Im Gespräch | Eva von Redecker zum Rechtsruck: Der neue Faschismus lebt vom Phantombesitz
Woran erkennt man, dass eine Gesellschaft in den Faschismus abgleitet? Mit den zugrunde liegenden Dynamiken beschäftigt sich Eva von Redecker in ihrem neuen Buch Dieser Drang nach Härte.
An einem bewölkten Märztag treffen wir die Philosophin in einem Café im Berliner Stadtteil Neukölln. Im Zentrum ihrer Analyse steht, wie Eigentumskonzentration und Konkurrenzdruck autoritäre Entwicklungen befeuern. Während der Kiez erwacht, geht es bei einer Tasse Ingwertee um die Frage nach Auswegen.
der Freitag: Frau von Redecker, Sie sind auf einem Biobauernhof in Schleswig-Holstein aufgewachsen, leben aber nun seit 16 Jahren auf dem Brandenburger Land. Was haben Sie bei diesem Wechsel gelernt?
Ich war ja schon lange ein Landmensch– das geht nicht weg. In Brandenburg habe ich dann aber gesehen, wie tiefgreifend die Transformation der 1990er war. Das Gebiet der ehemaligen DDR ist heute in Europa die Region, in der Menschen den geringsten Anteil an Eigentum besitzen.
Gleichzeitig unterscheidet sich die politische Situation von Dorf zu Dorf – was auch mit den nach der Wende neu geordneten Besitzverhältnissen zusammenhängt. Bei uns herrscht ein anderer Flair als im Dorf von Juli Zeh.
Die Autorin Juli Zeh erzählte, dass in ihrem brandenburgischen Dorf viele aus Politikverdrossenheit rechts wählen. Wie verlaufen bei Ihnen in der Gegend die Diskussionen – und wo gibt es Grenzen?
Neulich hat mich im Supermarkt jemand angesprochen und gefragt, ob ich Wahlwerbung für den „Dritten Weg“, eine Neonazi-Partei, haben möchte. Da geht man mulmig aus dem Geschäft und prüft zweimal, ob die Person sieht, in welches Auto man einsteigt.
Aber eigentlich erlebe ich die Diskussionen als erstaunlich beweglich – selbst zwischen Menschen aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern. Solche Beweglichkeit wäre nicht möglich bei Gesprächen mit rechtsintellektuellen „Vordenkern“, die nur ihre eigene Marke verteidigen. Trotzdem gibt es auch Verhärtungen, Verbitterung und Verschwörungstheorien.
Das hat aber nicht nur etwas mit Ostdeutschland zu tun.Frankreich und die USA haben die moderne Demokratie erfunden – und trotzdem wählt dort heute die Hälfte der Menschen faschistische Parteien. Dieses Problem kann nicht einfach mit historischen Erfahrungen erklärt werden, es ergibt sich auch aus einer gegenwärtigen Konstellation.
In Ihrem aktuellen Buch beschreiben Sie die neue Gestalt, die der Faschismus heute annimmt. Was unterscheidet sich konkret – rechte Brutalität gab es auch in den Baseballschlägerjahren der 1990er?
Heute ist im Vergleich zu den Baseballschläger-Jahren die Gewalt von unten vielleicht sogar etwas weniger – weil Menschen glauben, dass sie ihnen von oben abgenommen wird. Es gibt keinen plötzlichen Umschlag.
Faschistische Tendenzen wohnen einer kapitalistischen Ordnung immer als Möglichkeit inne; auch die Gewalt hat eine gewisse Kontinuität. Der gegenwärtige Moment ist dennoch besonders – eben, weil der Rechtsruck mittlerweile ein weltweites Phänomen ist, und vor allem dort greift, wo Privatisierungen und neoliberale Politik stark vorangetrieben wurden.
Wir erleben die Folgen einer entfesselten Aufkündigung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Nach der Finanzkrise 2008 und dann noch einmal nach der Corona-Krise ist das besonders deutlich geworden.
Faschistische Tendenzen wohnen einer kapitalistischen Ordnung immer als Möglichkeit inne
Gleichzeitig erleben wir, wie unsere liberalen Gesellschaften die ungebremste Zerstörung von Klima und Umwelt weitgehend in Kauf nehmen. Dass die notwendigen Anstrengungen nicht unternommen werden, markiert ein neues Niveau der Verhärtung.
Dass es zu keiner ernsthaften Transformation kommt, hängt auch mit der wachsenden Macht von kapitalistischen Interessen zusammen, oder?
Die Oligarchie, die sich in den 1990er Jahren bei der Privatisierung in der ehemaligen Sowjetunion gebildet hat, findet heute eine Entsprechung in neuen westlichen Monopolbildungen – insbesondere bei den großen Tech-Konzernen in den USA –, die teilweise auf mafiöse Weise politischen Einfluss nehmen.
