Im Minutentakt amputierten die Feldärzte menschliche Gliedmaßen
Bis ins 20. Jahrhundert hinein starben in Kriegen mehr Soldaten in Lazaretten oder im Lager als auf dem Schlachtfeld. Mit dem Gasbrand kehrt jetzt eine der tödlichen Infektionskrankheiten nach Europa zurück – in der Ukraine.
Als unlängst eine neue Studie den Untergang von Napoleons Grande Armée in Russland 1812 unter anderem dem Wüten von Seuchen zuschrieb, fehlte der Gasbrand in der unheilvollen Liste. Denn eine typische Infektionskrankheit mit hohem Ansteckungspotenzial wie Typhus, Fleckfieber oder Ruhr ist Gasbrand nicht.
Wie der verwandte Wundstarrkrampf (Tetanus) ist Gasbrand (Gasödem) eine Infektion der Weichteile, die von einem Bakterium übertragen wird. Dieses stäbchenförmige Clostridium perfringens dringt über Verletzungen in den Körper ein, wo seine Toxine Gewebezellen zerstören. Dies führt in der Regel binnen weniger Tage unter großen Schmerzen zum Tod. Seinen Namen bekam die Krankheit durch die Entstehung von CO₂, das beim Betasten der Wundumgebung ein markantes Knistern erzeugt.
Gasbrand galt in Europa als weitgehend ausgestorben. Wenn die Krankheit jetzt wieder von sich reden macht, sagt das einiges aus über die Situation im ukrainisch-russischen Krieg. Wie der britische „Telegraph“ unter Berufung auf Angaben von ukrainischen Militärärzten berichtet, wurden bereits mehrere Fälle von Gasbrand diagnostiziert – in einer Region, die für das Wüten des Gasbrands in den Kriegen des 20. Jahrhunderts berüchtigt war. So sollen allein im Ersten Weltkrieg bis zu 150.000 deutsche Soldaten durch Clostridium perfringens zu Tode gekommen sein.
Napoleons Soldaten müssen auch betroffen gewesen sein. Allerdings waren die Zeitgenossen damals nicht in der Lage, diese Infektion von Tetanus oder anderen Leiden zu unterscheiden, die in Kriegen allgegenwärtig waren: „faulichter Krampf“, „krampfhaften Brand“ oder schlicht Wundinfektion. Mit dem Aufkommen von Massenheeren, die mit Feuerwaffen aufeinander losgingen, wurden diese Krankheiten zu einem permanenten Problem. Denn Kugeln und Granatsplitter schlugen tiefere Wunden als Lanzen oder Schwerter. Darin fanden Bakterien ideale Felder für ihre Vermehrung.
Waren die Wunden einmal entzündet, führte das in der Regel zum Tode. Daher wussten die Ärzte keinen besseren Rat, als die verletzten Glieder zu amputieren. Nach einer Schlacht konnte ein sogenannter Feldscher in „einen wahren Amputationsrausch“ verfallen, für den sogar eine Art Fallbeil erfunden wurde, schreibt der Medizinhistoriker Stefan Winkle. Von manchen Kollegen wird berichtet, dass sie sich rühmten, mehrere hundert Amputationen an einem Tag, also im Minutentakt, durchgeführt zu haben. Wenngleich oft nur jeder zweite Patient den ohne Narkose und unter entsetzlichen hygienischen Bedingungen durchgeführten Eingriff überlebte, gehörten Kriegskrüppel zum Straßenbild der Frühen Neuzeit.
Denn die Erreger von Gasbrand und Tetanus entstehen im Darminhalt von Pferden und Rindern, wo ihre Sporen lange überdauern können. Von dort gelangen sie in den Straßenschmutz und per Düngung auf die Felder, wo sie ideale Bedingungen für die Vermehrung finden. Dass die Bakterien Kulturfolger waren, erkannten hellsichtige Zeitgenossen durch Beobachtungen im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783). In den weitgehend unberührten Landschaften Nordamerikas entzündeten sich Verwundungen nämlich deutlich seltener als in Europa. Ähnliches bemerkten Teilnehmer von Napoleon Bonapartes Expedition nach Ägypten (1798–1801), wo die Infektionsraten geringer waren als etwa in den Kulturlandschaften Syriens.
Im Krimkrieg (1853–1856) wurde Gasbrand als eigene Krankheit erkannt. „Die prädominierende Erscheinung ist die rasche Gasentwicklung im befallenen Gewebe. Es wird nicht allein die vom Brande ergriffene dunkelviolett gefärbte Partie emphysematös, sondern die Gasentwicklung verbreitet sich rasch auch auf dem benachbarten, mit der gesunden Haut bedeckten Teil des Gliedes“, schrieb der russische Militärarzt Nikolai Pirogow. Die Wirkung dieser Infekte war katastrophal. Noch im Amerikanischen Bürgerkrieg (1761–1865) starben mehr als doppelt so viele Soldaten im Lazarett als auf dem Schlachtfeld.
Die Erfindung von Antibiotika und der Entwicklung eines Impfstoffs, der massenhaft produziert werden konnte, nahmen zumindest dem Wundstarrkrampf den Schrecken. Von den gut 480.000 Verwundeten im deutschen Heer erkrankten an ihm nur etwa 4500. Beim Gasbrand war das anders. „Im Gegensatz zum Tetanus gibt es bei Gasbrand weder eine wirksame Heilserumtherapie noch die Möglichkeit einer Prophylaxe durch aktive Schutzimpfung“, erklärt Winkle: „Wichtig ist daher die sofortige Wundversorgung und chirurgische Behandlung.“
Solches aber ist im Raum Saporischschja im Südosten der Ukraine derzeit nicht möglich. Weil russische Angriffe den regelmäßigen Nachschub an medizinischen Gütern unterbinden, können Ärzte und Sanitäter oft nur auf Breitband-Antibiotika zurückgreifen. Nicht wenige Verwundete haben dagegen bereits Resistenzen entwickelt.
Auch können in Bunkern und Kellern die nötigen Hygienebedingungen nicht eingehalten werden. Die Evakuierung der Kranken verhindern russische Drohnen. Wie im Krieg gegen Napoleon, im Krimkrieg oder im Ersten Weltkrieg kriecht daher eine besiegt geglaubte Krankheit nach Europa zurück.
Source: welt.de