Im Gespräch | Jana Hensel zum AfD-Aufstieg: „Der Osten kippt. Und jener Westen will dasjenige nicht sehen“

Das Café in Prenzlauer Berg, unser Treffpunkt, hat zu. „Dann gehen wir in meine Küche“, sagt Jana Hensel, hell und geräumig ist sie, an der Wand hängt eine russische Grammatiktafel aus Schulzeiten. Jana Hensel wurde in Leipzig geboren, Ende der 90er-Jahre zog sie nach Berlin. Sie war stellvertretende Chefredakteurin des Freitag, weil wir Kolleginnen waren, duzen wir uns. Hensels neues Buch Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet ist gerade im Aufbau-Verlag erschienen.

der Freitag: Jana, dein neues Buch „Es war einmal ein Land“ hat mich überrascht. Du hast schon so oft den Osten erklärt. War noch nicht alles gesagt?

Jana Hensel: Ich habe mich in der letzten Zeit mit Bundespolitik und den Grünen beschäftigt, ehrlicherweise aus einem Fluchtimpuls heraus, weil mich Ostdeutschland und das AfD-Thema nicht so interessiert haben. Als ich dann in den Tagen nach der Bundestagswahl 2025 auf diese blau gefärbte Karte schauen musste und sah, dass so gut wie alle Wahlkreise an die AfD gefallen waren, hatte ich ein Schockerlebnis. Es waren nicht nur das Erzgebirge und Südthüringen, sondern auch halb Leipzig. Es gab – neben Potsdam und Erfurt – nur einen kleinen linksparteiroten Fleck im Leipziger Süden, dort, wo ich aufgewachsen bin. Und da wusste ich: Die Leute gehen jetzt. Die vertrauen diesem Land und der Demokratie nicht mehr. Aber was da im Osten passiert war, darüber wurde nach der Wahl kaum diskutiert.

Dieses Wahlergebnis war eine deutliche Botschaft.

Die Leute sagten: „Es reicht. Wir machen nicht mehr mit. It’s over.“ Und ich hatte dadurch einen konkreten Anlass, um noch mal vom Osten erzählen zu können. Ich führte in den Tagen danach ein Interview mit Bundestagsabgeordneten, die ihre Mandate verloren hatten, das waren Mario Czaja aus Berlin-Marzahn und Detlef Müller, ein ehemaliger Lokführer aus Chemnitz. Sie beide erzählten mir, dass die AfD-Kandidaten in ihrem Wahlkreis gewonnen hatten, obwohl sie an keiner einzigen Wahlkampfveranstaltung teilgenommen hatten. Die waren gar nicht anwesend und haben trotzdem die Wahlkreise für sich geholt. Das zeigte mir, dass wir es nicht mehr mit einem nur politischen Phänomen zu tun haben. Sondern mit viel mehr.

Du nennst das im Buch eine „Drift“, die Züge eines Umsturzes trägt.

Ja, Wahlentscheidungen scheinen ja nicht mehr an konkreten Personen und kaum mehr an politischen Programmen zu liegen. Der Weg nach rechts ist ein langer und setzte viele Jahre vor 2015 ein. Deshalb wusste ich, dass ich die ostdeutsche Geschichte noch einmal von vorn erzählen, bis in das Jahr 1990 zurückgehen muss. Diese Anfangsjahre erlangen jetzt, durch die heraufziehende Tragödie, durchaus neue Relevanz.

Du erklärst diese Entfremdung auch mit der Enttäuschung über Gerhard Schröder. Mir war nicht klar, wie viele Ostdeutsche auf ihn gesetzt hatten.

Das ist wohl eine der entscheidenden Erkenntnisse meines Buchs: der Abschied eines Teils der Ostdeutschen von der Demokratie beginnt schon im Jahr 2005, also zehn Jahre früher, als wir glauben. 2015 dann wird dieser Abschied durch die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel sichtbar. Aber der Frust hatte sich schon lange zuvor angestaut.

Das Auftauchen der AfD sei für die Erklärung des Rechtsrucks nicht entscheidend, sagst du.

