Im Gespräch | Kathleen Reinhardt zur Venedig-Biennale: „Der Osten ist kein ‚weißer‘ Raum“
Alle zwei Jahre eröffnet die Kunstbiennale in Venedig, eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Wer im Deutschen Pavillon ausstellt, steht im Fokus der nationalen wie internationalen Aufmerksamkeit. 1938 im Auftrag Hitlers umgebaut und danach kaum verändert, ist jede Ausstellung in diesem Gebäude auch ein Kommentar zu deutscher Geschichte und Identität. Kathleen Reinhardt, Direktorin des Georg Kolbe Museums in Berlin, wurde 2025 zur Kuratorin des Pavillons ernannt, im Mai ist die Eröffnung. Reinhardt ist die erste Ostdeutsche in dieser Funktion und wird mit Henrike Naumann und Sung Tieu auch zwei ostdeutsche Künstlerinnen ausstellen.
der Freitag: Frau Reinhardt, in den Vorberichten zum Deutschen Pavillon wird gerne von den „drei jungen ostdeutschen Frauen“ für Venedig gesprochen. Wie nehmen Sie das wahr?
Kathleen Reinhardt: Wir haben in beiden Pressemitteilungen zu Venedig das Wort „Ostdeutschland“ sehr bewusst nicht benutzt. Henrike setzt immer „(DDR)“ hinter ihren Geburtsort Zwickau. Das war der einzige Verweis. Für uns war es interessant, zu sehen, wie die Presse die Ankündigungen aufgenommen und weiter interpretiert hat. Ich wurde in den Interviews bisher fast ausschließlich zu Ostdeutschland befragt, aber kaum zur Kunst. Für mich stand eine ganz andere Frage am Beginn: Welche künstlerischen Positionen können 2026 einen Zeitgeist erfassen?
Warum haben Sie sich für Sung Tieu und Henrike Naumann entschieden?
Eine Leitfrage war, wie man auf der Biennale in diesen extrem politischen Zeiten das Nationale miterzählen kann und trotzdem etwas Neues erzählt. Das tun beide. Seit dem Umbau durch Hitler hat sich das Gebäude kaum verändert. Auf künstlerischer Seite wurde immer wieder mit der Geschichte des Pavillons gearbeitet. Auch ich arbeite gern mit der Geschichte von Orten und Institutionen, um die heutigen Fragen zu verhandeln. Beide Künstlerinnen begreifen Geschichte als formbares Material. Und beide sind durch den Ansatz ihrer künstlerischen Forschung für mich spannend.
Vor zwei Jahren haben Yael Bartana und Ersan Mondtag den Deutschen Pavillon bespielt. Zwei starke Positionen, die aber auch um die Aufmerksamkeit kämpften. Besteht dieses Risiko nicht wieder?
Mir ist wichtig, dass es nicht nur eine Ost-Position gibt, die für alle sprechen muss. Das ist immer die große Gefahr! Wir müssen aus der Reduktion „der Osten“ und „die Ostdeutschen“ herauskommen. Beide Künstlerinnen können uns von einem Osten erzählen, der unterschiedliche Perspektiven und Protagonist*innen hat. Wo die Generationen sehr unterschiedlich denken. Der Osten ist kein monolithischer weißer Raum, sondern war auch schon zu DDR-Zeiten international geprägt, was ich mit vielen Ausstellungs- und Forschungsprojekten gezeigt habe. Das liegt mir wirklich am Herzen: dass wir durch migrantische und postmigrantische Stimmen eine erweiterte Definition dessen haben, was das Leben in Deutschland heute ausmacht, wie es für alle gestaltet werden kann und muss. Auch als Kontrast gegenüber dem, was wir politisch gerade oft erleben. Es gibt so viele wichtige Perspektiven, mit denen wir unsere Demokratie multiperspektivisch gestalten können, sei es deutsch-deutsch oder vietnamesisch-deutsch wie nun für den Deutschen Pavillon.
Tieu und Naumann sind beide in den 1980ern geboren. Hatten Sie überlegt, eine ältere Ost-Position einzubeziehen und so ein Statement zur deutsch-deutschen Kunstgeschichte zu machen?
