Iranische Angriffe in Riad: „Sieht so etwa Krieg aus?“
„Krieg?“, fragt Muhammed und runzelt lachend die Stirn. „Den habe ich zurzeit nur in meinem Wohnzimmer.“ Seit Anfang März gingen seine zwei Kinder nicht mehr zur Schule, stattdessen müssten seine Frau und er die beiden Jungs den Tag über allein beschäftigen. Als eine der wenigen habe die britische Schule im Riader Diplomatenviertel wegen der aktuellen Lage geschlossen, erklärt der junge Saudi. Nach einem iranischen Drohnenangriff hatte es an der amerikanischen Botschaft einen Brand gegeben, zahlreiche weitere Drohnen wurden abgefangen.
„Im Moment vielleicht nicht der beste Ort für Kinder“, gesteht Muhammed ein. Dass der Unterricht bald wieder stattfindet, hofft er trotzdem. „Sieht so etwa Krieg aus?“, fragt der Softwareentwickler und zeigt auf die umliegenden Cafétische, an denen auch um zwei Uhr nachts noch in Schokolade getunkte Waffeln in Form von Eiffeltürmen serviert werden. „Wir fühlen uns sicher in Saudi-Arabien. Und wir sind es auch.“
Die Landesführung reagiert scharf auf Angriffe
Es sind Sätze, die man derzeit häufig hört in der saudischen Hauptstadt. Seit dem gemeinsamen Großangriff der USA und Israels auf Iran steht das Königreich, ebenso wie die umliegenden Golfstaaten, unter Beschuss durch das Teheraner Regime. Im Südosten des Landes wurde ein Ölfeld schwer beschädigt, Anfang März wurden nordöstlich von Riad die ersten Toten durch herabfallende Trümmerteile gemeldet.
Beunruhigen lässt sich die Bevölkerung davon bislang allerdings kaum. „Wir haben eine starke Luftabwehr. Und wir haben eine noch stärkere Führung, die uns Sicherheit gibt“, sagt ein Kollege Muhammeds, der mit in der Runde am Tisch sitzt. Seine Freunde pflichten ihm bei. „Solange hier keine Truppen einmarschieren, haben wir nichts zu befürchten“, antwortet einer von ihnen. Dann wird die nächste Runde Eiskaffee bestellt.
Von der Sorglosigkeit, die die jungen Saudis ausstrahlen, ist auf der Führungsebene in Riad weniger zu spüren. Unmittelbar nach den ersten Drohnen- und Raketenangriffen aus Iran veröffentlichte die Regierung mehrere Stellungnahmen, in denen sie die „brutale Aggression“ des Teheraner Regimes scharf verurteilte.
Wird die Aufbruchstimmung getrübt?
In den darauffolgenden Tagen wurden die Aussagen noch deutlicher. Teheran müsse mit „schweren diplomatischen, wirtschaftlichen und strategischen Konsequenzen“ rechnen, hieß es da etwa. Berichten zufolge soll Saudi-Arabien Iran darüber hinaus mit Vergeltung gedroht haben. Im Raum steht dabei etwa, den eigenen Luftraum für amerikanische Angriffe zu öffnen.
Die Bedrohung, der sich Riad durch den Krieg ausgesetzt sieht, ist dabei weniger militärischer Natur. Im Gegensatz zu anderen Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder Qatar hat Saudi-Arabien bislang vergleichsweise wenige Attacken über sich ergehen lassen müssen. Die meisten der Angriffe konnten durch die gut ausgestattete saudische Luftverteidigung abgewehrt werden.
Doch schon die Bilder einzelner brennender Ölfelder und Einschläge drohen die Aufbruchsstimmung, die Kronprinz Mohammad Bin Salman mit seinen gigantischen Reformprojekten und Bauvorhaben vorantreiben will, erheblich zu trüben. Das mühsam erarbeitete Image des Königreichs als Hort der Sicherheit und Stabilität lässt sich mit herabstürzenden Raketen und Drohnen nur schwer vereinbaren.
