Iranische Exilgemeinde: Noch wünschen sie in „Tehrangeles“

Alles begann sehr friedlich. Hunderte Leute hatten sich in Los Angeles versammelt, um sich mit der Protestbewegung in Iran zu solidarisieren. Plötzlich fuhr ein Transporter auf die Menge zu, ein Umzugswagen mit Plakaten, die seitlich am Fahrzeug klebten: „No Shah“, stand da. Und „USA: Don’t repeat 1953.“ Schließlich: „No Mullah“. Eine Provokation. Die aufgebrachten Demonstranten brachten den Fahrer dazu, seinen Wagen anzuhalten. Einer sprang auf die Motorhaube und trat die Windschutzscheibe ein. Die Polizei schritt ein und nahm den Fahrer in Gewahrsam.

Das geschah am 11. Januar – in Westwood. Es ist das Herz der amerikanisch-iranischen Community in den Vereinigten Staaten. Mehr als 500.000 Bürger iranischer Abstammung leben im Großraum Los Angeles. Es ist die größte persische Exilgemeinde der Welt. Deren Zentrum, den Stadtteil Westwood, nennen die Angelenos, die Bürger der Metropole an der Westküste, „Tehrangeles“.

Der Vorfall war ein Zeichen dafür, wie angespannt die Lage angesichts des brutalen Vorgehens des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung auch in der Exil-Community ist. Viele glauben zwar, dass der Versuch der Mullahs, die Proteste niederzuschlagen, langfristig scheitern werde, da sich diesmal Bürger aus allen Bevölkerungsschichten gegen das Regime wendeten. Doch was nach dem Regime kommen soll – darüber herrscht auch in der fragmentierten Exilgemeinde keine Einigkeit.

Die Exilgemeinde setzt sich aus zwei Gruppen zusammen

„Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt Nazanin Noor. Die 43 Jahre alte Frau war an jenem Sonntag vor fast zwei Wochen auch auf der Demonstration in Westwood. Seit Beginn der Proteste macht sie kaum noch etwas anderes, als sich in der amerikanisch-iranischen Gemeinde für die Demonstranten in Iran zu engagieren.

Sie sitzt in einem Café in Hollywood, unweit ihrer Wohnung. „Klar“, sagt sie, der Fahrer habe provozieren wollen. „Aber dies ist Amerika. Jeder darf seine Meinung äußern.“ Dass die Polizei habe einschreiten müssen, sei nicht gut gewesen.

Nahm an der Demonstration in Westwood teil: Nazanin Noor
Nahm an der Demonstration in Westwood teil: Nazanin NoorMajid Satar

Was Noor nicht sagt: Die Slogans des Fahrers deuten darauf hin, dass er ein Anhänger der Volksmu­dschahedin ist, einer islamisch-marxistischen Oppositionsgruppe, die sich sowohl gegen das Regime richtet – daher „no Mullah“ – als auch gegen eine Rückkehr zur Monarchie. „Tehrangeles“ aber ist eine Hochburg der Royalisten, der Anhänger des Sohnes des 1979 gestürzten Schahs.

In der Exilgemeinde gibt es, grob gesagt, zwei Gruppen. Diejenigen, die vor 1979 kamen – meist als Studenten, nicht selten links oder liberal orientiert, jedenfalls schahkritisch. Als sich zeigte, dass die Revolution in ihrer Heimat in einer Theokratie endete, entschieden sie, in Amerika zu bleiben. Und dann gibt es diejenigen, die nach dem Sturz des Schahs kamen. Viele von ihnen waren wohlhabende Kaufleute, Ingenieure und Ärzte, Teil der Oberschicht oder oberen Mittelschicht ihres Landes, die den Schah unterstützt hatten.

Erst ein Jurastudium, dann Schauspielerin

Politisch ist in Los Angeles das ganze Spektrum vertreten – von islamisch-marxistisch über sozialdemokratisch bis hin zu royalistisch. Diese erste Generation ist längst im Rentenalter. Ihre Kinder und Kindeskinder verstehen sich in erster Linie als Amerikaner. Viele sprechen kein Persisch oder nur radebrechend.

