Im Gespräch | Protest-Rapper Säye Skye: „Wir wollen verknüpfen freien Iran sehen“

Ein Song reichte aus: Nach der Veröffentlichung seines ersten Tracks überhaupt floh der iranische Rapper Säye Skye 2010 aus dem Iran erst in die Türkei und später nach Kanada. Heute ist er als Musiker, Produzent und Aktivist für die iranische Freiheitsbewegung aktiv – und sieht Hip-Hop als Werkzeug, um kritische Diskurse in der Gesellschaft seiner Heimat anzustoßen.

der Freitag: Säye Skye, Sie mussten als Teenager aus dem Iran flüchten. Warum?

Säye Skye: Ich erkannte früh, dass ich das System nicht verändern kann. Im Alter von sieben Jahren schrieb ich Gedichte. Als Teenager veröffentlichte ich unter Pseudonym eine Kolumne für eine Tageszeitung, die aber immer stark zensiert wurde. Später wurde mir klar, dass Rap die richtige Ausdrucksform für mich ist.

Als ich in der Mittelstufe war, rappte ich scherzhaft Koranverse. Als Mahmud Ahmadinedschad erklärte, es gebe keine Homosexuellen im Iran, musste ich der Welt zeigen, dass wir sehr wohl existieren. Ich veröffentlichte meinen allerersten Song, nichts ahnend, dass er mein Leben für immer verändern würde.

Was ist passiert?

Ich gab Interviews für internationale Medien. Bald wurde mein Telefon abgehört. Ich versteckte mich bei Freunden, während das Haus meiner Familie durchsucht wurde. Mir wurde klar: Ich muss fliehen. Mir wurde der Vorwurf der „Kriegsführung gegen Gott“ gemacht, worauf die Todesstrafe steht.

Nur weil ich auf die Existenz und die Rechte von LGBTQ+-Personen aufmerksam gemacht hatte. Ich floh in die Türkei, aber auch dort war ich nicht sicher. Es gab den Versuch, mich zu entführen. Sobald mein Antrag auf Asyl genehmigt wurde, flüchtete ich weiter nach Kanada.

Sind Sie weiterhin politisch aktiv?

Mir ist wichtig, Aufmerksamkeit für den Kampf der Iraner:innen zu schaffen. Das ist unsere Pflicht als Diaspora, wenn wir eines Tages einen freien Iran sehen wollen. Ich fahre in kleine und große Städte, in unterschiedliche Länder, um für Unterstützung für die iranische Bevölkerung zu werben.

Den Menschen im Land wird aktuell unaussprechliche Gewalt angetan, die Leichen von Frauen werden nicht herausgegeben, um Spuren von sexualisierter Gewalt zu verwischen. Die iranische Bevölkerung braucht gerade internationale Solidarität. Mehr denn je.

Sie beschreiben Ihre Kunst als einen Weg, kritisches Denken zu verbreiten und ein Spiegel für die Gesellschaft zu sein. Wie meinen Sie das?

Im Iran ist Kunst ein Weg, unsere unterdrückten Gefühle und Gedanken auszudrücken. In einer Gesellschaft, die von Zensur und Kontrolle geprägt ist, sind Formen künstlerischen Ausdrucks das Medium, durch das man mit Gleichgesinnten zusammenkommt.

Und gerade Hip-Hop eignet sich dafür gut: Menschen, die unterdrückt werden, haben vielleicht nicht immer die Kapazitäten für theoretische Traktate. Aber vielleicht für einen Track von zwei, drei Minuten. Hip-Hop war für mich ein Weg, mich gleichzeitig mit den Fragen auseinanderzusetzen, die ich mein Leben lang hatte.

Warum können wir keine freie Gesellschaft haben? Warum können wir kein Leben ohne Drohungen führen? Warum können wir unsere Gedanken und Wünsche nur flüstern?

Säye Skye

Was sind das für Fragen, die Sie sich stellen?

Warum können wir keine freie Gesellschaft haben? Warum können wir kein Leben ohne Drohungen führen? Warum können wir unsere Gedanken und Wünsche nur flüstern? Warum werden wir umgebracht, warum sollen wir ausgelöscht werden? Man muss immer ein Doppelleben führen: eins für die Öffentlichkeit und Autoritäten, und eins im Privaten für sich, damit man für so lächerliche Gründe wie Konsum von Alkohol oder die Ablehnung des Hijab nicht in Schwierigkeiten kommt.

Oder weil man fragt, wohin das Geld im Land geht und warum der Iran in so viele regionale Konflikte involviert ist. Ein iranischer X-Nutzer wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, weil er auf einen Tweet des Obersten Führers Khamenei mit einem Punkt geantwortet hat. Nichts weiter – nur ein Punkt. Mein ganzes Leben war ich diesem Regime gegenüber kritisch, das nun schon seit 47 Jahren den Iran besetzt.

