Im Hamburger Tierpark Hagenbeck wird 1875 die erste Völkerschau zum Menschenzoo

Der Tierpark Hagenbeck ist ein Ort der Familien, ein Markenzeichen Hamburgs. Regelmäßig berichten lokale Medien über Eisbären- oder Zebranachwuchs, doch bei aller Idylle ist der Tierpark auch einer der bedrückendsten kolonialen Erinnerungsorte der Hansestadt, gerade weil er sich heute so unschuldig präsentiert als Freizeitvergnügen für Kinder und Eltern. Hagenbeck steht für eine rassistische Performance, die im letzten Viertel des 19. und den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zivilisatorische Überlegenheitsdünkel und damit Kolonialismus popularisierte.

Hagenbeck, ursprünglich eine Tierhandlung auf St. Pauli, revolutionierte im ausgehenden 19. Jahrhundert die Ausstellung von Tieren, indem sie nicht länger eingepfercht in Käfigen gezeigt wurde, sondern man in großen Freilaufgehegen ihre „natürliche“ Umgebung nachbildete. Nicht Zäune sperrten die Tiere ein, Wassergräben und Ähnliches umgaben sie. Dadurch würden sich wilde Tiere wie in Freiheit beobachten lassen, so die Theorie. Dass für Elefanten, Giraffen oder Löwen auch das größte Gehege einem Gefängnis gleicht, sei an dieser Stelle wenigstens erwähnt.

Hagenbeckl will selbst Erfinder der „Völkerschau“ sein

Es blieb allerdings nicht bei Tieren, vielmehr erweiterte Zoodirektor Carl Hagenbeck (1844–1913) sein Konzept und übertrug es auf Menschen, womit er sich dauerhaft in die Geschichte von Rassismus und Kolonialismus in Deutschland einschrieb. Am 12. September 1875 öffnete – seinerzeit noch am neuen Pferdemarkt auf St. Pauli – die „Lapplandschau“ ihre Pforten, und es begann der wohl unrühmlichste Teil von Hagenbecks Firmengeschichte. Bis zum 21. November präsentierte der Tierpark sechs Samen („Lappländer“) aus Nordschweden, zusammen mit 31 Rentieren, der Auftakt zu einer rassistisch unterlegten Erfolgsgeschichte, um die Marke „Hagenbeck“ weltbekannt zu machen.

Die Präsentation von als exotisch empfundenen Menschen begann unter anderem mit den „Freak-Shows“ auf frühneuzeitlichen Jahrmärkten oder in Zirkuszelten, in denen auch Menschen mit Behinderungen und Fehlbildungen ausgestellt wurden. Hagenbeck professionalisierte dies und verband es mit seinem Muster des Tierparks ohne Gehege.

Das heißt, Menschen wurden wie die Tiere in ihrer „natürlichen Umgebung“ präsentiert. Insofern war es nicht falsch, wenn sich Carl Hagenbeck in seinen Erinnerungen selbst zum Erfinder der „Völkerschau“ stilisierte. Es sei ihm vergönnt gewesen, „die Völkerausstellungen als erster in die zivilisierte Welt einzuführen“, schrieb er in seinen Memoiren. Das Wort von der „zivilisierten Welt“ klingt hier bereits verräterisch.

Menschenzoo zieht Zehntausende Besucher nach Hagenbeck

Wem auch immer das Urheberrecht am rassistisch-kolonialistischen Ausstellungswesen gebührt – Hagenbeck begründete damit eine bis in die 1930er Jahre anhaltende Tradition, die zwischenzeitlich „Hagenbeck“ und „Völkerschau“ fast zu Synonymen werden ließ. Von den gut 400 im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gezeigten Völkerschauen gingen hundert auf Hagenbeck zurück. Teilweise zeigte er sie zunächst in Hamburg, um sie danach auf Reisen zu schicken. Auch international, etwa auf den Weltausstellungen in Chicago (1893) und St. Louis (1904), war er präsent.

Zur Tragödie kam es schon fünf Jahre nach dem Auftakt, als alle acht Inuit, die man für die Eskimo-Schau nach Hamburg gebracht hatte, darunter ein Kleinkind und ein vierjähriges Mädchen, nach Ende der Schau an Pocken verstarben. Die Organisatoren hatten es versäumt, sie impfen zu lassen.

Der Zulauf bei Hagenbeck war enorm. Die große Sioux-Schau 1886 sahen mehr als eine Million Menschen, ein deutliches Zeichen für die große „Indianer-Begeisterung“ im Deutschen Kaiserreich. An Sonn- und Feiertagen gingen manchmal Zehntausende zu Hagenbeck, der 1907 aus Platzgründen an den heutigen Standort in Stellingen umgezogen war.

Völkerschauen erfüllten in einer Zeit, in der die meisten Menschen kaum ihre Heimatregion verließen, geschweige denn auf andere Kontinente reisen konnten, es nur wenig Fotografien gab, und der Film erst zu erahnen war, das Bedürfnis, Fremdes und Exotisches zu sehen. Was eine solche Schau zeigte, ähnelte dem Repertoire zeitgleich in vielen Großstädten entstehender Völkerkundemuseen, die Neugier und Interesse bedienten, ohne auf einen etwas wissenschaftlicheren, bürgerlicheren Anstrich zu verzichten.

