Interview: „Jetzt haben wir Gisèle Pelicots Perspektive und ihre Stimme“

Gisele Pelicot


interview

Stand: 18.02.2026 11:54 Uhr

Die Memoiren von Gisèle Pelicot sind politisch wichtig, sagt die Philosophin Manon Garcia, die den Prozess beobachtet hat. Der Fall zeige, dass nicht genug über sexualisierte Gewalt gesprochen werde.

Von Sarah Murrenhoff, rbb

Unter dem Titel „Eine Hymne auf das Leben“ hat Gisèle Pelicot ihre Memoiren herausgebracht. Sie sind weltweit erschienen – so groß ist das Interesse an der Frau, die von ihrem Mann und mindestens 50 weiteren Männern jahrelang betäubt und vergewaltigt wurde und sich entschied, den Gerichtsprozess öffentlich zu machen, damit die Scham die Seite wechselt. Nicht die Opfer, sondern die Täter sollten sich schämen.

Die französische Philosophin und Feministin Manon Garcia hat den Prozess beobachtet und ihre Überlegungen in ihrem Essay „Mit Männern leben“ niedergeschrieben. Ein gutes Jahr nach der Urteilsverkündung spricht Manon Garcia darüber, was sie aus diesem Prozess über Männer gelernt hat.

Manon Garcia

Manon Garcia

Manon Garcia zählt in Frankreich zu den einflussreichsten Philosophinnen und Feministinnen ihrer Generation. Geboren 1985, hat sie aktuell nach Stationen in Harvard und Yale eine Junior-Professur an der Freien Universität Berlin inne. Aus ihrer Beobachtung des Pelicot-Prozesses in Avignon ist Garcias Buch „Mit Männern leben“ entstanden.

tagesschau.de: Die gerade erschienenen Memoiren von Gisèle Pelicot – der Frau, die von ihrem Mann jahrelang betäubt und vergewaltigt sowie fremden Männern bewusstlos zur Vergewaltigung ausgeliefert wurde – tragen den Titel „Eine Hymne an das Leben“. Manon Garcia, was haben Sie bei der Lektüre darin erkannt: eine Bewältigungsstrategie, vielleicht auch eine Überlebensstrategie?

Manon Garcia: Für mich ist das Wunderbare an diesem Buch, dass es um Gisèle Pelicot selbst geht. Bis jetzt kannten wir sie zwar, aber als Grundlage hatten wir meistens die Version ihres Ex-Manns, Dominique Pelicot. Die Version des Täters: seine Videos, seine Nachrichten und seine Aussagen. Jetzt haben wir Gisèle Pelicots Perspektive und ihre Stimme. Das ist nicht nur interessant, das ist auch politisch wichtig. Diese Männer haben sich nicht für sie als Person interessiert. Sie haben sie als eine Frau gesehen, als ein Objekt – und jetzt ist sie ein Subjekt. Und ich glaube, wenn wir das Buch lesen, verstehen wir besser, wer sie ist und warum sie so reagiert, wie sie reagiert, warum sie so widerstandsfähig ist.

Wir verstehen auch, dass sie – anders als von manchen behauptet – nicht einfach ablehnt zu glauben, dass ihre Tochter Caroline ebenfalls von ihrem Ex-Mann missbraucht worden sein könnte, sondern: Sie möchte einfach glauben, dass es nicht passiert ist, weil es für sie zu entsetzlich wäre. Aber sie erkennt an, dass die Möglichkeit besteht, dass auch ihre Tochter vergewaltigt worden sein könnte. Und dass allein schon die Tatsache, dass Dominique Pelicot diese Bilder von seiner Tochter gemacht hat, ein Akt inzestuöser, sexualisierter Gewalt ist.

tagesschau.de: Das Thema Inzest nimmt in Ihrem Buch „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ großen Raum ein. Den inzestuösen Ereignissen und Verbrechen in den unterschiedlichsten Familien der Opfer und Täter widmen Sie ein ganzes Kapitel. Wie kommt es, dass Sie als Prozessbeobachterin gerade an diese Verbrechen noch näher herangezoomt haben?

Garcia: Im Prozess habe ich gesehen, dass wir nicht genug über sexualisierte Gewalt und über Gewalt generell gegen Kinder sprechen. Was dieser Prozess und auch das Buch uns zeigen, ist, wie zentral diese Gewalt ist, um generell sexualisierte Gewalt zu verstehen.

tagesschau.de: In Ihren Überlegungen zum Pelicot-Prozess schildern Sie eine Beobachtung: Nicht nur ein Richter, sondern gleich mehrere Richter haben sich im Laufe des Vergewaltigungsprozesses wiederholt gewundert, dass einige der Angeklagten angesichts der bewusstlosen, sedierten Gisèle Pelicot keine Erektion bekommen haben. Was schließen Sie aus dieser Beobachtung?