Das Gefühl von Normalität aufrechterhalten
Aus diplomatischen Kreisen heißt es schon jetzt, Saudi-Arabien befinde sich in der größten Krise seit Jahrzehnten. Ähnlich besorgt zeigt sich ein gut vernetzter saudischer Beobachter, dem enge Kontakte in die Königsfamilie nachgesagt werden. Saudische Reformprojekte wie die „Vision 2030“, mit der Mohammad Bin Salman das Land modernisieren und vom Ölexport unabhängig machen will, sieht er durch den Krieg zwar kaum gefährdet.
Die wirtschaftlichen Ambitionen in der Region könnten nach seiner Einschätzung aber durchaus um mehrere Jahre zurückgeworfen werden. „Die Saudis sind widerstandsfähig und können mit Krisen umgehen“, sagt er. „Aber für Menschen mit Geld ist das egal. Die wollen Sicherheit und Stabilität, sonst investieren sie woanders.“
Um derartige Schreckensszenarien zu verhindern, scheint man in Riad derzeit viel daran zu setzen, das Gefühl von Normalität bestmöglich aufrechtzuerhalten. Dazu gehört offenbar auch, unerwünschten Bildern keinen allzu großen Raum zu geben.
Das Leben geht wie normal weiter
Nach einem iranischen Angriff mit zwei Toten auf den Ort Kharij nahe einer amerikanischen Militärbasis wurden am vorvergangenen Wochenende Checkpoints mit strengen Sicherheitskontrollen in der Umgebung eingerichtet. Ein Bewohner des Ortes berichtete am Telefon von großer Angst vor weiteren Einschlägen. In den lokalen Nachrichten war von solchen Tönen am nächsten Tag nichts zu hören. Der Angriff kam im Fernsehen nur am Rande vor.
Stattdessen, das zeigen nicht nur der junge Softwareentwickler Muhammed und seine Kollegen, verläuft der Alltag für die meisten Saudis in weitgehend gewohnten Bahnen. Tagsüber sind die Straßen in Riad wegen des Ramadans zwar vielerorts leer gefegt. Selbst offizielle Termine lassen sich vor 21 Uhr nur schwer vereinbaren.
Nach Anbruch der Dunkelheit aber füllen sich die Cafés und Restaurants mit Leben. In den zahlreichen Luxusmalls kaufen Geschäftsmänner teure Uhren, während Frauen in schwarzen Vollschleiern High Heels und bauchfreie Sporttops begutachten. Und in den Shawarma-Imbissen am Rande der Stadt sind auch um vier Uhr nachts noch alle Plätze belegt.
Erzkonservativer Islam und Moderne nebeneinander
Auch in Diriyah, etwa 20 Minuten von Riad entfernt, ist in diesen Tagen von Kriegsstimmung nur wenig zu spüren. Auf einer ehemaligen Industriefläche sind mehrere Hangars aufgebaut, darüber leuchtet der Schriftzug „Diriyah Contemporary Art Biennale 2026“. An den Eingangstüren scannen junge Männer mit rot-weiß karierten Kopftüchern und langen Gewändern QR-Codes und verteilen Ausstellungsflyer.

Im Inneren werden die Besucher durch klimatisierte Kunsthallen geführt, in denen sich abstrakte Skulpturen, moderne Konzeptkunst und Videoausstellungen aus fast 40 Ländern aneinanderreihen. In einem der Räume ist Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ ausgestellt, dahinter widmet sich eine Performance der Bedeutung von Care-Arbeit. Wären da nicht die Palmen in den mit Loungesesseln ausgestatteten Innenhöfen: Man könnte sich auch auf einer Ausstellung inmitten Berlins befinden.