Genau, entscheidend sind die zehn Jahre davor, die Post-Hartz-Jahre. Mit der Einführung der Hartz-Reformen 2005 brach die Angleichung zwischen Ost und West ab. Die Arbeitslosenzahlen gingen auf der Oberfläche zwar zurück, aber die durchschnittlichen Löhne stagnierten. Der auf einem ohnehin hohen Niveau existierende Niedriglohnsektor wuchs noch einmal an. Im Jahr 2008 erreichte er einen Wert von 37 Prozent – 17 Prozentpunkte höher als im Westen. Die ostdeutsche Gesellschaft prekarisierte sich in spürbaren Anteilen. Die SPD rauschte in den Keller und verlor mehr Zustimmung als die Kohl-CDU in den 90er-Jahren. Ich habe dennoch keine Aufarbeitung dieser Jahre aus sozialdemokratischer Perspektive gefunden.

Als die Ostdeutschen noch links standen, sind sie nicht in die politische Mitte vorgedrungen. Jetzt kommen sie von rechts

Die Ostdeutschen wurden immer wieder enttäuscht, erst Helmut Kohls nicht eingelöstes Versprechen von den „blühenden Landschaften“, dann Gerhard Schröder und die Agenda 2010. Aber kann man so die Radikalisierung erklären?

Im heute so sichtbaren Abschied der Ostdeutschen von der Demokratie fließen zwei Bewegungen ineinander. Die langfristige Entwicklung von 1990 und die kurzfristige seit 2015. Seither stapeln sich die Krisen derart, dass die Gesellschaft enorm unter Druck geraten ist. Gerade eine prekärere, überalterte und mental an der Peripherie des Landes siedelnde Gesellschaft wie die ostdeutsche noch einmal stärker. Man kann diesen Rechtsruck nicht erklären, wenn man nur auf die jüngste Vergangenheit schaut. Bis ins Jahr 2013 nämlich versuchen die Ostdeutschen, das Land von links zu verändern, sie wählen im Schnitt mehr als zehn Prozent stärker linke Parteien als im Westen – und greifen damit natürlich auch auf eigene Sozialisationen zurück. Aber wie werden sie damals wahrgenommen? Als Jammerossis, Ewiggestrige, Ostalgiker. Als die Ostdeutschen noch links standen, sind sie nicht in die politische Mitte vorgedrungen. Jetzt kommen sie von rechts und erleben wieder Ausschlusserfahrungen. Aus anderen, politisch sehr nachvollziehbaren Gründen, aber die Erfahrung bleibt gleich. Die häufig triviale Erzählung, der Osten habe zwei Diktaturen erlebt und eine autoritäre Deformation, die ist den Fakten nach nicht zu halten.

Angela Merkel konnte das Land, Ost und West, trotz aller Krisen klammern.

Das ist eine Erfolgsgeschichte, die die nach 2005 einsetzende Driftbewegung überdeckt. Merkel konnte große Teile der ostdeutschen Gesellschaft an dieses Land binden, sie hat Ruhe und Stabilität vermittelt. Ich gehörte auch dazu. Wie groß ihre Leistung war, erkennen wir erst heute. Die Drift setzt erst dann entscheidend ein, nachdem es in der Bundesregierung keine prominenten Ostdeutschen mehr gibt. Der Osten treibt auch weg, weil er keine personellen Anker mehr im politischen Raum hat.

Die Ostler hatten – anders als der Westen – zwei Krisenjahrzehnte in den Knochen, zu viele Krisen in kurzer Zeit.

Das hat sie nach 2015 in Teilen überfordert. Das müssen wir uns eingestehen, selbst wenn man Merkels Flüchtlingspolitik damals richtig fand.

Du hast für deine Recherchen auch AfD-Chef Tino Chrupalla in Weißwasser getroffen. Du bist ihm offen, neugierig begegnet. Das fand ich interessant. Er habe „Arbeiterhände“, schreibst du.

