Integration | „Spielt doch kein Ossi mit“: Wie ein Wessi die Fußball-Liebe zum 1. FC Magdeburg erprobte

Vor sechs Jahren hat mich der Zufall in diese Stadt geführt. Zur Begrüßung war erst mal Lockdown, und auch danach warf sie sich mir nicht gerade an den Hals. Doch wenn neben Kleingärten, Handball und einem Hang zu Schwermaschinen etwas das Magdeburger Herz weich werden lässt, dann ist es der Fußball, genauer: der 1. FC Magdeburg, der einzige Europapokalsieger der DDR.

Pittiplatsch und Plattenbau

Es gibt Städte, in denen große Fußballklubs zu Hause sind, ohne dem Stadtbild ihren Stempel aufzudrücken. Und es gibt Magdeburg. Keine Brücke, keine Laterne, kein Stromkasten, die nicht mit blau-weißen Aufklebern und Graffiti des FCM übersät sind. Besonders beliebt: Motive mit DDR-Bezug: Mal derb und rau mit Trabant und Plattenbau, mal kindlich-ironisch mit axtschwingendem Kleinen Maulwurf und sachsenfeindlichem Pittiplatsch.

Für jüngere Fans, die die DDR vor allem aus den Lebenserinnerungen ihrer Eltern und Großeltern kennen und für die sich der Fußball nach der Wende vor allem im Amateurbereich abspielte, sind Lokalpatriotismus, ostdeutsche Herkunft und die großen Erfolge der fernen Vergangenheit identitätsstiftend. Das Besinnen auf das Einende ist immer verbunden mit dem Abgrenzen von jenen außerhalb der „Festung Magdeburg“. „Es kann nicht jeder Deutsche ein Magdeburger sein“, singen die Fans und fügen zum Schluss ein „Zum Glück!“ hinzu.

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Für wen, habe ich mich gefragt, und mir im Sommer 2024 eine Dauerkarte für die Heimspiele im Heinz-Krügel-Stadion, kurz HKS, gekauft: Entsteht mit der Zeit ein Zugehörigkeitsgefühl? Obwohl ich als Siebenjähriger dem MSV Duisburg verfallen und ihm bislang treu geblieben bin?

Der Sachse Amara Condé zog weiter gen Niederlande

Kaum bin ich durchs Stadiontor geschritten, fällt mein Blick auf ein Banner: „Wer ins HKS kommt, dessen Herz muss brennen!“ Mein Herz brennt noch nicht, aber ich habe ja auch eine Saison Zeit. Die Atmosphäre ist anziehend, die Wechselgesänge zwischen Nordtribüne und Gegengerade haben etwas von Massentrance. Obwohl ich aber mit blau-weißem Schal und Shirt in der Masse untergehe und die Lieder so gut ich kann mitsinge, befällt mich ein Zweifel: Was willst du eigentlich hier? Fällt den Umstehenden nicht auch auf, wie falsch ich hier bin?

Doch niemand nimmt Notiz von mir. Unten auf dem Rasen müht sich der FCM um Wiedergutmachung: In der vorigen Saison war der Klassenerhalt das Ziel. Er gelang, viel mehr aber nicht. Auch gegen den saarländischen Dorfverein SV Elversberg fehlen Präzision und Glück, es bleibt beim 0:0. In der Straßenbahn herrscht Ernüchterung. Neben mir diskutieren zwei Männer über das Spiel. „Die sind zu wenig abgezockt, die spielen halt wie ’ne Ostmannschaft“, sagt der Ältere. „Is doch Quatsch“, antwortet der andere. „Da spielt doch kein einziger Ossi mit.“ Das stimmt, mit dem Sachsen Amara Condé hat der letzte den FCM zuletzt gen Niederlande verlassen.

20. Dezember 2024: Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt

Auch in den nächsten Spielen steckt der Klub mein Herz noch nicht in Brand, was mit an der Heimbilanz des FCM liegt. Auswärts eilt die Mannschaft von Erfolg zu Erfolg. Zu Hause gelingt ihr in der gesamten Hinrunde kein einziger Sieg. Nun noch das Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf am 20. Dezember 2024, dann ist endlich Winterpause, die Hälfte der Saison und meines Feldversuchs geschafft. Ich verfolge das letzte Spiel des Jahres nur halb im Internet. Mit den Gedanken bin ich ganz woanders. Aber das liegt nicht am Fußball.

