In Gaza-Stadt spitzt sich dasjenige Inferno zu – weil die ganze Welt wie geschmiert nur zusieht
US-Außenminister Marco Rubio in Tel Aviv
Foto: Nathan Howard/AFP/Getty Images
Die Welt, in der wir leben, verabschiedet zivilisatorische Standards, um tatenlos zusehen zu können, wie sich Barbarei zur Schau stellt
Es ist an Zynismus nur schwer zu übertreffen, wenn US-Außenminister Marco Rubio Katar ersucht, es möge doch Vermittler bleiben im Gaza-Konflikt. Was in etwa heißt: Gewährt den Hamas-Führern bitte schön weiter Asyl, dann gehen der israelischen Luftwaffe die Ziele nicht aus. Wenn dabei die Souveränität eures Staates geschleift wird, sollte das als Kollateralschaden verkraftbar sein. Die USA wissen das zu schätzen.
Die bei anderen Gelegenheiten gern bemühte Koinzidenz von Ereignissen zeigt bei der Nahostreise des Trump-Emissärs in dieser Woche, dass Rubio die israelische Führung kurz vor dem Großangriff auf Gaza-Stadt getroffen hat. Wenn er Benjamin Netanjahu „die anhaltende Unterstützung“ der USA zusichert, dann gilt das wohl auch für die jetzige Phase des Krieges, für das bereits stattfindende und sich absehbar fortsetzende massenhafte Töten von Palästinensern, die in Gaza-Stadt ausharren, da sie nicht wissen, wohin man noch gehen soll, um zu überleben.
Sie sind dazu verurteilt, notfalls zu sterben, unter Trümmern begraben zu ersticken, durch Raketen und Panzergranaten zerrissen zu werden. Die Welt, in der wir leben, verabschiedet zivilisatorische Standards, um tatenlos zusehen zu können, wie sich Barbarei zur Schau stellt, ohne von Skrupeln befallen zu sein.
Gaza-Stadt im September 2025 ist der erschütternde Beweis dafür, wie Kriege ausarten und eine hoch überlegene, aber noch nicht vollends siegreiche Kriegspartei die Kontrolle über die Folgen ihres Tuns nicht nur verliert, sondern verlieren will. Das betrifft das Ausmaß der schieren physischen Vernichtung von Menschen, aber gleichsam die Umstände, unter denen das geschieht.
Doppelmoral des Westens
Zum Vorspiel des Infernos von Gaza-Stadt wird am 11. September der israelische Angriff auf das Golfemirat Katar, bei dem die dort auf Verhandlungen wartende Hamas-Führung ausgelöscht werden soll, allerdings nicht wird. Die Operation bricht Völkerrecht, sie offenbart Staatsterror par excellence, wie ihn eine Regierung betreibt, die sich herausnimmt, was sie für angebracht hält. Es hindert sie niemand daran, weil es niemand wagt, ihr wirkungsvoll in den Arm zu fallen.
Die Doppelmoral der USA, des Westens überhaupt, im Umgang mit den Kriegen in der Ukraine und in Gaza könnte signifikanter kaum sein. Das bombardierte Doha wie das pulverisierte Gaza-Stadt werden zur Folie, um zivilisatorische Regeln zu verhöhnen, auf die sich niemand mehr verlassen kann, der darauf angewiesen ist.
Für Israels unmittelbare Nachbarn gilt das allemal – für Syrien ebenso wie den Libanon. Nach dem Schlag gegen Katar kann sich auch Ägypten nicht mehr sicher fühlen, das palästinensische Polizisten ausbildet, die für einen Palästinenserstaat gedacht sind. Ebenso wenig Jordanien. Dort finden Palästinenser seit Jahrzehnten Zuflucht, deren Lagern sich immer unterstellen lässt, Keimzellen des Terrorismus und Rekrutierungsbasen der Hamas zu sein. Und was ist mit der Türkei als Schutzmacht des Post-Assad-Regimes in Damaskus, dem Israel einen Militärposten nach dem anderen zerschlägt?
Die Konferenz von 60 arabischen und islamischen Staaten in Doha hat sich soeben auf das Verlangen geeinigt, Wirtschaftssanktionen und ein Waffenembargo gegen Israel zu verhängen. Es wäre Sache des UN-Sicherheitsrates, dem durch einen einstimmigen Beschluss Nachdruck zu verleihen. Höchste Zeit, wenigstens dieses Zeichen zu setzen.