Der Zugang zu den Menschenzoos war dagegen deutlich niedrigschwelliger und zog entsprechend größere Besucherströme an. Jedoch gab es zwischen beiden – zwischen Zoo und Museum – wie ebenfalls das Hamburger Beispiel lehrt, intensive Kooperation. Auch die Wissenschaft beteiligte sich am rassistischen Unternehmen. Gerade die entstehenden Disziplinen Völkerkunde und (Rassen-)Anthropologie nutzten die Gelegenheit, hier Anschauungsmaterial zu haben. So besuchte Rudolf Virchow, einer der bedeutendsten Mediziner des Kaiserreiches, die Völkerschauen, um dort Menschen zu vermessen. Zwangsläufig wurde klassifiziert, und mit der Klassifizierung kam die Hierarchisierung.

Hagenbeck passt bestens in die Kolonialmetropole Hamburg

Die Völkerschauen waren per se eine rassistische Veranstaltung. Millionen Menschen pilgerten hin, um Menschen zu begaffen, die sich dagegen kaum zu wehren vermochten, die auf Nacktheit, Rückständigkeit und Primitivität reduziert wurden. Schließlich ging niemand sonntags in den Tierpark, um Menschen zu sehen, die so aussahen und so lebten wie man selbst.

Wiederholt beschwerten sich Betroffene, die in den Völkerschauen auftraten, dass sie ihre Kleider, ihre Anzüge ablegen mussten, aber ihre Kultur nicht präsentieren konnten. Tatsächlich mussten sie dem Stereotyp entsprechen, das sich die Ausstellenden von ihnen gemacht hatten. Komplexe Gesellschaften mit ihren Traditionen und Geschichten wurden so homogenisiert, auf einige, wenige Merkmale beschränkt, exotisiert oder sogar zu „Wilden“ gemacht.

Hagenbeck fügte sich damit aufs Beste ein in die deutsche Kolonialmetropole Hamburg. Denn neben dem Grusel des vermeintlich „Unzivilisierten“ holten sich die Hamburgerinnen und Hamburger zugleich auch die Bestätigung eigener zivilisatorischer Überlegenheit. Die „Rückständigkeit der Anderen“ konnte man nun im Tierpark sehen.

Die mutmaßlich „Fortschrittlichkeit“ Europas rechtfertigte wiederum die koloniale Herrschaft, die Invasion in fremde Regionen, den Raub von Rohstoffen und die Ausbeutung der dortigen Bevölkerung zum Wohle und Nutzen der angeblich so zivilisierten Europäer. Völkerschauen wie auch Völkerkundemuseen, dazu die Völkerkunde als wissenschaftliche Disziplin, standen somit in einem symbiotischen Verhältnis zum Kolonialismus.

Hagenbeck mauert

Auch deshalb tut Aufarbeitung not. Während Museen und Wissenschaft zuletzt erste zaghafte Schritte zur Aufarbeitung ihrer Geschichte wagen, ist bei Hagenbeck nichts dergleichen zu sehen. Es scheint kein Unrechtsbewusstsein vorhanden. Dabei geht es nicht darum, die heutige Generation für das Verhalten ihrer Vorfahren verantwortlich zu machen, sondern sich dem Umgang mit diesem Erbe zu öffnen.

Eine dunkle Vergangenheit vergeht schließlich nicht dadurch, dass man die Augen schließt. Man erschwert damit die Aufarbeitung des kolonialen Erbes insgesamt wie der Geschichte rassistischen Denkens und Handelns in Deutschland. Die von Hagenbeck propagierten stereotypen Darstellungen wirken weit über das Ende der letzten Völkerschau hinweg fort.

Versuche von unabhängiger Seite, etwa der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“, sich dieser Geschichte zuzuwenden (gern auch zusammen mit Hagenbeck), scheiterten. Statt den Kolonialismus und Rassismus der Hagenbeck‘schen Völkerschauen vorbehaltlos zu durchleuchten, wurde die Forschungsstelle inzwischen eingestellt. Die von ihr geplante und vorbereitete Ausstellung zu den Hamburger Menschenzoos wird es deshalb wohl nicht mehr geben.

Für die Aufarbeitung des Kolonialismus und der damit verbundenen rassistischen Traditionen, die bis heute wirksam sind, verheißt das nichts Gutes. Auch international wird diese Leerstelle in der Aufarbeitung bemerkt. Für Furore sorgte die Kritik des französischen Fußballweltmeisters von 1998, Christian Karembeu, dessen Urgroßvater Willy Karembeu in der letzten Völkerschau 1931 zur Schau gestellt worden war. Verständnis für die Haltung Hagenbecks hatte er keines.

Jürgen Zimmerer lehrt Globalgeschichte an der Universität Hamburg. Er leitete von 2015 bis 2025 die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“