Das war für mich kein leichter Schritt, Tino Chrupalla oder auch Maximilian Krah zu treffen, weil mich politisch von beiden alles trennt. Aber ich wollte mir ihre biografischen Wege anschauen und lasse sie auf einer persönlichen Ebene an mich heran. Wir sind eine Generation – Chrupalla ist ein Jahr älter als ich, Krah ein Jahr jünger. Wir teilen Erfahrungen aus der Nachwendezeit, wo viele Träume geplatzt sind, wie die von Kleinunternehmern. Tino Chrupalla ist Maler und Lackierer gewesen, als Unternehmer war er nicht erfolgreich. Damit steht sein Lebensweg exemplarisch für Teile der ostdeutschen Gesellschaft. Chrupalla hat einst Gerhard Schröder gewählt, wie sehr viele andere Ostdeutsche auch. Ich fragte ihn: „Haben Sie auch Angela Merkel gewählt?“ Und er rief: „Ja, natürlich!“

Der Osten ist Vorreiter für das, was auch im Westen passiert, auch da wird die AfD stärker. Was ist spezifisch ostdeutsch an den rechten Wählern?

Es handelt sich bei vielen um enttäuschte, sich immer stärker radikalisierende Ex-Demokraten. Aber unser Blick auf sie ist oft ein abwertender. Damit lassen sich Menschen in ihren Biografien und Widersprüchen aber nicht greifen. Diese häufig einsetzende maximale Distanzierung versuche ich aufzuweichen.

Die westdeutsche Linke hat sich lange nicht für die Ostdeutschen interessiert. Woran liegt das?

Weil sie selbst zu stark mit ihrer Abwendung vom gescheiterten Staatssozialismus beschäftigt war, grob gesagt. Oft blieb dann nur der Vorwurf übrig, in der DDR hätte es keine 68er-Bewegung gegeben. Mit 1968 jedoch verbindet Osteuropa ein anderes Datum: der Einmarsch der Sowjets in Prag zur Niederschlagung des Prager Frühlings. Letztlich haben vor allem Linke in Ost und West stets aneinander vorbeigeredet.

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Der Osten hatte dem Westen gegenüber einen großen Emanzipationsvorsprung, der von der westdeutschen Linken nie anerkannt wurde. Warum eigentlich?

Die DDR war fraglos eine Diktatur und eine unfreie Gesellschaft. Aber gesellschaftspolitisch war der Osten 1990 die fortschrittlichere Formation. Diesen Widerspruch halten viele nicht aus. Das Geschlechterverhältnis war egalitärer, die Partizipation der Frauen am Arbeitsmarkt höher, das Familienbild liberaler, weil der Einfluss von Religion praktisch nicht existierte. Dass die Ostdeutschen 1990 so stark für Kohl und die Einheit votierten, stieß die westdeutsche Linke ab. Sie sind eigentlich bis heute nie ein politischer Allianzpartner geworden. Ein maßgeblicher Grund, warum viele Ostdeutsche heute so weit rechts stehen. Die Rechte hat den Osten immer als Sehnsuchtsraum angerufen.

Ostdeutsche brauchen Krisen, um wahrgenommen zu werden. Die Flüchtlingskrise war ein Anlass und ein Ventil

Du warst auch in Schwerin, bei Manuela Schwesig, Regierungschefin von Mecklenburg-Vorpommern, oder bei Katja Wolf vom BSW in Thüringen. Man merkt, wie tief beide die Umbruchjahre noch prägen.

Sie leben in uns allen weiter. Es dauert nicht lange, bis die Leute von ihrer ostdeutschen Biografie, von der Wendezeit reden. Ich war Katja Wolf sehr dankbar, dass sie ihre Familiengeschichte erzählt. Ihre Eltern waren beide in der SED, mir ist das Milieu eher fremd. Aber sie berichtet sehr offen darüber, wie sie selbst mit den Zuschreibungen haderte. Ich glaube, sie spricht damit für viele.

Jede Gesellschaft braucht einen Gründungsmythos, sagte der Historiker Herfried Münkler. Und der Osten hat den nicht – „er war ein geborgter und lag schnell in Trümmern“, so schreibst du es.

