„Im Grunde Mord“ im Zweites Deutsches Fernsehen: Im Schatten des Teutoburger Walds

Meistens sind Montage anstrengende Tage, das wissen alle, die dann zurück in die Arbeitswelt müssen. Von Jane Austen ist die Bemerkung überliefert: „Gesichtsausdruck am Montag: unsterblich müde.“

Ein netter Film, und sei’s ein Krimi von der Stange, könnte am Abend eines solchen Tages Freude machen. So mag die neue Reihe „Im Grunde Mord“ im ZDF entstanden sein, die jetzt mit „Blutsbande“ eröffnet wird. Sie spielt in Ostwestfalen, zelebriert die Weiten des Teutoburger Waldes, vermischt Privatleben und Kriminalfälle, auf dass sich beide animiert wie intelligent ergänzen mögen.

Schöner Plan, kann man dazu nur sagen, weil aus den guten Absichten in der Regie von Bruno Grass nichts als mittelmäßige Montagsware geworden ist. Vielleicht wurden einfach zu viele Erzählmodule zusammengeschmissen und haben sich gegenseitig blockiert. Die Landschaft allein kann das narrative Kuddelmuddel nicht auffangen. Zu unentschieden bleibt die Bildgestaltung von Nicolay Gutscher, ob die Natur nun hübsch oder bedrohlich sein soll, der Rest verflacht im braven Dokumentarstil.

Annika Lorenz (Philine Schmölzer) wird entführt.
Annika Lorenz (Philine Schmölzer) wird entführt.ZDF und Christine Schroeder

Einen Toten gibt es auch, einen jungen Mann, der von den Externsteinen nahe Detmold gesprungen ist. War es Mord, war es Selbstmord? Wer steckt dahinter? Zur Aufklärung hat die Staatsanwältin (Ann-Kathrin Kramer) die aus Detmold stammende Kommissarin Paula Schäfer aus Hamburg geholt. Deren Bruder Leon ist ebenfalls Kommissar und kümmert sich im Heimatort um den dementen Vater.

Verbindungen zur rechtsextremen Gruppe „Ahnenerbe“

Diese Konstellation ist nicht unkompliziert, und da die Schwester Leons Chefin und nicht sonderlich kollegial ist, brechen schnell Spannungen aus. Schließlich kriegen die beiden mit irgendwann doch vereinten Kräften heraus, dass der Tote Verbindungen zur rechtsextremen Gruppierung „Ahnenerbe“ hatte. Wird sie von einem regionalen Unternehmer unterstützt, der politische Ambitionen hat? Und was haben der Bergführer, der die Leiche gefunden hat, und seine Freundin damit zu tun?

Bis dahin ist die Geschichte nicht uninteressant, denn dass sich Neonazis auf dem Land ansiedeln und für Stimmungsmache in ihrem Sinn sorgen, ist bekannt. Warum wird allerdings nie erwähnt, dass die Externsteine bereits im Dritten Reich für die völkische Ideologie benutzt wurden und in diesem Sinne für rechtsextreme Kreise bis heute relevant sind? Und der Verein „Ahnenerbe“ vermutlich nach der gleichnamigen Forschungseinrichtung der SS benannt wurde?

Das unübersichtliche bis wirre Drehbuch von Stefan Rogall tippt zwar alle möglichen Themen an, entwickelt sie aber weder in die Tiefe noch in die Breite. Peinliche Momente werden leider auch nicht vermieden. So sieht man den Unternehmer, der mit vielen Gästen in einem teuren Lokal seinen Geburtstag feiert, wie er am Wirt vorbeigeht und quasi in dessen Vorgarten pinkelt. Sind die Toiletten defekt, oder konnte man sich beim ZDF ein bisschen urigen Männerhumor nicht verkneifen?

Mythische Gestalten mit Masken

Zwischendrin springen mythische Gestalten mit wilden Perchtenmasken durch den Wald und überfallen zum Beispiel die Kommissarin, die dann von ihrem Bruder gerettet wird. Hanna Plaß und Jakob Benkhofer geben sich Mühe, die Geschwister trotz aller Differenzen verwandt – blutsverwandt! – erscheinen zu lassen, kommen dabei jedoch über holzschnittartige Betulichkeit nicht hinaus. Bald wird überdies die Praxis einer Ärztin (Julika Jenkins) verwüstet, die Abtreibungen vornimmt. Sie lebt offenbar mit der Staatsanwältin zusammen, was nicht weiter ausgeführt wird.

DSGVO Platzhalter

Aus dieser Beziehung werden gewiss spätere Folgen Kapital schlagen, wie aus manch anderen Andeutungen zu entnehmen sein könnte, die hier aber, geheimnisvoll raunend, den Erzählfluss bremsen. Wahrscheinlich wird auch der demente Vater einmal einen großen Auftritt haben, wenn ihm etwas einfällt, was man ihm nicht mehr zutraut, und das beschädigte Familienidyll neue Facetten erhält.

Bemüht und übereifrig wird inhaltlich zwar alles Mögliche kredenzt, bloß fügt es sich nicht zusammen. Und alles wird mit derselben lauwarmen Temperatur aufgekocht, die jedes Aroma zermürbt: Das Konzept der Leere dominiert. „Ich spür da schon was“, gesteht am Anfang hingegen die Kassiererin bei den Externsteinen und meint die Magie des Ortes. Die gefrusteten Zuschauer daheim werden dieses Gefühl wohl kaum mit ihr teilen können, weder montags noch sonst wann.

Im Grunde Mord – Blutsbande läuft am Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

Source: faz.net