Auch die kritische Theorie hat immer einen Zusammenhang gesehen zwischen dem Kräftemessen solcher Monopole, ihrer Macht, andere wirtschaftlich zu erpressen, und einer Ideologie, die das „Recht des Stärkeren“ verherrlicht – als mögliche Voraussetzung einer faschistischen Entwicklung.
Wie ist es zu erklären, dass diese Entwicklungen auch von vielen Menschen unterstützt werden, die prekär und besitzlos sind?
Die Erfahrung von Ohnmacht wird von rechts erfolgreich politisiert. Das betrifft vor allem Menschen, die eigentumslos sind – aber auch solche, die Eigentum besitzen, aber das Gefühl haben, damit nichts bewirken zu können.
Auf sie zielen politische Angebote, die – statt solidarischen Schutz zu versprechen – nun eine Art Quasi-Eigentum und Verfügungsmacht über andere anbieten. Dieser „Phantombesitz“ greift den Frust auf, dass man seine Ansprüche real nicht umsetzen kann, und lenkt ihn in andere Bahnen. Und genau das sehen wir gerade weltweit:
Die Rechte mobilisiert im Modus eines gekränkten Besitzanspruchs. Man fühlt sich als rechtmäßiger Eigentümer, dem etwas weggenommen wurde – und bekommt gleich noch gesagt, wen man dafür hassen soll. In einer neoliberalen Ordnung, in der jeder als seines Glückes Schmied gilt, bietet das eine massive Entlastung.
Inwiefern verändern sich die Objekte dieses Hasses? Aktuell scheinen insbesondere die CSDs im ländlichen Raum angefeindet zu werden.
Feindbilder können wechseln. Rechte Politik ist sehr stark reaktiv. Sie wartet oft erst einmal ab, was die Linken begehren oder auch begrenzen wollen, und reagiert dann darauf. Ich sehe dabei eine zweistufige Reaktion: Rechte Politik mobilisiert zunächst um den Phantombesitz – also zum Beispiel „meine Heimat“, „mein Land“, „meine Familie“, „meine Frau“ – verbunden mit der Haltung: „Ich lasse mir da nicht reinreden“.
Dieser Phantombesitz greift den Frust auf, dass man seine Ansprüche real nicht umsetzen kann, und lenkt ihn in andere Bahnen
Von Faschismus würde ich dann aber erst sprechen, wenn dieser Phantombesitz gegen eine Gruppe verteidigt werden soll, die verächtlich gemacht oder dämonisiert wird – also gegen einen klar konstruierten Feind. Wenn wir auf die CSDs schauen, sehen wir derzeit eine Eskalation genau dieser Art von Phantombesitz-Verteidigung. Narrative vom russischen Regime zu „Gay-ropa“ spielen dabei keine unwesentliche Rolle.
Heute scheint die Rolle des Individuums größer als zu Zeiten des klassischen Faschismus. Inwiefern beeinflusst das die Eskalation, von der Sie sprechen?
Nicht jede Form von Kollektiv ist schlecht. Aber ja, der historische Faschismus setzte stärker auf kollektive Formen von Phantombesitz. Im Extremfall auf die Idee von „Blut und Boden“. Heute, nach Jahrzehnten des Neoliberalismus stehen viel stärker individuell verfügbare Ansprüche im Zentrum.
Wir erleben dabei immer stärker einen „eingeheimsten Ausnahmezustand“: die Vorstellung, dass man selbst zu gewalttätiger Selbstverteidigung berechtigt ist, wenn einem angeblich etwas weggenommen wird. Das kann sich dann gegen Klimakleber auf der Straße richten, gegen Feministinnen, die vermeintlich Wörter verbieten oder Leute, die einem das Schnitzel wegnehmen wollen.
Die Stimmung kippt hier teilweise schnell um. Das verwundert weniger, wenn wir bedenken, dass man in dieser Gesellschaft ganz offiziell sein Eigentum notfalls auch mit Gewalt verteidigen darf. Diese Logik kann sich schnell radikalisieren.
Warum ist es für viele Menschen aber so schwierig, auf diese realen Verlustgefühle mit solidarischen und konstruktiven Formen zu reagieren?
Weil Destruktion immer schneller ist. Für eine solidarische Alternative fehlt derzeit jede Gestaltungsmacht. Es bräuchte einen viel höheren Organisierungsgrad, um gesellschaftlichen Reichtum anders verteilen zu können – und angesichts des Klimawandels müssten wir sogar sagen: auch anders erwirtschaften zu können.
Natürlich müssen wir als Linke darauf hinarbeiten, diese Kraft aufzubauen. Aber für den einzelnen, vereinzelten Menschen stellt sich die Situation oft so dar: Diese solidarischen Optionen existieren gar nicht. Viele versuchen dann eben, auf andere Art auf ihre Kosten zu kommen.
Die Prozesse, die Sie beschreiben, finden sehr stark auf einer psychologischen oder emotionalen Ebene statt. Wie sehr kann man dem überhaupt noch mit rationaler Debatte oder klassischen Bildungsangeboten begegnen?
