Iran, ein Land im Wartezustand: Eine Reportage aus Teheran
Reportage
In Iran herrscht angespanntes Warten. Viele rechnen mit einem US-Angriff, etliche hoffen auf einen Sturz des Regimes. Doch Trump scheint es nicht mehr vorrangig um die Menschenrechte zu gehen. Eindrücke aus Teheran.
Die Luft in Teheran kann einem den Atem rauben: Staubig und voller Abgase setzt sie sich in den Nebenhöhlen fest und macht jeden Gang, jede Fahrt durch die notorisch verstopfte Hauptstadt zu einer anstrengenden Sache. Doch die Luftverschmutzung ist dieser Tage das kleinste Problem für viele in Teheran.
Das Leben an sich raube ihnen Kraft, erzählt eine Frau Mitte dreißig auf der Straße:
Ich kann mir überhaupt keine Zukunft vorstellen, für die ich planen oder mich noch anstrengen würde. Ich bin ich völlig gefühllos und antriebslos geworden. Nicht einmal vor einem Krieg habe ich noch Angst, ich spüre einfach nichts mehr.
Im Januar sei sie für kurze Zeit hoffnungsvoll gewesen, erzählt sie weiter. Als während der Proteste, die sich an der schlechten Wirtschaftslage entzündet hatten und sich schnell gegen die gesamte Führung richteten, US-Präsident Donald Trump plötzlich dem Regime drohte und den Menschen auf der Straße Hilfe versprach.
Von Menschenrechten keine Rede mehr
Wenige Wochen später sitzen die USA mit dem Regime am Verhandlungstisch, wenn auch umrahmt von einer massiven militärischen Drohkulisse. Doch von Menschenrechten ist plötzlich keine Rede mehr, nun geht es in erster Linie um das iranische Atomprogramm, das internationale Verhandler mittlerweile seit Jahrzehnten beschäftigt.
Irans Außenminister sprach nach der zweiten Verhandlungsrunde von Fortschritten. Für viele Beobachter schwer vorstellbar, so weit gehen die roten Linien beider Länder auseinander. Iran besteht weiterhin darauf, Uran anzureichern – was die USA ablehnen.
Trump stellte am Freitag ein Ultimatum: Zehn bis 15 Tage wolle er maximal noch für Verhandlungen einräumen, eine Frist, die kommende Woche abläuft. Ein Deal würde das iranische Regime stärken, dem Volk aber nicht helfen, glauben viele Iraner.
Warten auf den Angriff
Auch eine junge Frau, die an den Protesten im Januar teilgenommen hat, denkt so. Leyla, deren echter Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll, und ihre Freunde rechnen mit einem US-Angriff: „Eigentlich warten wir darauf, auch wenn wir keine Fans von Trump sind“, erzählt sie.
Sie hoffe, es gehe den US-Amerikanern gezielt um die Führungseliten im Land, für die sie nur Verachtung empfinde, schon vor den Protesten im Januar. Drei Tage lang sei sie auf der Straße demonstrieren gewesen. „Am ersten Tag war ich überwältigt. Unser gesamtes Viertel war voller Menschen.“ Einige Nachbarn hätten sogar ihre Kinder dabei gehabt.
Doch schnell sei die Euphorie in Angst umgeschlagen. Die junge Frau erzählt von Kräften in Zivil, die sich unter die Protestierenden gemischt hatten. „Sie haben bestimmte Protestierende markiert und an bewaffnete Einheiten durchgegeben.“ So hätten Milizen und Polizei bestimmte Menschen gezielt getötet, die später von der Justiz als Rädelsführer oder Terroristen bezeichnet wurden.
Angst, ins Krankenhaus zu gehen
Leyla berichtet von schwer verletzten Menschen, die aus Angst vor Strafverfolgung oder Schlimmerem nicht in Krankenhäuser gebracht werden wollten. So auch eine junge Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn auf der Straße gewesen sei. Die Frau habe schwere Verletzungen im Gesicht gehabt, sich aber geweigert, in ein nahe gelegenes Krankenhaus zu gehen.