Das ist bei Nazanin Noor anders. „Meine ganze Identität ist amerikanisch-iranisch“, sagt sie. Sie ist in Arlington in der Nähe von Washington aufgewachsen, wohin es ihre Eltern verschlagen hatte, die in den Siebzigerjahren, vor dem Sturz des Schahs, als Studenten nach Amerika gekommen waren. Ihre Wohngegend im Speckgürtel der Hauptstadt sei sehr weiß gewesen – sie und ihre Schwester hätten es in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Kinder von Einwanderern durchaus mit dummen Sprüchen zu tun gehabt. Ihre Reaktion darauf sei nicht etwa übermäßige Assimilation gewesen, sondern eine umso stärkere Identifizierung mit ihren iranischen Wurzeln.

Noor studierte Jura, zog nach New York, arbeitete als Anwältin – und entschied dann doch, ihrer Leidenschaft zu folgen und Schauspielerin zu werden. Sie wagte den Sprung nach Hollywood und hat schon ein paar kleinere Rollen gehabt, darunter in der Fernsehserie „Madam Secretary“. Daneben betätigt sie sich als Autorin oder modelt.

Aber seit zwei Wochen dreht sich in ihrem Leben alles um die Proteste. Sie hat viel Verwandtschaft in Iran und ihre Großfamilie, die sie schiitisch-säkular nennt, häufig besucht. So etwa 2009, als die grüne Revolution ausbrach, die vom Regime niedergeschlagen wurde.

„Netanjahu braucht das Regime in Teheran – als Buhmann“

Diesmal sei es anders, obschon das Regime wieder mit enormer Brutalität gegen die Demonstranten vorgehe, sagt sie. Frühere Protestwellen seien ziviler Ungehorsam gewesen oder Widerstand eines bestimmten politischen Lagers. „Jetzt haben wir einen ,point of no return‘ erreicht“, so Noor, es könne kein Zurück zum Status quo ante mehr geben. Obwohl sie seit dem Internet-Shutdown durch das Regime nur noch über wenig Informationen aus dem Land verfügt, sagt sie: „Das Regime wird stürzen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“ Die Leute hätten nichts mehr zu verlieren: Die Wirtschaft liege am Boden, der Strom falle ständig aus, die Trinkwasserversorgung sei schlecht. Die Stimmung sei „übergekocht“.

Dann macht Noor eine Pause. Die jüngsten Signale seien wenig ermutigend gewesen: Sie halte die Zahl von inzwischen deutlich mehr als zehntausend Todesopfern für sehr glaubwürdig, sagt sie. Und vom amerikanischen Präsidenten seien widersprüchliche Signale gekommen. Erst habe Donald Trump gesagt, Hilfe sei unterwegs und eine Intervention angedroht. Dann habe er seine Meinung offenbar geändert – nach Telefonaten mit Benjamin Netanjahu und arabischen Machthabern in der Region. „Netanjahu braucht das Regime in Teheran – als Buhmann“, sagt sie.

Und das saudische Königshaus habe auch kein Interesse an einer funktionierenden muslimischen Demokratie in seiner Nachbarschaft. Ein Problem sei zudem, dass zwar die überwiegende Mehrheit der iranischen Bevölkerung das Ende der Islamischen Republik wolle, aber die Vorstellungen über das, was auf sie folgen solle, sehr weit auseinandergingen.

