Integration | Stadtbild-Debatte: Wer hat Angst vor Vielfalt?
Zehn Jahre nach dem „Sommer der Migration 2015“ hat die Migrationsdebatte wenig mit den aktuellen Ankunftszahlen zu tun. Denn die sind seit Monaten rückläufig. Das liegt weniger an den deutschen Binnengrenzkontrollen als an größeren geopolitischen Veränderungen, allen voran dem Regimewechsel in Syrien und einer Auslagerung der europäischen Grenzpolitik an Drittstaaten wie Tunesien.
Weltweit gibt es aber weiterhin große Fluchtbewegungen. Laut UNHCR mussten zuletzt über 123 Millionen Menschen fliehen, entweder innerhalb ihres Landes oder international. Nur wenige von ihnen schaffen es nach Europa, wofür ein restriktiver gewordenes europäisches Grenzregime Sorge trägt. Die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bleiben jedoch bestehen, sodass viele Betroffene in ihren Ländern oder in Nachbarländern bleiben müssen. 73 Prozent aller weltweit Geflüchteten befinden sich in Niedrig- und Mittellohnländern, wo sie aufgrund weltweiter Kürzungen der Entwicklungshilfegelder immer schlechter versorgt werden. Die großen Flüchtlingskrisen unserer Zeit finden weiterhin statt, nur nicht in Europa.
Diese Tatsache hat aber bisher nicht jenen politischen Erfolg gebracht, den sich Parteien der Mitte von einer „schärferen“ Migrationspolitik erwarten. Die Annahme, dass Flüchtlinge zu weniger Zulauf für rechte Parteien führen, hat sich nicht bestätigt. Aktuelle Umfragen zeigen die AfD noch vor der CDU/CSU, obwohl diese versucht, die Rechtspopulisten in puncto harter Kante rechts zu überholen. Das scheitert aus zwei Gründen: Erstens schrumpfen Mitte-Rechts-Parteien, wenn sie Positionen der Rechten übernehmen – ein Gemeinplatz der Politikwissenschaft.
Zudem werden die meisten Menschen in Deutschland nicht wissen, ob täglich zwanzig oder zweitausend Geflüchtete über die Grenze kommen. Ihre Wahrnehmung orientiert sich am eigenen Alltag in den Städten und Kommunen, an Schulen, in Kliniken oder auf dem Wohnungsmarkt. Hier wird oft ein Gefühl der „Überfremdung“ artikuliert.
Die indische IT-Fachkraft kann ihre Hautfarbe nicht ändern
Dieses Gefühl entsteht jedoch nicht nur durch neu angekommene Asylbewerber, sondern auch durch Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder hier geboren sind, die aber mutmaßlich anders aussehen als der durchschnittliche Deutsche. Und damit wären wir beim Kern aktueller, sich im Kreis drehender Migrationsdebatten gelandet: Was soll das Ziel von Integration sein? Wie viel Anderssein wird akzeptiert? Diese Frage betrifft sowohl Schutzsuchende als auch Menschen, die seit einer Generation in Deutschland leben und arbeiten.
Klar ist, dass der syrische Flüchtling und die indische IT-Fachkraft ihre Hautfarbe nicht ändern können, auch wenn sie Deutsch lernen und arbeiten. Dies trägt zum „geänderten Stadtbild“ bei und führt zur Frage, wie sehr sich wohl jemand anpassen muss, um keine Überfremdungsgefühle auszulösen.
Diese Fragestellung führt zum unbequemen Kern der Integrationsdebatte: Wie sehr muss sich jemand anpassen, um das Stadtbild nicht mehr „zu stören“ und keinerlei Überfremdungsgefühle auszulösen? Ist akzentfreies Deutsch genug? Ab wann sind sozialer Aufstieg, beruflicher Erfolg und gesellschaftlicher Mehrwert ausreichend? In Österreich zeigte das Beispiel der Grünen-Politikerin Alma Zadić, dass selbst das nicht vor Hass und Hetze schützt. Als sie 2020 zur Ministerin ernannt wurde, die erste mit Migrationshintergrund (mit Ausnahme eines gebürtigen Deutschen), schlug ihr eine solche Welle an Ablehnung entgegen, dass sie Polizeischutz erhalten musste. Solche Ausgrenzungsmechanismen betreffen also selbst Menschen, die aus der europäischen Nachbarschaft stammen. Im Zweifelsfall lässt sich immer etwas finden, um den „Anderen“ fremder zu machen, als er ist. Ein Zuviel an „Leistung“ im Sinne einer öffentlichen Aufgabe, kann dabei sogar hinderlich sein.