Warum sprechen Sie von Besetzung? Immerhin ist die Islamische Republik die Folge einer populären, von breiten Teilen der Bevölkerung getragenen Revolution.

Ich nutze diesen Begriff, weil es diesem Regime darum geht, iranische Kultur und die unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu kontrollieren, zu zerstören und auszulöschen. Ethnische Minderheiten wie etwa Kurden und Belutschen sind von Völkermord bedroht.

Wir alle haben unsere Heimat verloren. Man sollte nicht vergessen, dass Khomeini im Westen unterstützt und finanziert wurde. Natürlich standen Teile der Bevölkerung gegen das vorherige Regime, aber die Revolution wurde gekapert und hat zu einem anderen Ergebnis geführt als ursprünglich intendiert.

Mittlerweile hat sich das jetzige Regime vollends von der Bevölkerung abgekoppelt, angefangen von der systematischen Ausbeutung der Arbeiterschaft bis hin zur Umleitung der Ressourcen des Landes in ideologische Projekte und ausländische Konflikte, während das Bildungssystem zusammenbricht, Arbeitslosigkeit grassiert, die Inflation bei rund 80 Prozent liegt und jede Form von kritischem Denken – einschließlich Kunst, insbesondere Hip-Hop – angegriffen wird.

Aber es gab zumindest zwischenzeitlich auch Rapper, die im Iran offiziell wirken durften.

Das iranische Regime ist sehr gut darin, sich an aktuelle Gegebenheiten anzupassen und neue Medien und Technologien als Propagandamittel für sich zu nutzen. Khomeini hat zum Beispiel seine Reden als Kassetten veröffentlicht, die sich weitverbreiteten. Heute investiert der Regierungsapparat auch in Rapper. Diese Künstler sind für die Islamische Republik allerdings unbedeutend. Sobald sie dem System nicht mehr dienlich sind, kann man sich ihrer entledigen.

Für das Regime ist nichts wichtiger als die eigene Ideologie. Es benutzt Menschen für seine Zwecke und wird sie los, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben

Säye Skye

Aktuell ist der Rapper Tataloo, der vor einigen Jahren das iranische Atomprogramm mit Songs unterstützte, von der Todesstrafe bedroht.

Für das Regime ist nichts wichtiger als die eigene Ideologie. Es benutzt Menschen für seine Zwecke und wird sie los, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben.

Aber gleichzeitig können wir seit der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung sehen, dass Hip-Hop auch ein Mittel zur Organisation von Widerstand im Iran geworden ist.

Die Bewegung damals hat bei vielen Künstler:innen ein politisches Erwachen angestoßen. Niemand konnte mitanschauen, wie Frauen und Jugendliche auf die Straße gingen, für ihre Rechte demonstrierten und dafür ermordet wurden. Wer könnte da still bleiben?

Bei den derzeit stattfindenden Demonstrationen in der Diaspora sind viele Künstler:innen vorne dabei. Die jungen Menschen, die im Iran auf die Straße gehen, hören deren Musik, und das erzeugt ein grenzübergreifendes Gefühl von Verbundenheit.

Wie schauen Sie heute auf die Proteste?

Seit Beginn des aktuellen Aufstands habe ich jede Nacht Albträume. Während ich versuche, die Stimmen aus dem Inneren des Landes, aus den entlegensten Ecken, hörbar zu machen, ist die Menge an schrecklichen Bildern, die ich aus der Ferne konsumiere, kaum in Worte zu fassen.

Das teile ich öffentlich, damit man nachvollziehen kann, was die Menschen erleiden, die den Verbrechen des Regimes ausgesetzt sind. Wir sehen aber nur das, was viral geht. Gleichzeitig ist der Iran vier Wochen lang in digitaler Dunkelheit versunken. Die Nation trauert – in jeder Straße. Es gibt überall junge, tote Menschen. Deren Mütter schreien auf den Balkonen vor Schmerz und ihre Väter erleiden Herzinfarkte, weil sie ihre Liebsten verloren haben.

Tausende wurden getötet. Die Familien der Ermordeten werden gezwungen, bis zu 3.000 Dollar zu bezahlen, um die Leichen ihrer Angehörigen zurückzubekommen. Ich bin Künstler, aber an erster Stelle bin ich Mensch. Der Iran braucht Unterstützung. Nicht diese Stille. Jetzt ist die Zeit zu handeln.

Säye Skye wuchs in Teheran auf, lebt heute in Kanada und arbeitete in jungen Jahren als Journalist. 2009 veröffentlichte er seinen Song Säye Yek Zane Irani (Der Schatten einer iranischen Frau), wegen dem er in Konflikt mit der iranischen Regierung geriet