Der Buchhändler will nicht über Politik reden

Was sie selbst bevorzuge, eine Repu­blik oder eine konstitutionelle Monarchie, möchte Noor nicht sagen. Sie bezeichnet sich als „progressiv“, gesteht dem Sohn des letzten Schahs aber eine konstruktive Rolle zu. „Wir brauchen eine breite Koalition aller Oppositionskräfte“, sagt sie. Und: „Die Iraner sollen in freien Wahlen selbst entscheiden, wie und von wem sie regiert werden wollen.“

In den Fenstern der persischen Buchhandlungen, Teppichgeschäfte und Supermärkte auf dem Westwood Boulevard hängt vielfach die Löwen- und Sonnenflagge, die alte grün-weiß-rote Nationalflagge Irans, deren monarchisches Emblem 1979 abgeschafft wurde. Einige Geschäftsleute haben auch Porträts des Kronprinzen Reza Pahlavi aufgehängt.

Der Buchhändler ist ein freundlicher älterer Herr, der geduldig das gesamte Spektrum der Exilzeitschriften in der Auslage erklärt, deren Cover derzeit nur ein Thema kennen. Auf Fragen nach der Lage in Iran, sagt er aber: „Entschuldigen Sie, keine Interviews.“ Auch der Teppichhändler zeigt stolz seine besten Stücke, darunter ein riesiges Exemplar im Wert von 75.000 Dollar.

Der Geschäftsmann stammt aus Tabriz, dem Zentrum der persischen Teppichknüpfkunst. Verkaufen kann er allerdings nur noch das, was er im Lager hat. Seit einigen Jahren fallen auch Perserteppiche unter die Sanktionen. Auf Fragen nach den Protesten gegen das Regime reagiert er milde lächelnd, legt die Hand aufs Herz und deutet eine Verbeugung an. Keine Politik, soll das heißen.

Geprägt vom Trauma von 1953

„Das sind alles Royalisten“, sagt Kambiz Gaemmagam. Der 84 Jahre alte Mann sitzt in einem persischen Diner am Westwood Boulevard, deutet auf die andere Straßenseite in Richtung Buchhandlung und Teppichgeschäft und verdreht die Augen. Trotz seines hohen Alters ist Gaemmagam immer noch in der Führung der Exilorganisation der Nationalen Front aktiv, einer sozialdemokratischen Partei, die einst von Mohammad Mossadegh gegründet worden war.

Ist in der Führung der Exilorganisation der Nationalen Front aktiv: Kambiz Gaemmagam
Ist in der Führung der Exilorganisation der Nationalen Front aktiv: Kambiz GaemmagamMajid Satar

Mossadegh und Amerika – das ist eine fatale Geschichte, die bis heute nachwirkt, wie der Slogan „USA: Don’t repeat 1953“ des Provokateurs auf der Demonstration in Westwood zeigt. Der demokratisch gewählte Premierminister wollte seinerzeit die „Anglo-Iranian Oil Company“ verstaatlichen – und wurde daraufhin auf Betreiben der CIA (und des britischen MI6) gestürzt.

Gaemmagam sagt, von 1953 an habe die iranische Geschichte einen unguten Lauf genommen. Der Schah sei zunehmend autoritär geworden und habe einen Polizeistaat errichtet. Er, Gaemmagam, sei dann 1962 als Ingenieurstudent nach Kalifornien gekommen und habe angefangen, sich in der Exilorganisation Mossadeghs zu engagieren.

Das Trauma von 1953 prägt ihn bis heute. Er stellt gleich klar, er sei gegen eine Intervention. Weder die Vereinigten Staaten noch Israel dürften eingreifen. Die Iraner müssten sich ihre Freiheit selbst erkämpfen. Man habe keine guten Erfahrungen mit ausländischen Interventionen gemacht, sagt er.

Zuletzt hatte der Schah-Sohn ein eher ruhiges Leben

Trotzdem nimmt auch Gaemmagam Trump übel, erst die iranische Bevölkerung ermutigt zu haben, auf die Straße zu gehen, um dann vor einem Eingreifen mit Verweis darauf zurückzuschrecken, das Regime habe die Hinrichtungen gestoppt: Was sei denn mit den Tausenden von Toten in den vergangenen Tagen? Wie Noor glaubt auch er, dass es den Mullahs trotzdem nicht gelingen werde, sich wieder zu stabilisieren. Zu breit sei der Protest gewesen – und zu groß der Legitimationsverlust des Regimes: Die Leute hätten diesmal auf den Straßen direkt gegen den Obersten Führer skandiert und Ajatollah Ali Khamenei dabei beim Vornamen genannt. Das hätte es in früheren Protestwellen nicht gegeben.

