Industrie: Motorenhersteller RRPS baut neue Fabrik am Bodensee

Es hat gedauert, aber nun sind sie auch am Bodensee angekommen, die Aufträge aus der Zeitenwende. Der Friedrichshafener Motorenhersteller Rolls-Royce Power Systems (RRPS) arbeitet zurzeit einen Großauftrag für 300 Motoren für den Leopard 2 ab. Die Kampfpanzer sind bestimmt für europäische Streitkräfte. Hinzu kommen Bestellungen über Motoren für den Radschützenpanzer Boxer in von RRPS-Chef Jörg Stratmann ungenannter Zahl. „Wir erwarten, dass das Verteidigungsgeschäft mittelfristig bei uns weiter um 20 Prozent wächst“, sagt Stratmann im Interview mit der F.A.Z. „Für die Verteidigungsfähigkeit brauchen wir langfristige und planbare Beschaffungsverträge, weil die Industrie nur so verlässlich und skalierbar liefern kann. Wir sehen hier Verbesserungen und auch, dass die Vorgänge schneller bearbeitet werden.“

Das Traditionsunternehmen aus Friedrichshafen mit der Kernmarke MTU, das seit 2014 zum britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce gehört, stellt Großmotoren auf Dieselbasis her – unter anderem für die Panzer Puma, Leopard und Boxer sowie für die Panzerhaubitze 2000, aber auch Aggregate für Fregatten, Korvetten, Minensucher, Unterseeboote und Pa­trouil­len­schiffe. RRPS ist nach eigenen Angaben in Europa der führende Hersteller von Motoren für die Verteidigungsindustrie und beliefert etwa 40 verschiedene Armeen. Dieses sogenannte Behördengeschäft ist in den vergangenen drei Jahren um mehr als 35 Prozent gewachsen auf aktuell 1,43 Milliarden Euro.

Ein Viertel des Erlöses kommt aus dem Rüstungsgsgeschäft

Für das Unternehmen, das Ferdinand Graf von Zeppelin und der Konstrukteur Wilhelm Maybach 1909 gründeten und das als Maybach-Motorenbau GmbH fast alle Motoren für die Kettenfahrzeuge der Wehrmacht herstellte, ist die Produktion von Antrieben für die Rüstungsindustrie zuletzt immer wichtiger geworden. Rund ein Viertel des Gesamtumsatzes kommt aus diesem Geschäft. Insgesamt sind die Erlöse von RRPS im Jahr 2025 um 19 Prozent auf 5,72 Milliarden angestiegen, wie Stratmann am Freitag bei der Jahresbilanzpressekonferenz in Friedrichshafen vorstellte. Der operative Gewinn (Ebit) kletterte sogar um 60 Prozent auf nun 995 Millionen Euro, was einer operativen Umsatzrendite von 17,4 Prozent entspricht.

Die Großmotoren vom Bodensee laufen allerdings nicht nur in Kampfschiffen und Panzern, sondern auch in Bahnfahrzeugen, Bergbaumaschinen, Großyachten und Fährschiffen. Wichtigster Einsatzort für die Aggregate sind aber noch vor der Rüstungsindustrie die Container mit Notstromanlagen. Dabei kombiniert RRPS die Motoren mit Generatoren, packt alles zusammen, erweitert um Steuerungen, in Metallkisten und sichert mit diesen Systemen die Energieversorgung von Krankenhäusern, Flughäfen und von sensiblen Fabriken der Pharma- oder Halbleiterindustrie ab. Nicht erst seit die Angriffe des russischen Aggressors auf die Energieinfrastruktur in den vergangenen Monaten so zugenommen haben, sind die Anlagen auch in der angegriffenen Ukraine stark nachgefragt. „Wir liefern in zahlreichem Umfang dorthin“, erläutert der RRPS-Chef. Das geschehe zumeist über staatliche Vermittlungsstellen.

„Jeder dritte Klick wird von unseren Systemen gesichert“

Größter Abnehmer solcher Notstromsysteme sind jedoch die Betreiber von Serverfarmen und Rechenzentren. „Die Zentren werden nicht nur mehr, sondern auch größer – insbesondere dadurch, dass KI-Anwendungen immer leistungsfähigere und schnellere Prozessoren brauchen, die einen höheren Strombedarf haben“, erklärt Stratmann. „Deshalb wird auch der Bedarf an Notstromaggregaten immer höher.“ RRPS stellt sowohl Anlagen her, die dauerhaft Strom liefern, als auch im Notfall anspringen. Das Geschäft mit diesen Systemen wuchs 2025 um 30 Prozent auf einen Erlös von nun 3,1 Milliarden Euro – das ist mehr als die Hälfte des Umsatzes des Motorenherstellers. „Jeder dritte Klick im Internet wird heute von unseren Systemen abgesichert. Alle Größen der Branche sind Kunde von uns“, sagt der RRPS-Chef weiter. Er erwarte, dass der Markt kontinuierlich wachse – mittelfristig um mehr als 20 Prozent.

Vor diesem Hintergrund erweitert das Unternehmen die Produktionskapazitäten und investiert in den nächsten Monaten einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Am Stammsitz in Friedrichshafen baut RRPS ein drittes Werk, in dem künftig die Produktion der 4000er-Reihe zusammengezogen werden soll. Die frei werdenden Flächen in bestehenden Werken will das Unternehmen für das Rüstungsgeschäft optimieren. Zudem entwickelt RRPS bis 2028 einen komplett neuen Motor der 4000er-Reihe. Rund 1000 neue Mitarbeiter stellt das Unternehmen 2026 ein – gut die Hälfte in Deutschland und dort hauptsächlich am Bodensee, die übrigen in China und in Nordamerika.

In den USA produziert RRPS vor allem Notstromaggregate für Rechenzentren – in South Carolina Motoren, die in Minnesota vervollständigt werden. Aus Europa importiert das Unternehmen nur die gegossenen Motorblöcke, für die im vergangenen Jahr die US-Einfuhrzölle fällig geworden sind. Dadurch sind nur weniger als 20 Prozent der Wertschöpfung von den Abgaben betroffen. Ob das Unternehmen die vom obersten US-Gericht für unzulässig erklärten Zölle zurückfordert, sei noch offen. „Wir machen uns Gedanken, wie wir da in den nächsten Monaten vorgehen werden“, sagt Stratmann.

Der Mutterkonzern des Motorenherstellers hatte am Tag zuvor Zahlen vorgelegt. Für 2025 meldet Rolls-Royce eine Steigerung des operativen Gewinns von 40 Prozent auf fast 3,5 Milliarden Pfund (etwa vier Milliarden Euro). Mittelfristig soll der Gewinn auf 5,2 Milliarden Pfund steigen. Der Umsatz legte um zwölf Prozent auf gut 20 Milliarden Pfund zu, was eine Rendite von 17,3 Prozent ergibt. Rolls-Royce stellt vor allem Turbinen für Passagier- und Frachtjets her. Nach dem Luftfahrtgeschäft ist die Motorensparte vom Bodensee der zweitwichtigste Geschäftsbereich des britischen Konzerns, der sich nach einer schweren Krise wieder gefangen hat. Und zwar nicht zuletzt durch die seit Jahren stabilisierten Zahlen der deutschen Tochtergesellschaft.