Beim ersten Heimspiel Ende Januar 2025 herrscht von Beginn an Totenstille. Die rund 28.000 Menschen im Stadion schweigen seit dem Anpfiff. Vom Rasen tönen die Rufe der Spieler herauf und das dumpfe Geräusch, wenn sie den Ball treffen. Erinnerungen an Coronazeiten. An diesem trüben Abend geht es um etwas, für das es kaum Worte gibt. Vier Tage vor Heiligabend ist ein Rechtsradikaler mit dem Auto in den Magdeburger Weihnachtsmarkt gerast.

Während in Magdeburg die Angst umging, spielte sich der FCM in Düsseldorf in einen Rausch. Sobald die mitgereisten Fans vom Anschlag erfuhren, stellten sie ebenso wie die Fortuna-Kurve ihre Gesänge ein. Die Mannschaft traf und traf und wunderte sich. Bis auch sie es erfuhr. Magdeburg gewann 5:2, doch ein Sieg war es nicht.

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Beim ersten Heimspiel danach laufen die Spieler in schwarzen Trikots auf. Dazu tragen sie grüne Hosen und rote Stutzen, die Stadtfarben Magdeburgs. Vor dem Block U, wo die aktive Fanszene zu Hause ist, hängt ein schwarzes Banner. „In dunklen Stunden und tiefer Trauer. Magdeburg steht immer fest zusammen“, steht dort. Sechs Schweigeminuten haben die Ultras angesetzt, eine für jedes Todesopfer. Die befreundeten Braunschweiger schließen sich an. „Stark bleiben Magdeburg“ steht auf ihrem Transparent.

Den Fans ist im HKS gelungen, was nach dem Anschlag keiner anderen Gruppe in der Stadt gelungen ist

Bald fünf Minuten dauert das Schweigen schon. Ein volles Stadion so lange so still zu erleben, ist irreal. Die Ersten werden bereits unruhig, da hat Spielmacher Baris Atik ein Einsehen und zieht aus gut 16 Metern ab. Der Ball landet im linken Toreck. Ein kollektiver Schrei ertönt. Nicht wie das Donnergrollen, das sonst nach Toren bis weit über die Elbe schallt. Er klingt nach Erleichterung. Sofort darauf kehrt wieder Ruhe ein, bis die sechs Minuten um sind. Dann aber, mit einem Mal, erwacht das Stadion. Der gewohnte Wahnsinn nimmt seinen Lauf.

Das Spiel gegen Braunschweig hat meine Sicht auf den FCM und seine Fans verändert. Ihre Gesten der Trauer haben mich berührt. Ihnen ist für einige Minuten gelungen, was keiner anderen Gruppe in der Stadt gelungen ist – allen Konflikten zum Trotz gemeinsam der Opfer zu gedenken.

Zwei Wochen später läuft sportlich alles schief. 1:3 liegt der FCM zurück, da ruft der Capo, der Vorsänger der aktiven Fans, die Umstehenden auf, noch mehr zu geben, sie hätten schließlich schon ganz andere Zeiten erlebt. Hätte ihnen jemand vor zehn Jahren prophezeit, dass sie hier und heute 1:3 gegen Nürnberg in der zweiten Liga zurücklägen, hätten sie das gerne angenommen.

Dieser Gegentor in der Nachspielzeit

Vor zehn Jahren war der FCM gerade zum ersten Mal in den gesamtdeutschen Profifußball aufgestiegen. Getragen von den Fans drängen die Spieler die Nürnberger in deren Hälfte. Erst 2:3, dann 3:3, das Stadion kocht über. Der FCM ist dem Siegtor nahe. Doch die Aufholjagd hat Kraft gekostet, in der 94. Minute kontert Nürnberg noch einmal, der Ball schlägt ein wie eine Bombe, die nur im Gästeblock explodiert. Um mich herum sackt alles in sich zusammen. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, den man nicht kommen sah.

