Influencerin „Wemmse“: Wie die Influencerin Emma Wolfram. Trolle aufmischt

Junge Menschen sind heute nicht zu beneiden. Wie mögen sie mit unverstelltem Blick auf die Realität schauen? Nach der Corona-Pandemie, in der ihre Bedürfnisse weitgehend vergessen wurden, scheint die halbe Welt in Krieg, Korruption, Faktenverdrehung und Selbstbereicherung zu versinken. Positioniert man sich im Netz, müssen sich gerade die Jüngeren von Internettrollen blöd anmachen lassen, denen die Plattform-Milliardäre aus ökonomischen Gründen freie Hand lassen. In der Schule und den meisten Elternhäusern lernt man anderes: Fairness, Toleranz, Aggressionsvermeidung. Doch scheint das alles nicht mehr viel wert zu sein.

Es ist erstaunlich, wie still diese Generation, die den Widerstand und die Abgrenzung nie richtig lernen musste, bei alldem hält. Umso erfrischender ist es zu sehen, wie eine Gegenwehr in sozialen Medien aussehen kann. Vorgeführt wird sie von der 22 Jahre alten Schweizer Pod- und Videocasterin Emma W., die sich „Wemmse“ nennt und als „Influencerin“ eine etwas unwahrscheinliche Figur ist. Die Halbdänin spricht am liebsten eine Kunstsprache aus Schwizerdütsch, Hochdeutsch und Generation-Z-Englisch (es gibt Untertitel!), lebt auf dem Land, studiert auf Lehramt und hat, obwohl das alles im Grunde nicht besonders instagramable ist, eine Gefolgschaft, die in die Hunderttausende geht.

„Das ragebaitet euch so“

In ihren Videos ist sie oft in geschützter häuslicher Umgebung, auf dem Sofa, im Bett oder im Pferdestall zu sehen. Von ihrem Engelsgesicht, das sie oft beim Sprechen schminkt, soll man sich nicht täuschen lassen, sie geht nah an die Kamera und legt in der Folge „leben als vegi“ auf Tiktok und Youtube los: „An alle Leute, die Fleisch essen: Was ist euer Problem, warum lasst ihr euch so leicht ragebaiten (provozieren)?“ Wemmse hatte auf ihrem Kanal offenbar nach Veggie-Rezepten gefragt und Schmähkommentare von carnivoren Trollen bekommen. Diese herrscht sie nun an, sie sollten mal kapieren, dass sie nicht gemeint seien, wenn sie, Wemmse, nach fleischlosen Rezepten frage. In schneidendem Hohn, der halb gespielt, halb echt ist, fügt sie hinzu: „Dann friss halt dreimal so viel Fleisch wie ich, um es zu kompensieren, damit es ja keinen Einfluss hat.“

DSGVO Platzhalter

Sie finde es einfach „hässlich“, ein Tier auf dem Teller zu haben, wo sie doch ihre Haustiere – Hund, Katze, Pferd – „sehr gern habe“. Und trotzdem töte sie gelegentlich eine Mücke. Ihr Verdacht: „Das ragebaitet euch so – dass ihr genau wisst, ich bin ein bisschen ü-ber-legen.“ Und die Veganer, zu denen sie nicht einmal gehöre, seien in der moralischen Hierarchie noch weiter oben angesiedelt. Es sei doch logisch, dass es besser sei, „niemandem einen Schaden anzutun“, was es daran nicht zu verstehen gebe? „Oder hast du den Schaden?“, schnauzt sie noch in die Kamera. Bei alldem verkämpft sie sich nicht, Comedy-Elemente bleiben erkennbar, ihre Videos haben Tiktok-Länge – und gut.

Kein Respekt vor dem Alter

Eigentlich ist Wemmse das Gegenteil einer Influencerin, sie ist bodenständig, selbstironisch und argumentiert meist sehr klar. Vor Autorität hat sie keinen Respekt, und sie will sich nicht von anderen bewerten lassen. Immer wieder spießt sie in ihren Videos die Anzüglichkeiten von Ü50ern und ihre atavistischen Rollenbilder auf. Mit ihrer direkten Art ist sie auch untypisch für ihre Landsleute, die Schweizer, denen sie – in ihrem Podcast „Los Emmal“ betätigt sie sich immer wieder als Sprach- und Mentalitätsübersetzerin – eine Vorliebe für uneigentliches Sprechen nachsagt.

Folgerichtig, dass Wemmse in einem ungewöhnlich ernsten Video vor dem Hintergrund der Epstein-­ Files dazu aufruft, man solle seinen Kindern nicht den blinden Respekt vor den Älteren anerziehen. Die Stillen und Schüchternen, zu denen sie sich selbst zählt, fordert sie zum Widerspruch auf. Ihr Kanal ist eine Gegenbewegung auf der Manipulationsplattform Tiktok – und darüber hinaus.

Source: faz.net