Diese Frage ist mir natürlich durch den Kopf gegangen. Man hat in Venedig eigentlich nur zwei Optionen: Man macht eine Retrospektive und zeigt, was schon längst hätten gezeigt werden müssen. Oder man zeigt jüngere Positionen. Für mich ist es wichtig, Kunst zu zeigen, die mit einem absoluten Gegenwartsvokabular spricht.
Welche Werke von Tieu und Naumann haben Sie besonders beeindruckt?
Für eine Ausstellung in den KW in Berlin hat Sung Tieu 2025 eine konzeptuelle Arbeit entwickelt: Eine Mitgliedschaft im Trägerverein kostet 5.000 Euro. Sie wollte ihn diverser machen. Der Verkauf ihres Werks Declaration of Donation finanziert nun eine fünfjährige Mitgliedschaft für die chinesische Kuratorin und Theoretikerin Mi You. Sung übt damit Kritik und greift zugleich in die Realität ein. Henrikes Beitrag für die Kiew-Biennale 2023 hat mich sehr bewegt. Sie ist mit dem Flix-Bus direkt in den Krieg gefahren und hat in einem Theaterbau der Ostmoderne in Iwano-Frankiwsk eine Performance realisiert. Die bezieht sich auch auf die britische Band The Prodigy, die 1995 in Belgrad ihren ikonischen Hit Firestarter zum ersten Mal spielte – in den letzten Wochen des Bosnienkriegs. Durch ästhetische und popgeschichtliche Versatzstücke schafft Henrike für eine nächste Generation oft Ankerpunkte, die ihre Werke auch emotional sehr zugänglich machen.
Tim Sommer, Chefredakteur des Kunstmagazins „art“, selbst Ostdeutscher, schrieb, es gelte abzuwarten, ob das Ergebnis „Wege aus der identitätspolitischen Trichterfalle bietet“. Tatsächlich scheinen Herkunft und Identität von Künstlerinnen manchmal wichtiger zu sein als die Kunst selbst.
Das ist genau der Punkt: Diese „identitätspolitische Trichterfalle“ ist nicht von uns aufgestellt worden. Ich kenne das aus meinen Forschungen zu „post-black art“ und aus der Zusammenarbeit mit Schwarzen Künstlerinnen: Die Reduktion auf Identität ist ein großes Problem, weil erwartet wird, dass sich eine Schwarze Künstlerin durchweg politisch äußern muss. Wir zeigen Kunst! Das ist keine Gesellschaftswissenschaft, die erklärt, wie die Ostdeutschen funktionieren. Auch Sung Tieu und Henrike Naumann werden der Welt nicht erklären, warum rechts gewählt wird. Aber die beiden helfen dabei, zu verstehen, dass ostdeutsche Perspektiven ein wichtiger Erfahrungsschatz sind, der universelle Themen beinhaltet, die relevant für uns jetzt wie für die Zukunft sind.
Welche universellen Themen meinen Sie?
Im Osten ist die Ambiguitätstoleranz recht hoch – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten, ohne sie vorschnell auflösen zu müssen. Man begegnet mehr Menschen, mit denen man nicht einer Meinung ist, mit denen man aber dennoch in Kontakt bleiben möchte. Und natürlich ist der Osten noch immer geprägt von den Folgen der Wiedervereinigung und der Transformationsprozesse. Ein großer Teil der Bevölkerung hat sich damals auf extrem unsicherem Terrain bewegt. Vieles wird oft nicht miterzählt. Allein der unglaubliche Mut, der von künstlerisch-intellektuellen Kreisen ausgegangen ist, um einen Wandel anzustoßen, bei aller Gefahr, der man ausgesetzt war.
Sie sind in den 1980er Jahren in Thüringen geboren und im Alter von zehn Jahren nach Bayern gezogen. Wie hat diese Sozialisation Ihren Blick auf Kunst und Gesellschaft geprägt?
