Iran: Welche Folgen könnte jener Angriff gen Charg nach sich ziehen?
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US-Angriffe zerstören Militäranlagen auf der Insel Charg im Persischen Golf, die Ölinfrastruktur bleibt verschont – noch. Welche Bedeutung hat die Insel für Irans Ölindustrie und den globalen Energiehandel?
Die USA haben laut Präsident Donald Trump Militäranlagen auf der für Irans Ölindustrie und den globalen Energiehandel wichtigen Insel Charg zerstört. Die Ölinfrastruktur wurde nach Angaben iranischer Staatsmedien nicht getroffen. Ausschließen will Trump das für die Zukunft aber nicht.
Wo liegt die Insel Charg und welche Bedeutung hat sie für Iran?
Die Insel Charg (oft auch: Kharg) liegt im Norden des Persischen Golfs etwa 30 Kilometer von der Küste entfernt. Auf einer Fläche von rund 20 Quadratkilometern prägen Ölterminals, Öltanklager, Kraftwerke und Entsalzungsanlagen das Bild.
Die Insel gilt als unersetzliches logistisches Rückgrat für die Exportwirtschaft Irans. Nach Einschätzung von Energieexperten und Finanzdienstleistern werden etwa 90 Prozent der iranischen Erdölausfuhren über die Insel Charg abgewickelt. Berichten zufolge konnten in den vergangenen Jahren über das Terminal zehn Supertanker für den Transport über die Ozeane gleichzeitig beladen werden. Der mit Abstand wichtigste Abnehmer von iranischem Öl ist China.
Etwa 90 Prozent der iranischen Erdölausfuhren werden über die Insel abgewickelt.
Charg erlebte während des Öl-Booms in Iran in den 1960er- und 1970er-Jahren eine starke Entwicklung, da ein Großteil der iranischen Festlandküste zu flach für Supertanker war. Iran versuchte, seine Exportkapazitäten zu diversifizieren, indem er 2021 ein Terminal in Dschask im Golf von Oman eröffnete, außerhalb der Straße von Hormus. Charg bleibt jedoch laut JP Morgan ein Eckpfeiler der iranischen Wirtschaft und eine wichtige Einnahmequelle für die Revolutionsgarden.
Welche Ziele hat das US-Militär auf Charg angegriffen?
Laut US-Präsident Trump wurden alle militärischen Ziele auf der Insel ausgelöscht. Nach Angaben des US-Regionalkommandos (Centcom) wurden mit einem groß angelegten Präzisionsschlag Lagerstätten für Seeminen, Raketenbunker und zahlreiche weitere militärische Einrichtungen zerstört. Den US-Streitkräften gelang es demnach, mehr als 90 iranische Militärziele zu treffen, ohne dabei die Ölinfrastruktur zu beschädigen.
Laut der iranischen Nachrichtenagentur Fars waren Luftverteidigungsanlagen, eine Militärbasis, ein Kontrollturm und ein Hangar für Hubschrauber weitere Ziele. Die New York Times zitierte einen Vertreter des iranischen Ölministeriums, die Erschütterungen nach den rund zwei Stunden langen Explosionen hätten sich wie ein Erdbeben angefühlt. Laut Militärexperten ist die Insel jetzt ohne militärischen Schutz.
Trotz der US-Angriffe läuft der Exportbetrieb nach Angaben der regionalen Behörden uneingeschränkt weiter. Der Vize-Gouverneur der iranischen Provinz Buschehrer, Ehsan Dschahanijan, betonte, „das alltägliche Leben und die Routine der Bewohner“ auf Charg gingen ganz normal weiter. Bei dem US-Angriff seien weder Soldaten noch Bewohner oder Mitarbeiter der Ölfirmen verletzt worden.
Was will US-Präsident Trump mit den Angriffen erreichen?
US-Präsident Trump will nach eigenen Worten den Iran zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus zwingen. Auf eine Vernichtung der Ölinfrastruktur habe er „aus Gründen der Anständigkeit“ verzichtet, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. Sollte der Iran oder jemand anders die Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus versuchen zu behindern, werde er diese Entscheidung „sofort überdenken“.
Welche Folgen hätte ein Angriff auf die Ölanlagen?
Jeder Schritt auf der Insel hätte aus Sicht von Experten rasche Auswirkungen. „Ein direkter Angriff würde den Großteil der iranischen Rohölexporte sofort zum Erliegen bringen und wahrscheinlich schwere Vergeltungsmaßnahmen in der Straße von Hormus oder gegen die regionale Energieinfrastruktur auslösen“, heißt es von JP Morgan.
Experten haben vorausgesagt, dass dies die Ölpreise, die bereits bei über 100 US-Dollar pro Barrel liegen, auf bis zu 150 US-Dollar pro Barrel steigen lassen könnte. Die weltweite Ölversorgung Irans macht etwa vier Prozent des globalen Ölmarktes aus.
Mit welchen Konsequenzen droht Iran?
Iran, der viertgrößte Rohölproduzent in der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), hat bereits gewarnt, dass jeder Angriff auf seine Infrastruktur mit Vergeltungsmaßnahmen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ beantwortet werde.
Am Samstag drohte Teheran damit, die mit den USA verbundenen Ölinfrastruktur im Nahen Osten „in Schutt und Asche zu legen“. Laut Kommandozentrale der islamischen Revolutionsgarde wäre in dem Fall kein Hafen oder Wirtschaftszentrum am Persischen Golf sicher.
Die Revolutionsgarde erklärte US-Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zu legitimen Zielen. Dies betreffe Häfen, Anlegestellen und Militärstandorte. Die Bewohner der Emirate wurden aufgerufen, sich von solchen Orten fernzuhalten, um zivile Opfer zu vermeiden.
Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP, Reuters und AP
Source: tagesschau.de