Ich bin eine sehr leidenschaftliche Demokratin und würde wirklich sehr lange daran festhalten, Menschen als vernünftige Wesen anzusprechen – selbst dann, wenn ich mir keine Illusionen darüber mache, sie überzeugen zu können.
Ich glaube allerdings, dass gegen diese weltweite autoritäre Welle langfristig nur real spürbare materielle Verbesserungen helfen. Das Problem ist inzwischen so groß geworden, dass man es nicht einfach nur kommunikativ eindämmen kann. Es braucht tatsächlich eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse – das macht einen wirksamen Antifaschismus aus.
Um die richtige Strategie zu bestimmen, müssen wir auch festhalten, wo wir stehen. Wie weit ist der Prozess der Faschisierung bereits fortgeschritten?
Gerade in Deutschland neigt man ja dazu, sich die totalitäre Variante des Faschismus – wie unter dem NS-Regime – als die klassische Form vorzustellen. Davon sind wir meilenweit entfernt. Realistischer erscheint mir ein Szenario, wie man es in Lateinamerika oft beobachten kann:
Innerhalb relativ kurzer Zeiträume kann eine Regierung einen Putsch erleben, gefolgt von einer rechten Regierung, gefolgt von einer linkspopulistische Regierung, und so weiter. Zugleich gibt es hoffnungsvolle Gegentendenzen, wenn auch oft nur kleine Inseln: Die Grazer KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr oder New Yorks sozialistischer Bürgermeister Zohran Mamdani sind Beispiele.
Was diesen Moment tatsächlich besonders gefährlich macht, ist die Fortsetzung des kapitalistischen Normalbetriebs vor dem Hintergrund von Massensterben und Klimawandel
Was diesen Moment aber tatsächlich besonders gefährlich macht, ist die Fortsetzung des kapitalistischen Normalbetriebs vor dem Hintergrund von Massensterben und Klimawandel – das kommt schon erstaunlich nah an eine Vernichtungspolitik. Entscheidungen in der Gegenwart bringen Zerstörung in der Zukunft. Das ist auf düstere Weise eine Art „liquidierender Phantombesitz“ an zukünftigem Leben.
Den bürgerlich-liberalen Parteien scheint es schwerzufallen, darauf eine Antwort zu finden.
Es ist eine politische Katastrophe. Spätestens seit der „Migrationswende“ von Olaf Scholz und seiner Ampel-Regierung versuchen die bürgerlichen Parteien, den extrem rechten Forderungen entgegenzukommen. Sie hoffen, ihnen damit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das kann aber nicht funktionieren:
Wenn die Hälfte der Deutschen glaubt, dass ihr Unbehagen verschwindet, wenn es nur weniger Zuwanderung gäbe, dann ist das eine Wahnvorstellung. Die dahinterliegenden Feindbilder und Besitzansprüche sind Imaginationen. Sie dienen als Abwehrreaktionen gegen ein instabiles Selbstbild. Wenn nun aber eine seriöse Mainstream-Politik diesen Vorstellungen entgegenkommt, macht man sie erst real.
Wie kann man die Notwendigkeit solcher Vorstellungen von vornherein verhindern – auf dem Brandenburger Land wie im Rest der Welt?
Hannah Arendt sagt, dass der Kern des Faschismus darin besteht, Menschen überflüssig zu machen. Deshalb müssen wir die Erfahrung vermitteln, dass niemand überflüssig ist. Wir brauchen Orte, in denen Menschen sich als Gleiche begegnen und das Gefühl haben, geschützt und versorgt zu sein – Orte, wo jeder bleiben kann. Wenn das Gefühl wächst, kollektiv gehalten zu werden, werden Menschen auch wieder beweglicher. Letztlich plädiere ich vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden ökologischen Krise und der wachsenden geopolitischen Brutalität für einen neuen Gesellschaftsvertrag.
Was müsste diesen Vertrag ausmachen?
Wir versprechen mit solch einem Vertrag, uns gegenseitig zu schützen – ob gegen selbstgemachte Naturkatastrophen oder soziale Gewalt. Das wäre eine Art Elementarversicherung, die der Markt nicht leisten kann und die von unten organisiert werden müsste. Manche bereits existierende Strukturen zeigen, wie es gehen könnte – bei uns im Dorf ist das die Freiwillige Feuerwehr. Feuer werden im Zuge der Klimakrise ein immer größeres Problem. Und wir müssten uns den anderen Facetten der Gefahr ebenso organisiert stellen.
Eva von Redecker ist 1982 in Kiel geboren. Die Philosophin und Autorin hat an der Berliner Humboldt-Universität, der Universität Cambridge und an der New School for Social Research in New York gearbeitet. Demnächst beginnt sie eine Vertretungsprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ihr Buch Dieser Drang nach Härte ist soeben bei S. Fischer erschienen (272 S., 24 €)