Projekte wie dieses sind bezeichnend für das Königreich, das einerseits von einem erzkonservativen Islam geprägt ist, andererseits aber auch einen Modernisierungsprozess durchläuft, der seinesgleichen sucht. Millionen Gläubige pilgern jedes Jahr zu den heiligen Stätten Mekka und Medina, in denen bis heute die Religionspolizei Kleidungsvorschriften, Gebetszeiten und die Geschlechtertrennung überwacht.
Gerät das Zukunftsversprechen ins Wanken?
Frauen dürfen in Saudi-Arabien erst seit 2018 Auto fahren, Alkohol und Homosexualität sind noch immer streng verboten. Oppositionelle werden von der autoritären Regierung massiv unterdrückt. Die Zahl der Hinrichtungen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu.
Auf der anderen Seite steht die boomende Hauptstadt, die sich schon jetzt zu einem Wirtschaftszentrum in der Region entwickelt hat – und nach dem Wunsch des Kronprinzen in immer schillernderen Farben leuchten soll. Wer über die riesigen Highways entlang an Vergnügungsparks und amerikanischen Fast-Food-Ketten fährt, fühlt sich an die Vereinigten Staaten erinnert.
In futuristischen Wolkenkratzern arbeiten junge Start-ups und Techunternehmen; die glänzenden Stationen der neuen Metro könnten einem Science-Fiction-Film entstammen. Vor allem unter den jungen Saudis ist die Bewunderung für den Kronprinzen und seine ambitionierten Visionen groß. Doch genau dieses Zukunftsversprechen ist es, das nun erheblich ins Wanken geraten könnte.
Fragen zum künftigen Verhältnis zu Iran
Fragt man Beobachter, dann dürften die Folgen der iranischen Angriffe aber noch weit über Saudi-Arabien hinausreichen. Abdulaziz Sager, Leiter des Gulf Research Centers in Riad, sieht durch die aktuellen Entwicklungen auch auf geopolitischer Ebene erhebliche Veränderungen auf das Königreich zukommen.
2023 hatte Saudi-Arabien seine Beziehungen zu seinem Erzrivalen Teheran in einem historischen Abkommen normalisiert. In Riad hatte man deshalb auf größere Stabilität in der Region gehofft. Trotz der andauernden Spannungen habe man „eine direkte Eskalation mit Auswirkungen dieses Ausmaßes auf Saudi-Arabien“ nicht erwartet, sagt Sager. Mit Blick auf das zukünftige Verhältnis zu Teheran und den Wiederaufbau von Vertrauen stellten sich daher große Fragen.
„Saudi-Arabien hat das Recht, seine Souveränität und seine nationale Sicherheit zu verteidigen“, betont der Politikanalyst. Einen Vergeltungsschlag gegen Teheran hält er derzeit aber für eher unwahrscheinlich. Riad habe immer auf Dialog und regionale Stabilität gesetzt. In einen Konflikt hineingezogen zu werden, habe man mit allen Mitteln versucht zu verhindern.
„Dieses Land hat eine große Zukunft vor sich“
„Die Priorität Saudi-Arabiens bleibt es, eine weitere Eskalation abzuwenden“, sagt Sager. Das gelte auch für die Zeit nach dem Krieg. Denn langfristig sei ein instabiles Iran nicht nur für Riad ein Problem, sondern „hätte erhebliche Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten“.
Fragt man die Menschen auf den Straßen Riads, dann ist von Rachegelüsten gegenüber Teheran ebenfalls wenig zu hören. Gespräche über politische Themen verlaufen aber ohnehin meist ins Leere. Auch Muhammed und seine Kollegen scheinen an längeren Diskussionen dieser Art nur wenig interessiert.
„Warum über einen Krieg reden, der nicht unserer ist?“, fragt einer der jungen Saudis, bevor die Gruppe mit ihren Eiskaffee-Bechern in die Nacht aufbricht. „Dieses Land hat eine große Zukunft vor sich. Und wir haben interessantere Themen, mit denen wir uns beschäftigen sollten.“
Source: faz.net