Interconti Kabul: Kurze Geschichte eines Luxushotels in Kabul
Die Geschichte Afghanistans lässt sich auf viele Arten erzählen: als Spielball von Großmächten, über den seit Jahrzehnten andauernden Krieg, über seine Kulturschätze oder auch einfach anhand der Frauen des Landes. Die Journalistin Lyse Doucet hat für ihren Blick auf die jüngere Vergangenheit Afghanistans einen Ort gewählt, der zunächst nicht auf der Hand zu liegen scheint. Sie erzählt die Historie des zentralasiatischen Landes über das 1969 eröffnete Hotel Intercontinental in Kabul. Das Hotel dient dabei als Prisma, das die jeweiligen politischen Gegebenheiten in einzelne Schicksale zerlegt, verdichtet anhand der Erfahrungen der Angestellten. Sie erzählen von Hochzeiten und Terroranschlägen, von Stammgästen und wechselnden Managern.
Da ist etwa Hazrat, der 50 Jahre im Hotel gearbeitet hat, erst als Hilfskellner, später als Aufseher über die 3. Etage im Zimmerservice. 1971 eingestellt, erlebte er die „goldenen Jahre“ des Hauses mit, wie Doucet sie nennt. Es gab Modeschauen, Konzerte und wilde Partys. Da ist der Restaurantmanager Mohammed Aqa, der zwanzig Jahre nach Hazrat im Hotel anfängt. Es ist der Beginn der „dunklen Jahre“, nach dem Abzug der sowjetischen Armee, als verschiedene Mudschahedin-Gruppen im Kampf gegeneinander Kabul endgültig in ein Kriegsgebiet verwandelten. Da ist die Köchin Abida, die 2001 ihre Chance nutzte und sich nach dem Sturz der Taliban im Intercontinental bewarb. Zuvor hatte sie unter Islamisten ihre Arbeit in einem anderen Hotel aufgeben müssen. Sie wird wie Hazrat 2021 entlassen, kurz vor der abermaligen Machtübernahme der Taliban. Beide hoffen vergeblich, dass sie von den neuen alten Herrschern ins Intercontinental zurückgeholt werden.
Doucets Entscheidung, die Geschichte Afghanistans über das Hotel zu erzählen, ist klug, kreuzten sich doch im Intercontinental Kabul immer wieder die Wege von Diplomaten, humanitären Helfern, Journalisten, Geschäftsleuten und Taliban. Das Hotel selbst gilt schon als Symbol. Der Bau diente der britischen Intercontinental-Gruppe in den Sechzigern nicht nur als wirtschaftliche Investition, sondern sollte London auch mitten im Kalten Krieg helfen, die damalige afghanische Regierung von Moskau „unabhängig zu halten“. Das Interconti sollte das „Modernisierungsprojekt eines modernisierenden Königs“ sein, schreibt Doucet unter Berufung auf einen britischen Diplomaten, mit dem sie für das Buch sprach.
„Hotel Kabul“, im englischen Original „The Finest Hotel in Kabul“, ist das erste Buch der 67 Jahre alten Lyse Doucet. Die kanadische Journalistin kam das erste Mal zu Weihachten 1988 als junge Reporterin nach Afghanistan. Für die BBC sollte sie über den Abzug der sowjetischen Armee berichten. Auch danach reiste sie immer wieder ins Land – und stieg während ihrer Recherchen im Interconti ab. Das letzte Mal war Doucet im Jahr 2023 in Afghanistan. Seitdem hat sie von den Taliban kein Visum mehr für die Einreise erhalten.
Überzeugend gelingt es Doucet, die persönlichen Schicksale im großen Geschichtsteppich zu verweben. Dabei nimmt sie auch immer wieder Fäden auf, die eher an eine Kulturgeschichte erinnern. Doch bleibt bei allen interessanten Erzählungen eine Einschränkung. Es ist keine Geschichte des afghanischen Volkes, wie der Untertitel des Buches verspricht. Es ist ein Kabuler Blick auf das Land. Das Afghanistan der Provinzen, der Dörfer kommt im Luxushotel kaum vor. Wer das Land jenseits Kabuls begreifen will, wird weitere Texte lesen müssen

Ein anderes Manko ist die Übersetzung. Das mag weniger an der Arbeit von Britta Fietzke zu liegen. Wie schon bei anderen Büchern aus Verlagen, die zu Penguin Random House gehören, scheint es an einem guten Lektorat für die deutsche Übersetzung zu fehlen. Ob man den Stil der Autorin mag, ist eine Geschmacksfrage. Über manche Sätze und Sprachbilder, die im Englischen wahrscheinlich funktionieren, stolpert man aber als deutscher Leser. Ärgerlicher sind Übersetzungsfehler, etwa wenn die Taliban afghanischen „Spezialmächten“ gegenüberstehen. Gemeint sind offenbar Spezialeinheiten.
Trotz allem ist „Hotel Kabul“ ein wichtiges Buch, da es Doucet gelingt, die Geschichte Afghanistans nahbar zu machen. Ergänzt werden ihre umfangreichen Recherchen durch Fotografien, die das Hotel und Afghanistan im Laufe der Jahre zeigen. Auf zwei Bildern ist zu sehen, wie das Hotel nach Terroranschlägen der Taliban 2011 und 2018 in Flammen steht. Das Intercontinental hat alles überstanden, auch wenn es schon längst nicht mehr zu der prestigeträchtigen Gruppe gehört. Heute leiten die Taliban das Hotel. Am Empfang wird man von einem bärtigen Mann mit Turban begrüßt.
Lyse Doucet: Hotel Kabul. Das legendäre Intercontinental und die bewegte Geschichte des afghanischen Volkes. Goldmann Verlag, München 2025. 480 S., 28,– €.
Source: faz.net