Ich habe dadurch vielleicht einen doppelten Blick auf die deutsche Gesellschaft. Allein wir drei waren und sind mit ganz unterschiedlichen ostdeutschen Realitäten konfrontiert: Henrike ist in Ostdeutschland, in Zwickau, aufgewachsen und hat die 1990er und 2000er Jahre dort durchlebt. Sung wurde 1987 in Vietnam geboren, emigrierte 1992 mit ihrer Mutter nach Deutschland. Ihr Vater war bereits seit ihrer Geburt als vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR-Stahlindustrie tätig. Zu der Unsicherheit im Aufenthaltsstatus, mit der die ostdeutschen vietnamesischen Communitys in den 1990er Jahren umgehen mussten, kam auch extreme rechte Gewalt. Ich war wiederum Teil der 30 Prozent, die weggegangen sind. In den 1990er Jahren bin ich im Westen nicht gerade freudig aufgenommen worden. Wir waren die Ostdeutschen, die nicht wissen, wie man arbeitet, und jetzt in Bayern profitieren wollen.
Verstehen Sie sich heute als Ostdeutsche?
Ich würde es weder bejahen noch verneinen. Dieses Dazwischen ist ein wichtiger Teil meines Blicks, meiner Lebensrealität und meines Weges. Mit einem ostdeutschen Arbeiterhintergrund in die nichtkommerzielle Kunstwelt einzusteigen, ist nicht selbstverständlich. Ich würde mir aber wünschen, dass es das wird. Deshalb ist es auch ein schmaler Grat, was die Wahrnehmung unserer Präsenz auf diesem Olymp der internationalen Kunstwelt betrifft, nach dem Motto: „Schau dir die drei an: Kommen aus dem Osten und aus Vietnam und haben es trotzdem geschafft! Ist doch in den 1990er Jahren alles gut gelaufen!“ Gleichzeitig gab es viele berührende Reaktionen: Mir schreiben ganz junge Leute aus dem Osten, die am Anfang ihrer Kulturkarriere stehen, genauso wie 60-jährige Frauen, die nichts mit Kunst zu tun haben, wie viel ihnen die ostdeutsche Repräsentanz in Venedig bedeutet. Und international wird der andere Blick, der durch uns auf deutsche Themen eröffnet wird, sehr geschätzt.
Was hat Sie zur Kunst gebracht?
Meine Familie war nicht besonders kunst- und kulturaffin. Ich habe während meines Studiums der Literatur- und Kulturwissenschaften ein Praktikum in der Peggy-Guggenheim-Sammlung in Venedig gemacht. Für mich ist das nun ein Full-Circle-Moment, weil ich dort 2006 die Kunst für mich entdeckt habe.
Wenn Sie an der Kunstwelt etwas ändern könnten, was wäre das?
Die Kunstwelt an sich gibt es ja nicht. Ich arbeite in einem nichtkommerziellen Museum, das von der öffentlichen Hand grundfinanziert wird. Im Georg Kolbe Museum haben wir, wie alle in Berlin, große Kürzungen, die nun durch Womenpower ausgeglichen werden sollen. Ich wünsche mir, dass die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und Kultur besser wahrgenommen wird. Kunstorte sind Begegnungsorte, Orte der Konzentration, aber auch der Aushandlung, an denen wir sehen können, wie die Welt ist, wie sie aber auch ganz anders sein kann. Eine lebendige Demokratie kann es sich gar nicht leisten, dort zu sparen, sondern müsste darin investieren.
Kathleen Reinhardt ist Direktorin des Georg Kolbe Museums Berlin, zuvor war sie Kuratorin am Albertinum Dresden, wo sie u. a. das Projekt Revolutionary Romances? Globale Kunstgeschichten in der DDR initiierte. An der FU Berlin promovierte sie über afroamerikanische Kunst.
Henrike Naumann nutzt oft postmoderne Designobjekte aus den 1980ern und 1990ern und schafft damit Installationen, die historische Kontinuitäten und gesellschaftliche Brüche sichtbar machen. Sie thematisierte so etwa schon den NSU.
Sung Tieu arbeitet mit Installationen, Skulptur, Video, Sound und Zeichnung und setzt sich mit Migration, Bürokratie und insbesondere der Realität von vietnamesischen Vertragsarbeitenden in der DDR und der Diaspora auseinander