Ein Freund von ihr habe sie mit seinem Motorrad in eine Lagerhalle gefahren, wo ein Arzt Dutzende Verletzte behandelt habe. Ein großes Risiko: Es gibt zahlreiche Berichte, dass Ärzte, die Protestierende behandelten, in den Tagen danach festgenommen wurden. Selbst Mediziner, die in den sozialen Medien lediglich Tipps und Hinweise gaben, wurden zu Hause abgeholt, der ARD sind solche Fälle bekannt.
„Ich will das Ende dieses Regimes sehen“
Obwohl Leyla auf einen Angriff hofft, hat sie auch Angst. „Wer garantiert uns, dass wir nicht hineingezogen werden? Vielleicht greift uns sogar das Regime an, nur um der Welt sagen zu können: ‚Schaut, was die Amerikaner hier veranstalten'“, beschreibt sie mit lauter Stimme ihre Sorgen.
Und sie setzt nach: „Ich will das Ende dieses Regimes sehen.“ Eine Forderung, die bei den Protesten im Januar lautstark skandiert wurde und auch aktuell an mehreren Universitäten in Teheran wieder zu hören ist. Mit dem Beginn des neuen Semesters vor wenigen Tagen flammten dort erneut Proteste auf.
Leyla sagt, sie wünsche sich ein Iran mit Parteien und freien Wahlen. Zu Reza Pahlavi, dem Sohn des gestürzten Schahs, hat sie keine klare Meinung. „Ich will definitiv keinen neuen König“, weiß sie. Aber wenn Pahlavi in einem neuen Iran doch eine Rolle spielen sollte, werde er wenigstens keine Terrorgruppen finanzieren:
Kein Geld mehr für die Hamas, kein Geld mehr für die Hisbollah, sondern für unser Land. Wir haben so viele Probleme: Kein Wasser, keine saubere Luft – darum muss er sich kümmern.
Schah-Sohn als Option?
Die junge Generation sei bewundernswert entschlossen, aber in manchen Punkten zu naiv, glaubt eine Rentnerin Ende 60. Auch sie wolle das Ende des Regimes, sagt sie. Teile ihrer Familie mussten das Land vor Jahren aus politischen Gründen verlassen. Es ist eine Geschichte, die sie mit vielen Iranern teilt.
Doch im Gegensatz zur jungen Leyla sagt sie: Veränderung muss von innen heraus kommen. In ihrem Freundeskreis gebe es deswegen aktuell große Diskussionen.
Eine ihrer Freundinnen habe in den 1970er-Jahren als Studentin in einem der Gefängnisse des Schahs gesessen. „Und jetzt erzählt ausgerechnet sie uns, dass sein Sohn, der sich mit den Verbrechen seines Vater überhaupt nicht auseinandersetzt, eine Möglichkeit ist!“, schimpft sie. Die angesprochene Freundin schüttelt den Kopf: „Wir müssen uns vom Gedanken lösen, zu sagen: Belassen wir lieber alles beim Alten, ehe wir das Neue überhaupt versucht haben.“
Verhältnisse wie in Venezuela?
Die Gedanken über die Zukunft, die sich die Frauenrunde macht, schieben viele Iraner aktuell noch beiseite, zu groß sind die Alltagsprobleme. Die Lebensmittelpreise sind seit Jahreswechsel weiter gestiegen, während die Währung Rial in nur acht Wochen mehr als 17 Prozent an Wert verloren hat.
Auf der Straße winken viele bei der Frage nach Verhandlungen und Kriegsgefahr müde ab. Vielleicht, sagen manche, einige sich die Führung doch mit den US-Amerikanern, um an der Macht zu bleiben. Vielleicht verliere Trump aber auch einfach wieder das Interesse am Iran, sagt eine Frau. Oder er lässt, wie in Venezuela, ein Land im Wartezustand zurück. Ohne Machthaber, aber dennoch weiter regiert vom gleichen, korrupten Apparat.
Source: tagesschau.de
