Indie-Rock | The Notwist: Style kommt aus dem Herzen
In den 1990er Jahren machte das oberbayerische Weilheim musikalisch weltweit von sich reden. Abseits der Metropole München mit ihren Clubs und Konzerthallen hatte sich hier im Alpenvorland, 30 Kilometer vom Starnberger See entfernt, eine Szene entwickelt, die sich anschickte, Geschichte zu schreiben. Im Zentrum: The Notwist, die Band der beiden Brüder Markus und Micha Acher. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Martin Messerschmidt arbeiteten sie seit den späten 80ern mit Versatzstücken aus Metal und Hardcore an einem Sound, der zwar Tradition und Reputation hatte, aber gegenüber der Verve von House und Techno oder dem Boom des Dancefloors wie ein Paralleluniversum erschien.
Und doch gab es eine Überschneidung. Das Kollektive, das Gemeinschaftliche, das die Nächte auf den Raves für viele so einzigartig machte, bestimmte auch das Tun von The Notwist. Man kann es Vetternwirtschaft nennen oder die Tugend, die aus der Not entstand: Hier, in der oberbayerischen Provinz, spielte jeder mit jedem. Kurze Wege, künstlerische Notwendigkeiten, freundschaftliche Bande und vor allen Dingen musikalische Neugier machten The Notwist Song um Song, Album um Album nicht nur zu einer immer besseren Band, die ihren ureigenen Sound fand, sondern auch zum Mittelpunkt eines Netzwerks von Menschen mit Instrumenten.
Neue Bands, spontane Projekte, gezielte Kooperationen resultierten in nachhallenden musikalischen Statements, gar Strömungen, die andere – medial gehypte – Szenen wie blasse Marketingkonzepte erschienen ließen. Markus Acher erinnert sich: „Von Anfang an ging es darum, ein eigenes Vokabular zu finden. Strukturen. Improvisation war nie wichtig. Kommunikation ist wichtig. Musik kann eine gemeinsame Sprache sein. So hat sich die Idee dieses Netzwerks langsam, aber stetig erweitert und internationalisiert.“
Aus Weilheim in die Welt
Die musikalischen Verästelungen dieses Netzwerks strahlten automatisch auch in den Sound von The Notwist aus. Blickt man heute auf die mehr als zehn Alben der Band zurück, breitet sich eine klangliche Vielfalt aus, die jeden noch so perfiden Algorithmus unausweichlich in den Systemabsturz führt. Aus den Tagen der handwerklich immer versierten Selbstfindung schälte die Band einen Kosmos aus mitreißendem Songwriting. So nahbar orchestriert, dass alte Rocker voller Freude mitwippten, während Millennials darüber bloggten und Schlabber-T-Shirts aus dem Keller holten, wie sie die Band trug.
Denn Style kommt nicht von dem, was man am Körper trägt, sondern aus dem Herzen. Schalldruck auch. In diesen Kosmos passen die Tempi-Wechsel der Hardcore-Zeit genauso wie die großen Pop-Momente. Die Jazz-Fragmente, die Liebe zur Blasmusik, das Elektronische ebenso wie das fast schon lagerfeurige Singer/Songwriter-hafte. Es wurde entweder als The Notwist produziert, mit einem der zahlreichen anderen Projekte hingestellt und/oder auf dem eigenen Label Alien Transistor veröffentlicht.
Genauso vielfältig sind die Geschichten, die sich zur eigenen Initialzündung mit The Notwists Musik erzählen lassen. Natürlich sind diese Storys abhängig von der Zeit, von der Position der Band auf der Zeitachse. Bei einigen dürften bayerische Jugendclubs oder ATZs eine Rolle spielen. Vielleicht sogar der Abend in Pürgen, unweit von Landsberg, anno 1990, das erste Notwist-Konzert überhaupt. Zufällig reinschliddern kann man immer irgendwo.
Es kann aber auch das in den Farben und Schattierungen der 1990er leuchtende Hamburg aus Sebastian Schippers Film Absolute Giganten sein, in dem Floyd, Ricco und Walter im orangefarbenen Ford Granada zum blasmusikgeschwängerten Big-Band-Sound von Moron vor ihrer eigenen Stadt flüchten. Und Floyd in seinem Epilog auf dem Rücksitz der fast vollständig geschrotteten Karre „Wie spät ist es eigentlich?“ durch die Seitenscheibe in Richtung Standstreifen denkt. Ein Indie-Club im provinziellen Nichts, wo sich bei Chemicals die Hinweise verdichten, dass „diese elektronische Musik“ doch gar nicht so schlimm sein kann, weil die klackernden Laptop-Beats ja offenkundig wunderbar zur lärmenden Schockwirkung des Songs passen. Oder 2009 bei der Premiere von Hans-Christian Schmids Sturm auf der Berlinale, wo der spartanisch-sperrige Soundtrack der Band Interessierte bei der Recherche über die vielfältige Arbeit der Musiker irritiert zurückließ.
Jungs, hier kommt kein Masterplan
Fragt man Markus Acher, Sänger, Gitarrist und Songschreiber von The Notwist, wie die Band nach 35 Jahren stilistische Entscheidungen trifft oder Grundsätzliches klärt, bevor es ins Studio geht, antwortet der: „Bei neuen Platten und Projekten denken wir nicht konzeptionell. Wir arbeiten ohne Masterplan, wissen mittlerweile, dass am Ende sowieso alles anders kommt und klingt. Ich orientiere mich vor allem daran, was ich selbst gerne hören würde, welche Alben mich zurzeit bewegen. Die Begeisterung für Musik ist entscheidend und fließt unbewusst in das Songwriting ein. Ich möchte mich gar nicht andauernd mit dem eigenen Werk auseinandersetzen.“ Acher beschreibt damit Grundprinzipien, die das Selbstverständnis der Band von Beginn an trugen. Offenheit, Zuhören, über das eigene Instrument hinausdenken. Strukturen hinterfragen.
