Interview: „Tsunami an Material von Kindesmissbrauch“ durch Live-Streaming
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Live und per Videochat gesteuert: So wurden allein in den Philippinen eine halbe Million Kinder sexuell missbraucht, erklärt Menschenrechtler Haugen. In einem Jahr. Doch das ließe sich technisch einfach verhindern.
tagesschau.de: Ihre Organisation, International Justice Mission (IJM), setzt sich unter anderem dafür ein, Kinder vor sexueller Ausbeutung im Internet zu schützen. Können Sie erklären, was man sich darunter vorstellen muss?
Gary Haugen: Ja, im Grunde genommen handelt es sich bei der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Internet um zwei Erwachsene, die sich verabreden, um ein Kind online in Echtzeit sexuell auszubeuten oder zu missbrauchen.
Ein Erwachsener möchte dabei gegen Bezahlung den sexuellen Missbrauch eines Kindes live und entsprechend den eigenen Anweisungen anschauen. Am anderen Ende dieser Transaktion steht ein Erwachsener, der Zugang zu einem schutzbedürftigen Kind hat und den sexuellen Missbrauch dieses Kindes für die Unterhaltung des Erwachsenen auf der anderen Seite durchführt. In Echtzeit und live über das Internet.
Zur Person
Gary A. Haugen ist Gründer und CEO von International Justice Mission (IJM), einer globalen Menschenrechtsorganisation im Kampf gegen moderne Sklaverei. Zuvor war er als Anwalt beim US-Justizministerium tätig und leitete die UN-Untersuchung nach dem Völkermord in Ruanda. Er ist Autor von „The Locust Effect“, einem Buch, das die Verbindung zwischen Armut und Gewalt beleuchtet.
500.000 Kinder in einem Jahr in einem Land
tagesschau.de: Können Sie das Ausmaß dieses Problems beschreiben und erläutern, welche Rolle deutsche Täter spielen?
Haugen: Wir wissen, dass jedes Jahr weltweit Hunderttausende Kinder live per Video sexuell missbraucht werden – auf Verlangen von Tätern auf der ganzen Welt. Auf den Philippinen hat IJM gemeinsam mit anderen Expertinnen und Experten eine Studie durchgeführt, die ergab, dass im Jahr 2022 allein auf den Philippinen eine halbe Million Kinder innerhalb nur eines Jahres online sexuell missbraucht wurden.
Leider ist Deutschland einer der Hauptmärkte. Das deutsche Innenministerium hat erklärt, dass Deutschland bei der Nachfrage nach Material über sexuellen Kindesmissbrauch an zweiter Stelle steht. Und dass Deutschland eines der führenden Länder ist, die den Markt für diese Art von Missbrauch im Internet antreiben.
Europol sagt, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern im Internet die Hauptform der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern weltweit ist.
Missbrauch über „alltägliche Video-Chats“
tagesschau.de: Wie finden die Konsumenten dieses Online-Missbrauchs die Anbieter? Geschieht das über das Darknet?
Haugen: Überraschenderweise findet das nicht im Darkweb statt. Es findet im Clearweb statt, über all die alltäglichen Anwendungen, Video-Chats, Privatnachrichten-Dienste, die jeder von uns täglich nutzt. Das sind die Mittel, über die das durchgeführt wird. Das ist einer der Gründe, warum dies in einem so gewaltigen Umfang geschieht. Man muss nicht im Darkweb herumkriechen, um es zu tun.
Ich möchte nicht zu genau erklären, wie das geht – aber diese Leute können einfach in bekannte Chatrooms gehen oder so etwas googeln. Dann werden sie die Kanäle finden, über die sie Menschen ausfindig machen, die bereit sind, ein schutzloses Kind gegen Bezahlung auszunutzen. Es ist sehr, sehr leicht zu finden.
Strafverfolgung überfordert
tagesschau.de: Sind die Strafverfolgungsbehörden in der Lage, dieses Problem anzugehen? Welche Schwierigkeiten stellen sich dabei?
Haugen: Früher war es so, dass ein Sexualstraftäter etwa aus Deutschland an einen anderen Ort auf der Welt reiste, an dem er vielleicht der Entdeckung durch die Strafverfolgungsbehörden entgehen konnte. Das hat sich geändert. Heute ist es oft ziemlich schwierig, diese Straftaten physisch zu begehen. Doch diese Täter können nun den Missbrauch an einem Kind bequem und einfach von zu Hause aus über das Internet durchführen und steuern.
Das hat zu einer regelrechten Explosion der Nachfrage geführt. Vor Jahren war es noch nicht so, dass täglich Hunderttausende Kinder in den Philippinen gegen Bezahlung durch ausländische Kunden sexuell missbraucht wurden, aber heute ist das der Fall. Ein Teil des Problems ist also schlicht diese unglaublich massive Zunahme des Ausmaßes, was für die Strafverfolgung sehr schwierig ist.
Zweitens erfolgte die Aufdeckung solcher Inhalte im Internet bisher, indem nach Material gesucht wurde, das bereits als Kindesmissbrauch identifiziert und gekennzeichnet worden war. Denn das Geschäft funktionierte bislang so, dass ein Großteil des Materials immer wieder verbreitet wurde.
Doch nun führt das Live-Streaming dazu, dass ständig neues Material online erscheint. Die Strafverfolgungsbehörden verfügen nicht über die entsprechenden Kapazitäten, und die Tech-Unternehmen haben nicht den Willen, diese Live-Stream-Daten zu analysieren.
