Iranisch-amerikanische Aktivistin Alinejad erhält Paulskirchenpreis

Masih Alinejad


Porträt

Stand: 31.03.2026 • 13:16 Uhr

Sie musste Iran 2009 aus politischen Gründen verlassen und ist eine der bekanntesten Stimmen der iranischen Opposition im Ausland. Heute erhält Masih Alinejad den ersten Europäischen Paulskirchenpreis für Demokratie.

Voller Freude und mit ausgestreckten Armen läuft Masih Alinejad durch eine Straße in London. Ihre lockigen Haare wehen im Wind, auf ihr breites Grinsen fällt der Schatten der vielen rosa Kirschblütenbäume um sie herum.

Diesen Moment des Glücks, eingefangen auf einem Foto, postet Alinejad im Jahr 2014 bei Facebook. Nicht immer konnte sie sich so frei fühlen: „Millionen Frauen wurden für das bloße Zeigen von ein bisschen Haar in ihrer Heimat Iran von der Sittenpolizei bestraft“, erklärt Alinejad im ARD-Interview.

Deshalb löste sie mit ihrem Foto eine Bewegung aus. Unzählige Iranerinnen schrieben ihr in den Kommentaren, dass sie diese Art von Freiheit vermissen. Alinejad richtete prompt eine neue Online-Seite ein. Titel: „My Stealthy Freedom“, meine heimliche Freiheit. Sie rief Frauen im Iran dazu auf, Fotos oder kurze Videos von sich ohne Kopftuch zu veröffentlichen – eine Protestaktion, die viral geht.

Ein Ultimatum trieb sie ins Exil

„Im Iran kam ich ins Gefängnis, als ich erst 19 Jahre alt war. Ich wurde von der Sittenpolizei verprügelt, nur weil ich meine Haare gezeigt habe. Ich wurde von der Schule geworfen, weil ich kritische Fragen gestellt habe.“

Alinejad hat als Journalistin in Teheran gearbeitet. Sie wurde bekannt für Berichte über Korruption und Machtmissbrauch der politischen Elite. 2009 sollen ihr die iranischen Sicherheitsbehörden ein Ultimatum gestellt haben: Entweder sie stoppt ihre Arbeit oder sie verlässt ihre Heimat. Alinejad ging ins Exil. Erst nach Europa, dann in die USA. Doch auch im Ausland war sie nicht sicher.

„Was auch immer ich getan habe, hat die Islamische Republik so wütend gemacht, dass sie mein Leben beenden wollten“, erzählt die zierliche Frau mit der roten Brille.

Sie haben es drei Mal versucht. Und hier sind wir nun: Ich lebe, aber der Mann, der meine Ermordung beauftragt hat, ist tot – Ali Chamenei.

Europäischer Paulskirchenpreis

Die Stadt Frankfurt am Main verleiht am Abend erstmals den Europäischen Paulskirchenpreis für Demokratie – eine neu geschaffene Auszeichnung zum 175-jährigen Jubiläum der Paulskirchenversammlung, das die Stadt 2023 feierte. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und soll alle zwei Jahre an Menschen oder Initiativen vergeben werden, die sich besonders für die Werte einsetzen, die mit der Paulskirche in Verbindung gebracht werden: an Personen, Organisationen oder Gruppen, „die sich in herausragender Weise für Demokratie, Freiheit und den Rechtsstaat einsetzen und die Teilhabe aller an einer vielfältigen, diversen Demokratie fördern“.
Der Titel des Preises soll laut der Stadt betonen, dass die Auszeichnung auch für die europäische Idee stehen soll. Am 18. Mai 1848 kamen in der Frankfurter Paulskirche die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments zusammen, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats zu beraten.

Alinejad überlebt mehrere Mordversuche

Mehrere Mordversuche hat Alinejad in den USA überlebt. Ein angeheuerter Attentäter beobachtete sie tagelang vor ihrem Wohnhaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn. In seinem Auto fanden Polizisten ein AK-47 Sturmgewehr.

Trotz der Bedrohung lässt das Engagement der heute 49-Jährigen nicht nach. Sie zählt zu den bedeutendsten Stimmen der iranischen Frauen- und Freiheitsbewegung: „Ich liebe Freiheit. Aber ich hasse es, wenn mir vorgeschrieben wird, was ich anziehen, denken oder glauben soll. Ich will kein Bürger zweiter Klasse sein oder ein Sklave. Ich hasse es, diese barbarischen Mullahs zu sehen, die mir sagen, welche Musik ich hören kann.“

Kritik und Vorwurf über Nähe zur Trump-Regierung

Kritisiert wurde Alinejad zuletzt, weil sie die Trump-Regierung immer wieder für ihr härteres – auch militärisches – Vorgehen gegen das iranische Regime gelobt hat. Noch immer ruft sie den US-Präsidenten regelmäßig dazu auf, den „Job zu Ende zu bringen“.

Sie befürchtet allerdings, dass es anders kommt: „Wenn Präsident Trump sich entscheidet, mit einem – wie er ihn nennt – moderateren Anführer zu sprechen und zu verhandeln, werden die Menschen im Iran ganz sicher früher oder später auf die Straßen zurückkehren und das gesamte Regime zu Fall bringen. Ob uns Trump dabei hilft oder nicht. Alleine wird es die Iraner aber noch mehr kosten.“

Enttäuscht von Europa

Trumps Vorgehen im Iran als völkerrechtswidrig zu bezeichnen, findet Alinejad falsch. Sie ist zudem enttäuscht, dass sich europäische Länder nicht genug einbringen:

Wo ist Europa? Warum zögert die deutsche Regierung immer noch, eine terroristische Vereinigung als solche einzustufen? Warum erlauben Deutschland, Frankreich und Großbritannien der Islamischen Republik immer noch, ihre Botschaften in ihren Ländern zu haben? Sie sagen, sie wollen die diplomatischen Türen offen lassen. Wie viele Jahre haben sie Diplomatie probiert und was haben sie erreicht?

Leidenschaftliche Rednerin mit Mut

Als Symbol des Widerstands und gegen den Kopftuchzwang trägt Masih Alinejad bei öffentlichen Auftritten häufig eine weiß-gelbe Blume in ihrem voluminösen Haar – ob in Fernseh-Interviews, bei Treffen mit Präsidenten oder als geladener Gast im UN-Sicherheitsrat.

Ihre leidenschaftlichen Reden und ihr Mut sind zu ihrem Markenzeichen geworden: „Ich werde sowieso sterben, ob durch das iranische Regime oder durch Krebs. Es ist besser, mit Würde zu leben und eine Mission zu haben. Denn ich liebe Demokratie.“

Source: tagesschau.de