Im Griff jener Erdbeschleunigung: Bobfahren? Macht süchtig!
„Das nächste Mal fahre ich im Viererbob mit“, verspreche ich nach einer Besichtigung der ältesten Bobbahn der Welt in St. Moritz vollmundig und wiege mich dabei in der trügerischen Sicherheit, dass mein nächster Besuch im Engadin noch undatiert in ferner Zukunft liegt. Doch vor meiner Abfahrt ist zufällig ein Platz frei, und so finde ich mich am nächsten Tag mit weichen Knien an derselben Stelle wieder ein, um als Beifahrerin in nur 75 Sekunden den knapp 2000 Meter langen Eiskanal herunter zu sausen.
Die Bobbahn in St. Moritz ist die einzige Natureisbahn der Welt, eine Eisskulptur, die jeden Winter aus Wasser, Schnee und Kälte aufs Neue entsteht. Von St. Moritz bis nach Celerina gilt es, neunzehn Kurven zu nehmen, unter anderem die berüchtigte Horseshoe-Corner, die wie ein Hufeisen geformt ist und in der bis zu 5 g auf den Körper wirken, das Fünffache der Erdanziehungskraft. Wie sich diese abstrakte Zahl anfühlt, weiß ich nicht, denn in der Achterbahn, meiner einzigen Referenz, wirken nicht so starke Kräfte auf den Körper. Selbst Astronauten erfahren beim Raketenstart nur Beschleunigungen von 3 bis 4 g.

Als ich oben am Start stehe und meinen Helm in Empfang nehme, frage ich mich, was Menschen dazu treibt, sich in diesen Schlitten zu setzen, der aussieht wie eine technisch perfektionierte Seifenkiste. Während der menschliche Körper auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von 140 Kilometern pro Stunde von einer Karosserie aus Stahl umgeben ist, mit Sicherheitsgurten und Airbag geschützt wird, trennt den Bobfahrer bei demselben Tempo nur eine Schicht aus dünnem Kunststoff von der harten Eiswand. Muss man ein Hasardeur sein, um dort einzusteigen? Reizt es den Bobpiloten, die eigenen Grenzen auszutesten, so wie es bei Extrembergsteigern der Fall ist? Oder ist es der Rausch der Geschwindigkeit, der süchtig macht?
Angefangen hat dieser Sport ganz harmlos, als Freizeitspaß betuchter Engländer, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Winterurlaub im Engadin entdeckten und irgendwann ihre Schlitten mit einer Lenkung versahen. Heute dominieren deutsche Athleten das Bobfahren, die Piloten Francesco Friedrich und Johannes Lochner sind Kandidaten für eine Goldmedaille im Viererbob.
Auch mein Fahrer Reto Götschi war ein erfolgreicher Bobpilot: 1994 errang er bei den Olympischen Spielen in Lillehammer eine Silbermedaille im Zweierbob für die Schweiz, und 1997 wurde er auf dieser Bahn Weltmeister – sehr beruhigend. Beunruhigend ist dagegen, dass Bobfahren ein gefährlicher Sport ist. Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen, selbst bei erfahrenen Fahrern. Im Januar verlor ein amerikanischer Pilot beim Weltcup-Rennen auf dieser Bahn seine drei Anschieber und musste den Schlitten allein ins Ziel bringen.
Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen
Als ich in den Bob steige, blende ich diese Geschichten aus. Ich muss nicht selbst anschieben, sondern setze mich an die zweite Stelle hinter den Piloten und bin damit ausgelastet, meine Beine derart anzuwinkeln, dass vier Personen in der engen Fahrerkabine Platz finden. Ich bin erstaunt, wie spartanisch es im Inneren des Bobs aussieht; Sitze gibt es nicht, wir kauern eng aneinandergedrückt auf dem Boden. Dann ertönt das Startsignal, und wir fahren los. Ich versuche aufrecht zu sitzen, denn wenn der Kopf einmal unten sei, bekämen die meisten Bob-Novizen ihn nicht wieder hoch, sagt Götschi – zu stark seien die Kräfte, die auf ihn wirken.
Der Anfang ist langsam, fast schon gemächlich. Ich habe mir die Erfahrung als eine Art Achterbahnfahrt auf dem Eis ausgemalt, aber es ist ganz anders, weil nichts rattert. Es ist auch kein Knirschen der Kufen zu vernehmen wie beim Schlittenfahren, denn der Bob gleitet auf einem Wasserfilm über das Eis hinweg. Auch das flaue Gefühl in der Magengrube bleibt aus, denn einen freien Fall wie auf dem Jahrmarkt gibt es nicht. Dafür haben Kräfte den Körper im Griff, die ich vorher noch nie gespürt habe. In den Kurven wird der Kopf im Helm nach links und rechts geschleudert, und in der Hufeisenkurve habe ich den Eindruck, von einer unsichtbaren Riesenhand tief nach unten in den Sitz gedrückt zu werden.
So fühlt es sich also an, wenn das Fünffache der Erdanziehungskraft auf den Körper wirkt. Gleichzeitig ist die Fahrt so rasant wie nichts, was ich jemals erlebt habe, der Körper ist voller Adrenalin. Ich vertraue dem Piloten des Bobs wie dem eines Verkehrsflugzeugs und gebe mich der Geschwindigkeit hin. Die 75 Sekunden sind wie ein Rausch. Nach der Fahrt bin ich erleichtert, glücklich, dankbar, beschwingt und möchte die Welt umarmen. Und eine Antwort auf die Frage, warum sich Menschen in schmalen Kunststoffkisten einen Eiskanal herunterstürzen, habe ich auch gefunden. Es macht süchtig. Wer es einmal probiert hat, will es immer wieder erleben.
Source: faz.net