Man hat also jetzt nicht nur eine explosionsartige Zunahme dieses Missbrauchs – zudem handelt sich auch nicht mehr um die traditionelle Art von Material, das leicht zu finden ist. Wir sehen einen Tsunami an Material von Kindesmissbrauch, in einem Ausmaß, mit dem die Strafverfolgungsbehörden einfach nicht Schritt halten können.
Forderung: Aufzeichnung technisch unmöglich machen
tagesschau.de: Sie plädieren für technische Lösungen, um die Live-Übertragungen von Kindesmissbrauch unmöglich zu machen. Wie würde das funktionieren, und warum wird das noch nicht umgesetzt?
Haugen: Technologie kann genutzt werden, um Kinder in industriellem Ausmaß sexuell zu missbrauchen – doch die Technologie kann auch genutzt werden, um dem ein Ende zu setzen. Insbesondere jetzt, da künstliche Intelligenz dieses Material in Echtzeit auf diesen Plattformen erkennen kann.
Doch man könnte dieses Material nicht nur erkennen, man könnte etwa das Smartphone sogar von vornherein so gestalten, dass es diese Missbrauchsdarstellungen gar nicht erst aufzeichnen oder hochladen kann. Die Technologie, um dies zu verhindern, ist bereits vorhanden, aber es muss der wirtschaftliche und politische Wille vorhanden sein, sie auch zu nutzen.
Doch traditionell reagieren Tech-Unternehmen geradezu allergisch auf jeden Vorschlag, der die Nutzung ihrer Geräte einschränken könnte – auf alles, was einem nicht erlaubt, mit allergrößter Freiheit zu tun, was man will. Oder es gibt Bedenken, dass Tech-Unternehmen beobachten könnten, was ich online mache oder wie ich mein Gerät nutze. Das schafft einen Zielkonflikt zwischen Datenschutz und Kinderschutz.
Aber die Wahrheit ist, dass es dank der heutigen Technologie keinen solchen Zielkonflikt geben muss, weil wir die Geräte von vornherein sicher gestalten können. Man muss also keine Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre haben, dass ein Plattformunternehmen beobachtet, wofür die Leute ihre Geräte nutzen, wenn das Gerät von vornherein gar nicht in der Lage wäre, dieses Material aufzuzeichnen oder hochzuladen.
„Technologie nicht als regulierungsfreie Zone behandeln“
tagesschau.de: Was sollten Gesetzgeber der EU oder in Ländern wie Deutschland tun, um gegen diese Art von Kindesmissbrauch vorzugehen?
Haugen: Derzeit gibt es Gesetzgebungsvorhaben und Diskussionen, um sicherzustellen, dass die Daten auf den Plattformen lange genug aufbewahrt werden. Sonst bleibt nicht genug Zeit für die forensische Strafverfolgung, um Ermittlungen und Strafverfolgungsmaßnahmen durchzuführen. Es sollte also relativ gute Aufbewahrungsvorschriften geben. Zudem müssen die Vorschriften aktualisiert werden, um den Strafverfolgungsbehörden und den Technologieunternehmen die Möglichkeit zu geben, neues Material zu sichten, das gerade erst entsteht.
Aber das Wichtigste ist, dass wir die EU und andere verantwortungsbewusste Regierungen weltweit dazu bringen müssen, diesen irrigen Zielkonflikt zwischen Datenschutz und Kinderschutz zu beseitigen. Wir können Technologie nicht als eine Art regulierungsfreie Zone behandeln, wenn sie Kindern tatsächlich schadet. Außerdem müssen wir in die forensischen Fähigkeiten der Strafverfolgungsbehörden investieren, um tatsächlich gegen die Täter dieser Verbrechen an Kindern vorzugehen.
Und dann müssen wir die Stimme der Opfer stärken. Damit die Menschen verstehen, dass es in dem breiten Kontext von digitaler sexueller Gewalt eine Kategorie gibt, die am groteskesten ist: den vorsätzlichen sexuellen Missbrauch von Kindern. Und dass es Möglichkeiten gibt, dies zu stoppen.
„Enttäuschende Lähmung“ der Regulierung von Chat-Plattformen
tagesschau.de: Gibt es in der EU entsprechende Bestrebungen? Und gibt es andere Länder, die bei der Regulierung eine Vorreiterrolle übernehmen?
Haugen: Es hat uns sehr ermutigt, dass in Australien große Fortschritte zu verzeichnen sind. Das Land hat eine Vorreiterrolle bei der Bekämpfung digitaler sexueller Gewalt und des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Internet übernommen: durch Gesetze, die die Verantwortung der Tech-Unternehmen deutlich erhöhen und damit die Vorstellung widerlegen, dass es sich bei der Technologie um eine regulierungsfreie Zone handelt. Australien zeigt, wie ein einzelnes Land eine Vorreiterrolle übernehmen kann.
Und ich denke, die Europäische Union zeigt eine gewisse enttäuschende Lähmung. Ein Teil der Regulierung der Chat-Plattformen ist an einem Punkt der Lähmung angelangt. So werden die Tech-Unternehmen weiterhin von einer Situation profitieren, in der es an angemessenen Schutzmaßnahmen mangelt, und Hunderttausende Kinder werden zu Opfern. Hier muss die Öffentlichkeit einschreiten, um dem ein Ende zu setzen.
Das Gespräch führte Christoph Schwanitz, tagesschau.de. Für die schriftliche Form wurde es gekürzt.
Source: tagesschau.de