Industriepolitik in Europa: Chemie im Käfig

Deutsche, kauft deutsche Zitronen!“. Mit diesem Vers hat sich Kurt Tucholsky schon vor neunzig Jahren über Isolation, völkische Parolen und Nationalismus lustig gemacht. Der Vergleich hinkt und doch – ist es ein bisschen wieder so. Statt Nationalismus und Abschottung heißt ein Schlagwort heute „Resilienz“. Weniger abhängig sein von Importen, nicht erpressbar im Krisenfall. Und es stimmt: Ohne amerikanische Technologie, arabisches Öl, Seltene Erden aus China geht kaum etwas in Europa. Der russische Überfall auf die Ukraine und die Kapriolen von US-Präsident Donald Trump haben jedem vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich zu wappnen.
Die europäische Wirtschaft soll deshalb resilienter werden, das ist politischer Konsens. Auch in der Definition von kritischen Industriezweigen findet sich die Europäische Union schnell zusammen: Rüstung, Nahrungsmittel, Gesundheitsversorgung, Energie.
Mutter aller Industrien
Allein, um noch einmal Tucholsky zu bemühen: „Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.“ Um Rüstungsgüter, Energie oder Dünger zu produzieren, braucht es eine lange Reihe von Vorprodukten. Geht man diese Ketten zurück, landet man fast immer in der Chemieindustrie – der Mutter aller Industrien. Ohne Chemie keine Kunststoffe, keine Dünger, keine Arznei. Die Produktion von Chemikalien aber ist energieintensiv, und Energie ist teuer, deshalb steht die chemische Industrie unter Druck. Seit 2022 hat sie neun Prozent ihrer Kapazitäten in Europa stillgelegt.
Die Frage, wie viel Chemieproduktion Europa braucht, um resistent zu sein, soll nun die Critical Chemicals Alliance beantworten, eine Initiative der Europäischen Kommission. Ins Leben gerufen im Oktober 2025, ist sie das zentrale Element des Aktionsplans für die Chemieindustrie. Er soll Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit stärken, „insbesondere angesichts von Risiken wie Betriebsstilllegungen, Handelsstörungen und Investitionslücken in kritischen Produktionen“. Oha.
Lenken like China
Die Konstruktion lässt nichts Gutes ahnen. Zu den 140 Mitgliedern, die Zahl steigt weiter, gehören Vertreter von EU-Mitgliedstaaten, regionale Behörden, Verbände, Unternehmen, Investoren, Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Gruppen. Zweimal im Jahr soll es eine Generalversammlung geben, ein Steuerungsausschuss die Arbeit koordinieren. Auf ihrem ersten Treffen im Januar hat die Versammlung vier Arbeitsgruppen beschlossen. Eine soll kritische Moleküle und Produktionsstandorte ausmachen, eine andere Investitionsprioritäten in der EU abstimmen. Steuerungsausschuss, Generalversammlung, Arbeitsgruppen – das klingt stark nach Lenkung wie in China.
Die Erfolge der Chinesen dürften sich allerdings der Tatsache verdanken, dass eine einzige Partei sagt, was passiert – ohne Widerspruch. Zudem zeigen die Überkapazitäten in China, dass es mit der Klugheit der Planer doch nicht so weit her ist. Mehr noch: Die Fehlanreize der Chinesen sind ein Grund, warum die EU-Chemie in Nöten ist.
Die Zukunft der europäischen Chemieallianz ist nicht schwer vorauszusagen. Mitglied um Mitglied wird bald systemrelevante Chemiestandorte melden, die unbedingt erhalten werden müssten. Bei allem Jubel sind deshalb selbst aus der Industrie Vorbehalte zu hören. Die EU könne keine Insel sein, kein Zoo, in dem nur noch geschützte Tiere überleben.
Dazu drei Anmerkungen: Ersten ist die europäische Chemieindustrie trotz der Kostennachteile noch immer wettbewerbsfähig und exportiert mehr, als sie importiert – vor allem margenstarke Spezialchemikalien. Zweitens ist die Basischemie schlicht zu groß für dieses Europa und muss schrumpfen. Es gibt zu viele chemische Basisanlagen (Cracker), und nicht jede wird überleben können. Sollten sie künstlich am Leben gehalten werden oder ein „Buy European“-Schild bekommen, werden die Preise für die nachgelagerte Spezialchemie steigen und deren Wettbewerbsvorteile fressen.Drittens bleiben trotz der Handelsströme vor allem Basischemikalien im Kern ein lokales Produkt. Europa ist der mit Abstand wichtigste Markt für seine Chemieindustrie. In Europa stimmt aber schlicht die Nachfrage nicht, übrigens auch nicht in Amerika.
Um die chemische Industrie in der EU zu stärken, hilft es nicht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Wer die Produktion von Basischemikalien künstlich hoch hält, ob durch Protektion oder Subvention, verteuert nur den Rest der Wertschöpfungskette und bremst damit die echten Exportschlager. Und die Unabhängigkeit wird so oder so Illusion bleiben, denn ohne Öl und Gas geht nichts in der Chemie. „Deutsche, kauft deutsches Öl“, daraus wird nichts werden.