Nach dem Anschlag fühlte ich mich zum ersten Mal mit der Stadt verbunden. Das 3:4 kann es nicht mit den Schicksalsschlägen des Lebens aufnehmen, aber dennoch fürs Leben prägen. Dieses Gegentor in der Nachspielzeit trifft mich unerwartet und unmittelbar. Es fühlt sich ungerecht, aber echt an. Als die Mannschaft nach dem Abpfiff vor der Kurve steht und der gemeinsame Schlachtruf „Fuß-ball-club Mag-de-burg!“ von Spielern und Fans ertönt, spüre ich, dass ich nun etwas mit ihnen teile. Ich kenne ihn schon, habe aber nicht gedacht, dass er mich hier treffen würde: der Schmerz des verpassten Glücks.

„Der FCM ist wieder da“ – und bald in der 1. Bundesliga?

Den ersten Heimsieg der Saison, ein furioses 3:0 gegen den späteren Aufsteiger Köln, verpasse ich. Auf der Berlinale stehe ich in einer Schlange, starre in mein Handy und balle kurz die Faust, erschrecke dann: Mein MSV Duisburg spielt gegen die zweite Mannschaft des SC Paderborn in der vierten Liga. Ich habe ihn fast vergessen.

Bin ich ein treuloser Erfolgsfan, der auf das Glück eines Bundesliga-Aufstiegs hofft? Oder fasse ich in Magdeburg endlich Fuß? Meine Bilanz im HKS ist mit null Siegen, vier Remis und drei Pleiten eher abstiegsverdächtig. Eine E-Mail des Fanshops reißt mich aus dem Grübeln: „Der FCM ist wieder da – doch du fehlst.“ Beim nächsten Heimspiel sehe ich ein 4:1 über Darmstadt.

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Mit dem nahen Frühling steigt die Euphorie in der Stadt. Während in den Kleingärten die Blüten sprießen, sagt ein Laubenpieper zum anderen: „Der FCM steigt uff!“ Doch die Mannschaft bleibt wankelmütig, holt nur zwei Punkte in drei Spielen, wird daheim vom Hamburger SV überrollt. Da aber auch die Konkurrenz taumelt, verlasse ich nach einem 2:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern heiser und beschwingt das Stadion. Sechs Spieltage vor Schluss steht der FCM auf Rang drei, der zur Relegation um den Aufstieg in die 1. Bundesliga berechtigt.

Die beste Platzierung des FCM seit dem Ende der DDR

Ein lauer Freitagabend, Flutlichtspiel. Mit einem Sieg über Abstiegskandidat Münster am drittletzten Spieltag würde der FCM oben dranbleiben. Die dunklen Wolken am Himmel ignoriere ich ebenso wie die ersten Regentropfen. Auf der Kaiser-Otto-Brücke erwischt mich ein Wolkenbruch. Innerhalb von zwei Minuten bin ich klatschnass. Auch der FCM wird kalt erwischt. Münster kämpft ums Überleben und führt nach 15 Minuten mit 2:0. Von den Rängen kommt kein Weckruf, sondern nur die gewohnten Gesänge, als gehe es darum, die bisherige Saison zu feiern. 0:3. Diesmal gibt es kein Aufbäumen. 0:5 heißt es am Ende.

Eine Woche später vergibt der FCM in Paderborn auch die letzte Chance. Der Aufstieg ist ins Wasser gefallen. Im letzten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf geht es nur noch darum, den schalen Beigeschmack der vergangenen Spiele zu übertünchen. Der FCM gewinnt 4:2 und wird am Ende Fünfter. Es ist die beste Platzierung seit dem Ende der DDR.

Der Abstieg droht: Kellerduell beim Drittletzten Preußen Münster

„Im Osten brennt das Feuer heißer“, behaupten sie hier. An diesem letzten Spieltag wärmt es zumindest die Herzen. Auch meins. Der FCM hat Historisches geschafft und zugleich ambivalente Erwartungen geweckt. Manche hoffen, dass er daran in Zukunft anknüpft. Andere befürchten, dass es so schön so bald nicht wieder wird.

Die jetzt laufende Saison bestätigt die Pessimisten. Der FCM kämpft wieder gegen den Abstieg. An diesem Wochenende fährt er als Tabellenletzter zum Kellerduell beim Drittletzten Preußen Münster.

Ich bin weiter dabei. Den MSV hat der FCM zwar nicht verdrängt, aber er hat es sich daneben eingerichtet. „Du hast deinen Platz stets in meinem Herz“, singen die Magdeburger Fans im Stadion. Und ich füge in Gedanken ein „auch“ hinzu.