Damit meine ich die Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit der frühen Neunziger. Schon Ende 1991 hatten fast drei Millionen Ostdeutsche ihren alten Arbeitsplatz verloren. Der Osten rutscht damit, wie Wolfgang Engler schreibt, in eine Bedarfsgemeinschaft: „Darin konnte man wenigstens umhergehen.“ Diese Erfahrungen schlummern noch immer in vielen. Mithin erzählt der heutige Rechtsruck auch die Geschichte einer gescheiterten Wiedervereinigung. In Merkels Amtszeit wächst dann die Vorstellung, die Sache mit dem Osten ist durch. Sie erscheint vielen als eine Erfolgsgeschichte. Erst durch die schnelle Abfolge immer neuer Krisen nach 2025 – Flüchtlingskrise, Corona, die Ukraine – merken wir, dass das ein Irrtum war.

Der Rechtsruck existiert aber nicht nur in Ostdeutschland, sondern in den USA, in Italien, Frankreich, Ungarn. Sie alle verbindet, dass Migranten als Sündenbock herhalten sollen.

Ich glaube, dass unter der Migrationsangst schon damals andere Probleme lagen. Der hohe Grad prekärer Beschäftigung. Auch, dass sich Teile der ostdeutschen Gesellschaft in diesem Land nicht gesehen gefühlt haben. Durch die Ausrufung der Willkommenskultur ist dann eine Konkurrenz zwischen den Gruppen entstanden. Wir hätten schon in den Jahren nach 2015 viel genauer hinschauen müssen, in welcher Verfassung sich der Osten befand – also jene rebellierenden Teile, die auf die Straße gingen.

Wie bei Pegida.

Ostdeutsche brauchen Krisen, um wahrgenommen zu werden. Die Flüchtlingskrise war ein Anlass und ein Ventil. Fortan wurde wieder in den Osten geschaut. Aber wir hätten viel stärker über soziale und ökonomische Fragen reden sollen, nicht bloß über Einstellungen. Eine solche Debatte begann erst dann, als die AfD beispielsweise bei den Kommunalwahlen in NRW plötzlich so stark wurde.

Richtest du dich mit deinem Buch auch an Friedrich Merz?

Ich glaube nicht, dass die CDU jene Fragen beantworten kann, die die ostdeutsche Gesellschaft aufwirft. Es sind im Kern noch immer linke Fragen: Gerechtigkeitsfragen, Umverteilungsfragen und Aufstiegsfragen. Sie werden nur nach rechts fehlgeleitet und missinterpretiert.

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Wie nimmst du den medialen und politischen Umgang mit der AfD wahr?

Wir schauen viel zu stark auf die Partei, die sich ständig radikalisiert und die viele Rechtsradikale in ihren Reihen hat, die ich für hochgefährlich halte. Sich von der Partei abzugrenzen ist richtig, mit den Wählerinnen und Wählern aber muss man unbedingt im Gespräch bleiben. Die politische Brandmauer steht noch, aber die gesellschaftliche Brandmauer scheint weitgehend erodiert. Ich sehe inzwischen eine stärker werdende Akzeptanz für die AfD, sogar leise Empathie. Natürlich wünsche ich mir alles andere als eine Regierungsbeteiligung dieser Partei. Aber die Gründe der Leute, die sie unterstützen, sind vielfältig. Die AfD ist so stark, weil sich zentrale Versprechen der Demokratie im Osten nicht eingelöst haben.

Die Wohlstandsfrage?

Ostdeutsche verdienen ungefähr 25 Prozent im Schnitt weniger als Westdeutsche, haben ein Drittel des Vermögens eines westdeutschen Durchschnitts. Daraus resultieren andere Sichtweisen. Deutschland wird insgesamt zu stark aus der Perspektive des wohlhabenderen Westens betrachtet und auch regiert. So entsteht das Gefühl, „die da oben“ regieren an der Wirklichkeit vorbei.

Aber die Unterschiede existieren.

Und wir müssen verkrustete Diskurse aufbrechen, auf blinde Flecken hinweisen. Wir haben eine Unterstützung von 35 bis 40 Prozent für diese Partei. Das sind nicht nur rechtsradikale Spinner auf Youtube-Videos. Das ist die ehemalige Mitte einer Gesellschaft, die enttäuscht ist.

Jana, es zog dich Ende der 1990er von Leipzig nach Berlin. Ziel war, im Westen anzukommen, das Ostdeutsche abzulegen. Kein leichtes Unterfangen.

