Intervention II | Starlink im Iran: Nutzer riskieren ihr Leben z. Hd. Zugang zum Internet

Wieder einmal kappt die iranische Regierung wegen der Proteste das Internet. Doch es gibt Mittel und Wege, dem zu entkommen – allerdings unter größter Gefahr


Am 28. Dezember entflammten die Proteste in Teheran, dann sprang der Funke auf das ganze Land über

Foto: Khoshiran/AFP/Getty Images


In weiten Teilen des Iran ist das Internet seit Donnerstag vergangener Woche abgeschaltet, nachdem die Proteste gegen die Regierung immer größer und für das Regime bedrohlicher geworden waren.

In einem kleinen Teil des Landes ist es aber weiterhin möglich, Fotos und Videos nach außen zu übertragen und sogar zu telefonieren. Der Telegram-Kanal Vahid Online beispielsweise veröffentlichte am Montag Fotos von Leichen, die neben einer Straße in Kahrizak am südlichen Stadtrand von Teheran lagen; am Sonntag teilte er ein Video, in dem Iraner bei einer Beerdigung „Tod für Khamenei“ skandierten.

Einige dieser Videos und Nachrichten werden über ein Netzwerk von digitalen Hilfsmitteln übertragen, die entwickelt wurden, um die Zensur zu umgehen – darunter Telegram-Proxys, ein dezentraler Messaging-Dienst namens Delta Chat und ein Browser namens Ceno, wie Amir Rashidi erklärt, ein iranischer Digitalexperte.

Der mit Abstand wichtigste Teil dieses Systems sind Starlink-Terminals, also Satelliten-gestützte Internetzugänge, die in den vergangenen zwei Jahren massenhaft in den Iran geschmuggelt wurden. Diejenigen, die sie nutzen, riskieren ihr Leben. Laut Rashidi gibt es derzeit etwa 50.000 Starlink-Terminals im Iran; andere Berichte gehen von bis zu 100.000 aus. Die Nutzer des Dienstes, der zu Elon Musks Unternehmen SpaceX gehört, machen nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung des Iran von mehr als 90 Millionen Menschen aus.

Zwar können mehrere Personen – sogar ein ganzes Wohnhaus – über ein einziges Starlink-Terminal eine Verbindung zum Internet herstellen, doch die Gesamtzahl der Nutzer im ganzen Land liegt höchstens bei einigen Hunderttausend, vermutet Doug Madory, Direktor für Internetanalyse bei Kentik. Sie sind die letzte schwache Verbindung des Iran zur Außenwelt.

Im Iran fahnden die Behörden nach Starlink-Terminals – sie setzen dabei Störsender ein, die für die elektronische Kriegsführung entwickelt wurden, und lassen Drohnen über Dächer fliegen, um nach verräterischen Satellitenschüsseln zu suchen. Nach einem 2025 verabschiedeten Gesetz kann der Besitz eines Starlink-Terminals in Iran als Spionage für Israel ausgelegt werden und mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden.

Es sei unklar, sagt Amir Rashidi, wie viele Terminals noch in Betrieb sind und wie viele beschlagnahmt wurden. Die Geräte, mit denen der Iran die Terminals zu stören scheint, ähneln denen, die an der Front in der Ukraine zum Stören von Drohnen eingesetzt werden, sagt Rashidi. Sie sind teuer und energieintensiv, und sie können eine bestimmte Funkfrequenz stören, sind jedoch nur lokal einsetzbar und können nicht das gesamte Land abdecken.

Der Infokrieg geht weiter

„Das ist nicht billig. Es handelt sich um etwas, das man in einem militärischen Arsenal finden würde, und es gibt nur wenige Anbieter“, sagt Madory. Derzeit können die wenigen Aktivisten, die Starlink-Terminals eingeschmuggelt haben, eine Online-Verbindung herstellen, obwohl es in Stadtvierteln mit starker Störungsintensität fast unmöglich ist, mehr als nur Nachrichten zu versenden.

Die technisch Versierteren unter ihnen nutzen VPNs, also sichere „Tunnels“, um ihre Präsenz zu verschleiern; andere transportieren ihre Terminals einfach von Ort zu Ort, um nicht entdeckt zu werden. Je nachdem, wie viel Aufwand die iranische Regierung betreiben möchte, könnte sie die Signale aufspüren, die die von diesen Terminals verwendete Frequenz nutzen, sagt Madory. Für diejenigen ohne Terminal hat eine Ankündigung auf einem staatlich kontrollierten Telegram-Kanal einen Vorgeschmack auf die mögliche Zukunft des Internets im Iran gegeben. Die Nachrichtenagentur IRIB veröffentlichte gestern eine Liste aller Internetseiten, die künftig im Iran verfügbar sein werden.

Dazu gehören inländische Suchmaschinen, inländische Karten- und Navigationsdienste, inländische Messaging-Apps und sogar ein inländischer Streaming-Dienst – eine iranische Version von Netflix, so Rashidi, mit ausschließlich von der Regierung genehmigten Videos.

All diese Webseiten sind Teil der Bemühungen des Iran, ein nationales Internet zu schaffen, sagt Rashidi: eine Version des Internets, die noch wesentlich stärker eingeschränkt ist als das chinesische, von der Regierung verwaltet wird und praktisch keine Verbindung zur Außenwelt hat. Diese Bemühungen laufen seit der Regierung Rohani und scheinen nun Früchte zu tragen. Laut Madory und Rashidi könnte dies bedeuten, dass das iranische Internet auch nach einem möglichen Abklingen der gegenwärtigen Protestbewegung nicht mehr zu seinem Status quo ante zurückkehrt. „Es gibt Gerüchte“, sagt Rashidi. „Einige Leute sagen, dass es gar kein Internet mehr geben wird, wenn sich die Lage wieder normalisiert. Sondern nur noch das nationale Netz.“

Aisha Down ist Tech-Reporterin beim Guardian.