Wir fühlten uns während der Pandemie isoliert und wussten nicht, ob wir jemals wieder zu unserer gemeinschaftlichen Arbeitsweise würden zurückkehren können
Wer ist 2026 nun eigentlich The Notwist? Neben den Acher-Brüdern gehört Cico Beck zum Kern, live kommen vier weitere Musiker*innen dazu. Für die neue Platte kam ihnen eine entscheidende Rolle zu, ist News from Planet Zombie doch das erste Notwist-Album seit 30 Jahren, das unter Live-Bedingungen aufgenommen wurde. Das war „Wunsch und Bedürfnis“, sagt Acher. Während der Pandemie entstand Musik im kleinen Kreis am Computer. „Wir fühlten uns isoliert und wussten nicht, ob wir jemals wieder zu unserer gemeinschaftlichen Arbeitsweise würden zurückkehren können.“ Beck ergänzt: „Dieses Gemeinschaftliche ist der eigentliche Kern unserer Arbeit.“
Beck nahm vor etwa einer Dekade den Platz des Musikers ein, der die Weiterentwicklung des Sounds der Band maßgeblich beeinflusst hatte. Martin Gretschmann hatte die elektronischen Instrumente ins Studio gebracht, Sampling und Sound-Design – und das Verständnis dafür, wie Gitarren-Indie und Hardcore-Wurzeln damit harmonieren könnten.
Neon Golden (2002) gilt als Höhepunkt dieser Verschmelzung. Es ist die Platte, bei der die Elektronik am dominantesten ist. Songs wie Pilot oder Trashing Days sind durchzogen von Sounds, die auch in Techno-Tracks gut aufgehoben wären, sich hier aber Gitarre, Gesang und kaum noch erkennbarem akustischen Schlagzeug zuordnen. Als wäre die gesamte Band einmal durch einen Sequenzer gepresst und quantisiert worden. Gretschmann kennt man auch als Acid Pauli und Console. Er ist auf Ibiza als DJ genauso zu Hause wie im Hörspielstudio des Bayerischen Rundfunks. Irgendwann wollte er dem Rhythmus der Band nicht mehr folgen. Neon Golden ist heute mehr als 20 Jahre alt, Elektronik und Akustisches sind längst gleichberechtigt im Studio. Wenn der Beat einer Gitarrenband technoid daherkommt, sagt man eben „Elektro“ dazu und tanzt weiter.
„Ja, die Welt brennt“
„Wir haben im Import Export aufgenommen, einem der letzten wirklich alternativen Orte in München“, erklärt Markus Acher die Entstehung der neuen Platte. „Das war ein wichtiger Impuls. Abgesehen von der Lebendigkeit: Die Location beweist, dass es noch Orte gibt, an denen Solidarität gelebt wird, unterschiedliche Dinge zusammenkommen, von politischer Arbeit bis zu den Künsten. Das bedingt sich ja ohnehin. Als Band haben wir von Beginn an auf solche Strukturen gesetzt. Ohne die gäbe es uns gar nicht. Und heute sind sie so enorm wichtig.“
Natürlich kommt der Titel des Albums nicht von ungefähr. Vertigo Days – Tage des Schwindels – hieß die Platte, die 2021 mitten in die Lockdowns platzte. Damals sagte man oft, dass die Einschläge näher kommen, heute ist es immer schwieriger, den Überblick über sämtliche Explosionen zu behalten. Doch News from Planet Zombie klingt nicht wütend, erhebt in den Texten nicht den mahnenden Zeigefinger oder reckt die widerständige Faust. Markus Achers einzigartiger, weil immer leicht brüchiger Gesang, der schwere Bass von Micha Acher, die Sounds von Cico Beck und allen weiteren Musiker*innen: Es klingt wie eine große Decke, die den Wahnsinn des Globalen nicht überdeckt oder ausblendet, auf der jedoch schon andere sitzen, die so wenig aufgeben wollen wie man selbst. Das macht elf Songs lang Hoffnung. Mal laut, mal stiller.
Aus eigener Erfahrung weiß ich genau, was Künste bewirken können. Für mich sind das Momente der Erkenntnis. Sie lassen mich Dinge besser verstehen. Musik hilft, die Dualität, in der wir leben, erträglicher zu machen. Ja, die Welt brennt. Aber Menschen rücken aus diesem Grund auch enger zusammen. Es ist eine universelle Sprache
„Eigentlich sind es ja nur ein paar Folk-Songs“, sagt Acher. „Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch sehr genau, was die Künste bewirken können. Für mich sind das Momente der Erkenntnis, die nachwirken. Sie lassen mich Dinge besser verstehen. Musik hilft, die Dualität, in der wir leben, erträglicher zu machen. Ja, die Welt brennt. Aber Menschen rücken aus diesem Grund auch enger zusammen. Es ist eine universelle Sprache.“ Wie wirkmächtig sie ist, wird direkt in der ersten Minute des neuen Albums spürbar, wenn er sein Herz weit aufmacht und singt: „I won’t sing in vain like the others, I won’t get insane like the others, I will find my way out of these buildings, I will find my way to you“.
News from Planet Zombie The Notwist Morr Music 2026