In der Forschung ist das als „Integrationsparadox“ bekannt: Je höher gebildet, „integrierter“ und beruflich erfolgreicher Migrant:innen sind, desto größer kann mitunter die Ablehnung sein, die ihnen seitens der Mehrheitsgesellschaft entgegenschlägt. Denn sie sind somit auch sichtbarer, einflussreicher und vielleicht auch bedrohlicher für jene, die sich dadurch in den eigenen Privilegien und Positionen beschnitten fühlen.
Mit dem gesellschaftlichen Status gehen neue, verunsichernde Fragen von Anerkennung und Identität einher
Das Integrationsparadox kann erklären, warum zwar die Mehrheit der Deutschstämmigen von zugewanderten Menschen sozialen Aufstieg erwartet, sich ein Drittel aber „unwohl“ fühlen würde, wenn sie einen muslimischen Vorgesetzten hätten, wie eine Erhebung des DeZIM zeigt. Die kopftuchtragende Putzfrau ist seit Jahrzehnten Teil der Realität der deutschsprachigen Einwanderungsländer, war aber aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Randstellung kaum ein Thema.
Die kopftuchtragende Anwältin oder Vorstandsvorsitzende schon eher. Mit ihrem gesellschaftlichen Status gehen neue, verunsichernde Fragen von Anerkennung, Macht, Abgrenzung und Identität einher.
Die Frage, die hinter schablonenhaften Verweisen auf das „Stadtbild“ steht, ist somit eine nach der deutschen (der österreichischen, der Schweizer) Identität: Wer sind wir, und vor allem, wer wollen wir sein? Wie darf und soll dieses Land aussehen und wer darf dazugehören? Diese Fragen haben fast alle politische Parteien in den vergangenen Jahrzehnten ausgeblendet oder peinlich berührt weggewischt – außer die rechtspopulistischen, die daraus Kapital zu schlagen wussten.
Aus verständlichen Gründen fremdelt man auf politischer Ebene von jeher mit der nationalen Identität. Umso virulenter tritt nun zutage – eifrig befeuert von jenen Kräften, die ihr Heil in der harten Asylpolitik suchen –, dass weiterhin ein großer Teil der Bevölkerung an einem völkisch geprägten Ideal von Zugehörigkeit festzuhalten scheint und sich von gelungener Integration vor allem Assimilation erwartet. Die aber nie vollständig eingelöst werden kann.
Krisen schüren das Gefühl der Überforderung
All das trifft auf ein generelles Gefühl der Überforderung und des Kontrollverlusts in einer sich rapide verändernden Welt zu, in der alte Gewissheiten urplötzlich nicht mehr gelten. Das Land, und generell die Welt, sind vielen von uns „fremd“ geworden, und dazu haben Pandemie, Krieg in Europa, Aufstieg der KI, die Klimakrise und der Zerfall der multilateralen Weltordnung wohl mindestens ebenso viel beigetragen wie die Migration. Dennoch eignet sich die Migration hervorragend als Kristallisationspunkt all dieser Zerfallserscheinungen – eben als „Mutter aller Probleme“.
Ein Stadtbild, ein Land, ein Europa „wie früher“, mit sprachlicher, kultureller und ethnischer Homogenität, ist nur mit autoritären Mitteln zu haben. Ein Gefühl der Kompetenz und Kontrolle jedoch kann auch eine demokratische Politik vermitteln, und zwar ohne Ressentiments zu schüren und den Vertrauensverlust durch kaum einzuhaltende Versprechungen zu befeuern. Und dazu können Rückführungen und Grenzkontrollen wohl weniger beitragen als echtes, ehrliches Ringen um ein gemeinsames „Wir“.
Judith Kohlenberger leitet das Forschungsinstitut für Flucht- und Migrationsforschung und Management an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihr Buch Migrationspanik. Wie Abschottung die autoritäre Wende befördert (Picus Konturen) ist im September erschienen