber weiterhin als vergleichsweise gering. Selbst die Staatsmedien brachten nun Analysen über die vitale Bedeutung der Meerenge. Peking übt deshalb auch hinter den Kulissen Druck auf Teheran aus, die LNG- und Öltanker nicht zu bombardieren, berichtete Bloomberg am Dienstag mit Berufung auf hochrangige Gasmanager. Nach Einschätzung von Analysten könnte es nun zu einem Tauziehen zwischen Europa und Asien um amerikanisches LNG kommen.
Netzagentur bemüht sich um Gelassenheit
Szenarien des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln suggerieren, dass eine nachhaltige Normalisierung des Preises erst dann eintreten könnte, wenn Qatar wieder lieferte, neue LNG-Projekte – etwa in den Vereinigten Staaten – in Betrieb gingen oder der globale Bedarf sänke. Die Bundesnetzagentur bemühte sich am Dienstag dennoch um Gelassenheit. „Gas vom Persischen Golf spielt für die deutsche Versorgung eine überschaubare Rolle“, sagte der Leiter der Behörde, Klaus Müller. Die Versorgung in Deutschland sei „aktuell sicher”, Müller verwies auf Importmöglichkeit über Leitungen sowie über die neuen LNG-Terminals.
VNG, einer der größten deutschen Gashändler, teilte auf Anfrage mit, die physische Gasversorgung sei dank LNG-Importen insbesondere aus den Vereinigten Staaten sowie „konstant hohen Pipelineflüssen aus Norwegen und den Niederlanden weiterhin stabil“. VNG und Uniper beziehen selbst kein LNG direkt aus der betroffenen Region, beim Konkurrenten Sefe sind es weniger als fünf Prozent.
Insgesamt lag der Anteil katarischen Flüssiggases an der gesamten LNG-Einfuhr der EU zuletzt bei acht Prozent. Das entspricht elf Milliarden Kubikmetern. Aus den USA kamen 58 Prozent der Einfuhr, aus Russland mit rund 20 Milliarden Kubikmeter rund 14,5 Prozent. Für russisches LNG gilt von Ende 2027 an allerdings ein vollständiges Importverbot.
Angesichts der zunehmenden Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und Speichern mit historisch niedrigen Füllständen waren schon vor dem Irankrieg Forderungen nach einer Schaffung einer strategischen Gasreserve laut geworden. Diese Debatte dürfte nun weiter an Fahrt gewinnen, da langfristig hohe Preise die Anreize für eine marktbasierte Befüllung weiter reduzieren. „Die Erfahrungen aus der Corona- und der Energiekrise zeigen, dass koordinierte europäische Beschaffung, strategische Reserven und temporäre Stabilisierungsinstrumente wirksam sein können“, sagte Grimm. „Solche Krisenmechanismen sollten vorbereitet sein, bevor sich Marktspannungen verfestigen.“ Auch Gashändler VNG geht davon aus, dass die Befüllung nun deutlich teurer werden könnte. Die Sommer-Winter-Kluft lag am Dienstag bei 4,50 Euro, das bedeutet, Gas zur Lieferung im Sommer ist momentan deutlich teurer als zur Lieferung im darauffolgenden Winter. Der größte deutsche Speicher in Rehden ist nach Angaben des Betreibers Sefe für das Speicherjahr 2026/2027, welches am 1. April beginnt, nur zu 22 Prozent vermarktet.