Garcia: Sie zeigt, wie viele Männer sexualisierte Gewalt und auch den Reiz daran grundsätzlich verstehen. Hätte ich die Fragen gestellt, dann hätte ich von den Männern wissen wollen, warum sie eine alte, schnarchende, sedierte Frau, die halbtot aussah, erregend fanden. Aber dieser Richter hat das einfach als selbstverständlich vorausgesetzt. Mit seinen Fragen hat er klar gezeigt, dass er diese Männer im Kern versteht. Das war für mich faszinierend und beängstigend zugleich.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich, dass Männer so eine Situation, in der eine sedierte Frau als „Gebrauchsobjekt“ zur Vergewaltigung bereit liegt, sexuell erregend finden können? Und dass wir zudem in einer Welt zu leben scheinen, in der viele unmittelbar nachvollziehen können, dass eine solche Situation erregend sein kann?

Garcia: Über diese Frage habe ich mir in zwei Büchern Gedanken gemacht. Gesellschaftlich betrachten wir Weiblichkeit als Unterwerfung. Sexualität wurde so organisiert und so gedacht, dass wir Frauen kollektiv als Objekte betrachten. Für uns Frauen ist die Sache noch ein wenig komplizierter und merkwürdiger: Wir kennen diesen Blick auf Frauen auch. Wir kennen Frauen als Objekte. Aber wir kennen uns auch als Subjekte.

„Mit Männern Leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ von Manon Garcia ist 2025 beim Suhrkamp Verlag erschienen und wurde von Andrea Hemminger aus dem Französischen übersetzt.

tagesschau.de: Sie sagen, es gibt ein Kontinuum an Geschlechtern, Sie unterscheiden aber grob gesagt zwei Gruppen: Frauen und Männer. „Mit Männern leben“ haben Sie Ihr Buch genannt. In dieser Gesellschaft leben wir alle mit Männern wie auch mit Frauen zusammen. Was macht es mit Männern, wenn sie jetzt als Gruppe als problematisch wahrgenommen werden?

Garcia: Da bin ich hin- und hergerissen. Einerseits verstehe ich Männer, die wirklich gute Männer sind und denken, ‚also ich würde Gisèle Pelicot niemals vergewaltigen. So etwas würde ich nie tun. Warum soll ich in dieselbe Gruppe gesteckt werden wie diese furchtbaren Menschen?‘ Das verstehe ich.

Und dennoch: Selbst unter den – sagen wir – „guten Männern“ gibt es so wenige, die aktiv gegen sexualisierte Gewalt kämpfen, die wirklich gegen Geschlechterungleichheit kämpfen, die öffentlich aufstehen gegen das Unrecht, das Frauen passiert. Warum haben wir während des Prozesses nicht mehr von Männern gehört? Gisèle Pelicot hat im Prozess gefragt, warum keiner dieser Männer oder keiner von deren Freunden die Polizei gerufen oder sie gewarnt hat. Einige Angeklagte sagten, sie hätten mit Freunden darüber gesprochen, aber Fakt ist: Niemand hat eingegriffen.

Natürlich ist es wahr: Nicht alle Männer üben sexualisierte Gewalt aus, aber sehr viele tun es. Und sehr wenige andere Männer stellen sich ihnen entgegen. Und ich komme nicht umhin zu denken, dass sich viele Männer mehr um Verallgemeinerungen über Männer sorgen als um die furchtbare Gewalt, die Frauen ertragen müssen.

tagesschau.de: Im Buch schildern Sie, wie ein Angeklagter Freunden davon erzählt, was er am Vorabend gemacht hat, was er an einer bewusstlosen Frau vollzogen hat. Freunde wiesen ihn darauf hin, dass man das auch als Vergewaltigung betrachten könnte. Aber keiner geht zur Polizei, keiner kündigt die Freundschaft. Haben Sie eine Idee, wie man erreichen kann, dass sich auch Männer für die Geschichten von Frauen interessieren, dass Männer die Memoiren von Gisèle Pelicot lesen möchten?

Garcia: Ehrlich gesagt: nein. Ich hoffe, dass diese Männer Frauen haben, die viel insistieren. Die ihnen sagen: Du musst das lesen. Ich hoffe, dass sie Töchter haben, weil das sehr gut funktioniert. Wenn Männer Töchter haben, merken sie oft, dass sexualisierte Gewalt wirklich ein Problem ist. Aber ich denke, die beste Lösung ist bessere Erziehung. Es braucht mehr Diskussionen in der Kita, in der Schule, der Uni, in der Gesellschaft. Wir müssen überall Geschichten von Frauen hören und hören, wie sich sexualisierte Gewalt aus ihrer Perspektive anfühlt. Aber manchmal habe ich keine Hoffnung mehr, ehrlich gesagt.

tagesschau.de: Ist das eine rein gesamtgesellschaftliche Aufgabe oder können wir auch als Einzelne im Kleinen etwas tun?

Garcia: Das ist kompliziert. Wir können unseren Söhnen oder Männern immer wieder Fragen stellen, um mehr über sexualisierte Gewalt nachzudenken. Mit vielen Männern, die ich kenne, habe ich das Gespräch gesucht und gefragt: Was denkst Du über den Fall und den Prozess? Wirst Du Gisèle Pelicots Buch lesen? Warum liest Du nichts über Feminismus? Schließlich geht es dabei um uns Frauen – und Du liebst uns Frauen. Warum beschäftigst Du Dich nicht mit unseren Sorgen? Ich denke, dass kleine Gespräche dieser Art in der Summe die Gesellschaft ein bisschen verändern können.

Das Interview führte Katja Weber.

Source: tagesschau.de