Iran: Stille ist dies falsche Wort
Das Internet ist weg. In Deutschland steht das für ein Funkloch in der U-Bahn oder einen streikenden Router. Doch in den Tagen der Proteste im Iran bekommt dieser Satz eine andere Schwere. Weil er keinen technischen Zustand beschreibt, sondern eine Verschiebung der Wirklichkeit.
Wer von außen auf einen Blackout blickt, stellt sich Leere vor: keine Bilder, keine Videos, keine Nachrichten. Tatsächlich entsteht etwas anderes. Kein Schweigen, sondern eine monotone Lautstärke. Während unabhängige Quellen im Land verstummen, bleibt eine staatlich gelenkte Tonspur übrig. Und die wird lauter.
Überall heißt es: Aus dem Iran kommt nichts mehr. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Aus dem Iran kommt Tasnim. Die staatlich verankerte Nachrichtenagentur, nah an den Revolutionsgarden, wird während der Abschaltungen sichtbar aktiver. Auf Telegram, auf X, in Kanälen, die auch außerhalb des Landes gelesen werden. Der Shutdown schaltet das Narrativ nicht ab. Er schaltet es um.
Das hat Folgen, die über klassische Propaganda hinausgehen. Sobald der Zugang zu unabhängigen Quellen abreißt, lesen selbst diejenigen staatliche Meldungen, die ihnen sonst nicht trauen – nicht aus Überzeugung, mangels Alternativen. Sie lesen zwischen den Zeilen, suchen Widersprüche, versuchen aus Fragmenten Realität zu rekonstruieren. Doch dieses Bild entsteht in einem Raum, den das Regime kontrolliert.
Stille ist also das falsche Wort. Der Staat spricht, weil alle anderen nicht mehr sprechen können.
Proteste leben vom simplen Wissen: dass andere zur gleichen Zeit etwas riskieren. Dass man nicht allein ist. Diese Gleichzeitigkeit ist mehr als Mobilisierung. Sie ist Ermutigung. Sie macht aus Einzelnen eine Bewegung – und aus vielen ein „Wir“.
Genau dieses Wissen unterbricht der Internet-Shutdown. Nicht, weil niemand mehr auf die Straße gehen könnte – Protest braucht kein WLAN. Aber ohne diese Verbindung zwischen Stadtteilen, Städten und Milieus verliert kollektives Handeln seinen Takt. Der eine Ort eskaliert, der andere bleibt im Ungewissen. Der eine schreit, der andere hört es nicht. Die Bewegung zerfällt.
Das zeigt sich selbst an scheinbar unpolitischen Details: Die im Iran entwickelten Plattformen und Apps, die im Rahmen des nationalen Netzwerks des Landes nun wieder erreichbar sind, wurden stark beschnitten. Kommentare, Chats, direkte Kommunikation fehlen. Man darf schauen, aber nicht sprechen. Man darf handeln, aber nicht koordinieren. Man darf existieren – aber nicht gemeinsam.
Was entsteht, ist kein abruptes Verstummen der Proteste, sondern Unsicherheit: Wächst der Protest? Oder ist er bereits gebrochen? Aus dieser Ungewissheit wächst ein Gefühl, das die Proteste von innen angreift: Ohnmacht.
Ohnmacht als Zustand
Ein iranischer Psychologe in Berlin, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will und viel mit iranischen Migrantinnen und Migranten arbeitet, beschreibt diesen Zustand als besonders belastend, gerade weil er formlos ist. Schlechte Nachrichten, sagt er der ZEIT, seien oft leichter zu verarbeiten als gar keine. Fehlen Informationen, produziert das Gehirn die schlimmstmöglichen Szenarien.
Der Körper bleibt im Alarmzustand, weil nichts abgeschlossen werden kann: kein Reagieren, kein Trauern, kein Einordnen. Genau hier liegt der politische Effekt. Wer nicht weiß, wohin sich die Dinge bewegen, kann sich nicht positionieren. Orientierungslosigkeit lähmt.
Wie radikal sich dieses Verhältnis verschoben hat, zeigt sich in den wenigen Gesprächen mit Menschen im Iran, die nach dem Shutdown noch möglich waren. Plötzlich waren sie es, die fragten: Was hört ihr? Gibt es noch Proteste? Wissen wir mehr als sie, die mitten im Geschehen sind? Der Shutdown erzeugt ein Klima, in dem Angst schneller zirkuliert als jede verifizierte – selbst schreckliche – Nachricht.
Eine Ausnahme
Die iranische Diaspora behauptet gern, sie sei von der vom Regime erzeugten Misere ebenso betroffen wie die Menschen im Land. Das ist falsch. Der Diaspora geht es, im Großen und Ganzen, unvergleichlich besser – sonst wären wir längst massenweise zurückgekehrt. Wer diesen Unterschied verwischt, ersetzt Analyse durch Selbstvergewisserung. Und doch gibt es eine Ausnahme: den Internet-Shutdown.
Wenn nicht nur das Netz, sondern auch Telefonverbindungen aus dem Ausland abbrechen, reißt der letzte Draht. Man sitzt in europäischen Wohnungen, in Büros, in Bahnen und weiß nicht, ob die eigene Schwester gerade auf der Straße ist oder im Gefängnis. Nichtwissen wird körperlich: Warten, Aktualisieren, Starren auf einen Bildschirm. Nichts passiert.
Das ist keine Gleichsetzung mit der Lage im Iran. Aber es ist eine gezielte Mitbestrafung. Der Shutdown trennt Protestierende voneinander, und er kappt der Diaspora Nähe und Gewissheit.
Die Falschen werden laut
Wenn die Stimmen der Protestierenden aus dem Iran nicht mehr nach außen dringen, ziehen sich im Ausland zunächst jene zurück, die sich verantwortlich fühlen. Wer außerhalb des Iran ernsthaft über den Iran spricht, will wissen, was die Menschen im Land fordern und wie hart die Repression ist. Fehlen diese Informationen, wartet man ab. Dieses Schweigen ist keine Gleichgültigkeit, aber Zurückhaltung – gespeist aus Scham und der Erkenntnis, nicht für andere sprechen zu können, wenn man nichts weiß.
Gleichzeitig tritt ein paradoxer Effekt ein: Gerade jene politischen Kräfte, die Proteste und vergossenes Blut vor allem als Mittel zum eigenen Machtgewinn begreifen, werden lauter. Wo Informationen fehlen, wird Gewissheit simuliert. Wo Zweifel angebracht wäre, wird er überspielt. Der Internet-Shutdown verschiebt damit nicht nur Kommunikation, sondern auch Machtverhältnisse – zugunsten der Unverschämten.
Das betrifft nicht nur politische Akteure, auch die Zivilgesellschaft. Menschenrechtsorganisationen, Journalistinnen und Journalisten im Exil, verantwortungsvolle Medien – all jene, die mit Fakten, Zahlen und überprüfbaren Quellen arbeiten – geraten an den Rand, sobald Informationen abreißen.
In Deutschland werden Menschen dann schnell aktiv und wollen helfen: VPN, Satelliteninternet, Umgehung. Das greift zu kurz. Entscheidend ist nicht, ob jemand noch irgendwie online kommt, sondern was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Verbindung kein Normalzustand mehr ist. Bleibt nur eine Stimme wirklich hörbar, wird die Öffentlichkeit zum Echoraum der Macht.