Ich will das gar nicht loswerden. Ich interessiere mich für die ostdeutsche Gesellschaft und fühle mich den Menschen verbunden, selbst wenn sich große Teile von mir politisch so weit entfernt haben. Dadurch, dass ich 1989 auf die Straße gegangen bin, war meine Biografie von Anfang an mit der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung des Ostens verbunden. Ich schaue heute auf meine Leute und muss sagen, die Geschichte ist nicht gut ausgegangen. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Ich dachte damals, dass ich mit Angela Merkel wirklich in diesem Land angekommen bin. Dieses Gefühl ist weg

„Das Glas ist bei Ihnen immer halb leer“, sagte dir mal ein westdeutscher Journalist. Stimmt das?

Ich werde in diesem Jahr 50, bin selber in der Lebensmitte angekommen und frage mich schon, was diese traurige Entwicklung mit mir macht. Ich weiß noch, wie ich in den letzten Tagen von Merkels Amtszeit auf dem Balkon saß und in den Berliner Himmel schaute. Ich selbst fühlte mich in den Merkel-Jahren wirklich in diesem Land angekommen, war traurig, als sie aus dem Amt schied, und hatte Angst, dass damit etwas verloren geht.

Was ging mit Merkel verloren?

Ein positives Grundgefühl des In- der-Welt-Seins. Trotz dieser enormen Krisen hat die ostdeutsche Gesellschaft lange an eine bessere Zukunft geglaubt. Das ließ sie auch alle Krisen ertragen. Aber spätestens mit der Flüchtlingskrise war diese Hoffnung weg, auch ein Grund, dass sie jetzt politisch kollabiert. Gesellschaften können Krisen überstehen, aber sie brauchen die Verabredung auf eine bessere Zukunft. Das ist vorbei.

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Manuela Schwesig, SPD-Frau, die für ihre russlandfreundliche Politik kritisiert wurde, könnte dieses Jahr abgewählt werden. Welche ostdeutschen Integrationsfiguren gibt es überhaupt noch?

Viel zu wenige. Dietmar Woidke ist es in Brandenburg mit einer Entweder-ich-oder-das-Land-Kampagne noch mal gelungen, die Wahlen zu drehen. Für Sachsen-Anhalt wage ich zu bezweifeln, dass das noch mal funktioniert. Manuela Schwesig liegt in Mecklenburg-Vorpommern im Moment 10 Prozent hinter der AfD.

Ostdeutsches Wählerverhalten wird, zum Beispiel in der „Zeit“, mit dem „mentalen Erbe der DDR“ erklärt.

Davon halte ich nichts. Wir haben im ostdeutschen Diskurs Autoren wie Anne Raabe oder den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, die beide stark westdeutsche Vorurteilswelten bebildern. Dieser von ihnen angenommene verfestigte, autoritäre Charakter, der sich durch die beiden Diktaturen angeblich bis in die Gegenwart zieht, den gibt es nicht. Die Fakten widersprechen da. Das ist eine ideologische Konstruktion. Beide weichen den eigentlichen Problemen aus und arbeiten einer Mehrheitsgesellschaft zu, die die wesentlich komplexere ostdeutsche Realität gern verdrängt. Eigentlich schieben sie so die Ostdeutschen aus dem Diskurs heraus und verschließen ihn. Ich arbeite daran, Debatten zu öffnen, anschaulich, auf Fakten basierend, differenziert, Widersprüche zulassend.

Das Ost-West-Verhältnis hat bei dir kein Happy End.

Mein Buch beginnt nicht zufällig mit dem Satz: „Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.“ Wir können nichts mehr beschönigen. Der Osten kippt in eine andere gesellschaftliche und politische Realität, mit einer wahrscheinlichen Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt. Trotzdem will der Westen nicht sehen, dass ein Teil des Landes gerade geht.

Jana Hensel (geb. 1976) hat Romanistik und Neuere Deutsche Literatur in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris studiert. Seit mehr als 20 Jahren schreibt sie Essays, Reportagen und Interviews über Ostdeutschland, unter anderem mit Wolfgang Engler. Sie arbeitet als Autorin bei der Zeit