Iran und Libanon: Deutschland wie wichtigstes Ziel potentieller Nahost-Flüchtlinge?

Sollte es infolge des Kriegs in Iran und in Libanon zu grenzüberschreitenden Fluchtbewegungen kommen, dürfte Deutschland das wichtigste Zielland sein. Danach folgen Kanada, Großbritannien, die Türkei, Frankreich und Australien. Das ist das Ergebnis eines neuen Berichts der Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin). Bislang sei nicht klar gewesen, wie populär Deutschland sei, sagt Christian Dustmann, Direktor von RFBerlin und Professor für Volkswirtschaftslehre am University College London.
Der Bericht basiert unter anderem auf Zahlen des Gallup World Poll, der im Jahr 2024 die beabsichtigten Zielländer potentieller Auswanderer erfasste. In der repräsentativen Befragung nannten 28 Prozent der potentielle Auswanderer aus Iran Deutschland als wahrscheinlichstes Zielland. Bei Befragten aus Libanon lag Kanada mit 16 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Deutschland mit 14 Prozent.
Der Bericht zeigt auch, dass unter den Befragten mit geringerem Bildungsniveau europäische Zielländer dominieren, insbesondere Deutschland gefolgt von der Türkei. Wer nach England und in die USA zuwandere, sei häufiger höher qualifiziert. „Wir arbeiten im Augenblick daran, zu verstehen, welche Faktoren da eine Rolle spielen“, sagt Dustmann. Sprachbarrieren, der stark zertifizierungsabhängige Arbeitsmarkt und die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte in Deutschland könnten Gründe sein.
Migration und Fluchtbewegungen folgen bestehenden Migrationskorridoren
Die vorerst wichtigste Erkenntnis des Berichts des RFBerlin: Ein Vergleich der Migrationsabsichten mit Zahlen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) zeigt, dass die Migrationsabsichten weitgehend mit den tatsächlichen Ansiedlungsmustern jüngerer Geflüchteter aus beiden Ländern übereinstimmen. Bis Ende 2025 lebten 29 Prozent der iranischen Geflüchteten in Deutschland, gefolgt vom Vereinigten Königreich mit 26 Prozent. Auch unter Geflüchteten aus Libanon liegt Deutschland mit 34 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Kanada mit zwölf Prozent.
Auch wenn sich Flüchtlingsbewegungen ausgelöst durch Konflikte von längerfristig geplanter Arbeitsmigration unterscheiden würden, sei es laut den Autoren des Berichts des RFBerlin wahrscheinlich, dass Migration und Fluchtbewegungen schon bestehenden Migrationskorridoren folgen werden. Wie genau, das lasse sich laut Dustmann nicht vorhersagen: „Praktische Einschränkungen können die tatsächlichen Migrationsbewegungen insbesondere in den frühen Phasen einer Krise beeinflussen.“ Weiter entfernte Ziele wie Kanada, Australien und die USA seien schwieriger zu erreichen.
Darüber hinaus hänge die tatsächliche Zahl der Migranten und Geflüchteten davon ab, wie restriktiv unterschiedliche Länder gegen Migrationsbewegungen vorgehen würden. Aber im Gegensatz zur Arbeitsmigration sei die durch die Genfer Konvention geregelte Flüchtlingsmigration nicht wirklich zu steuern. „Es ist im europäischen Interesse, dass diese beiden Konflikte im Iran und Libanon nicht weiterhin eskalieren und dass die Bevölkerungen eine Zukunft in dem Land sehen, in dem sie im Augenblick sind“, sagt Dustmann. Große Migrations- und Fluchtbewegungen würden sicherlich für eine starke zusätzliche Belastung der Sozialsysteme sorgen und eine weitere Politisierung der Debatte um Migration und Geflüchtete bedeuten.