Ob es ein Problem gewesen sei, dass der Protest kein Gesicht gehabt habe? ­Gaemmagam sagt, normalerweise kreiere jede Revolution ihren eigenen Führer. Es funktioniere nicht, einer Bewegung einen Führer von oben aufzusetzen. Das sehe man nun bei Reza Pahlavi.

Der älteste Sohn des letzten Schahs hatte zuletzt ein eher ruhiges Leben im amerikanischen Exil. Nach dem Tod seines Vaters hatte sich der heute 65 Jahre alte Kopf der Dynastie noch als Reza Schah II. stilisiert. In den vergangenen Jahren beschränkte er sich aber darauf, die Iraner zu zivilem Ungehorsam gegen das Mullah-Regime aufzurufen. Er lebt seit 1978 mit kürzeren Unterbrechungen in Amerika – seit vielen Jahren im nördlichen Virginia, in der Nähe Washingtons – einige sagen: in der Nähe von Langley, dem Sitz der CIA. Zuweilen hieß es, der amerikanische Auslandsgeheimdienst unterstütze ihn.

Seinem Sohn würde er gerne Iran zeigen

Seit Jahresbeginn sucht er die Öffentlichkeit, zieht durch die amerikanischen Fernsehsender und Zeitungen und ist in den sozialen Medien aktiv. Er höre, dass die Menschen auf den Straßen Irans seinen Namen riefen, schrieb er kürzlich in einem Gastbeitrag. Er deute das aber nicht als Einladung dazu, die Macht für sich zu beanspruchen. Er trete nicht als Herrscher im Wartestand hervor, sondern lediglich als Verwalter eines demokratischen Übergangs. Er wolle die heterogenen Kräfte Irans zusammenführen: Monarchisten, Republikaner, Religiöse und Säkulare. Zuletzt gelang es Hackern sogar, eine Videoansprache des Kronprinzen im iranischen Staatsfernsehen zu verbreiten, in der er das Militär des Landes aufforderte, sich auf die Seite des Volkes zu stellen.

Das ist Teil eines Regimewechselszenarios, in dem die Fehler, die einst im Irak gemacht wurden, vermieden werden sollen. In Bagdad brach nach dem Sturz Saddam Husseins infolge eines Machtvakuums Chaos aus. Pahlavi umwarb auch Trump und lobte dessen Bereitschaft, das Böse zu bekämpfen. Anders als dessen Vorgänger werde er die Iraner nicht fallen lassen, sagte der Kronprinz, kurz bevor Trump entschied, eine Intervention vorerst abzublasen.

Gaemmagam schüttelt den Kopf: In Los Angeles seien die Royalisten zwar sehr stark, nicht aber in Iran selbst. Auch glaube er, dass es die Schah-Anhänger im Exil gewesen seien, die Pahlavi gedrängt hätten, sich gleichsam an die Spitze der Protestbewegung zu stellen. Sie wollten ihn nicht als Mann des Übergangs, sie wollten ihn wieder als Schah installieren. Er glaube, dass viele Royalisten nichts mit Demokratie am Hut hätten. Was auch immer passiere, sagt Gaemmagam dann: Die Zeit der Monarchie sei vorbei.

Er selbst war 1979, kurz nach der Revolution, das letzte Mal in Iran. Er habe seinerzeit gedacht, nun, da der Schah weg sei, könne er zurückkehren. Seine Frau habe ihn aber recht bald davon überzeugt, dass das Land vom Regen in die Traufe komme. Also seien sie zurück nach Amerika. Er würde gerne noch ein letztes Mal in seine Heimat zurück, sagt der alte Mann. Seinem Sohn einmal Iran zu zeigen, sei sein Traum.

Source: faz.net