Im Gespräch | Cesy Leonard, wie geht Widerstand? „Alle nach sich ziehen zusammensetzen Mut-Muskel, den kann man trainieren“

Cesy Leonard gründete 2019 in Berlin mit Katharina Haverich Radikale Töchter, eine Organisation, die nicht auf spektakuläre, medienwirksame Aktionen setzt, sondern andere dazu anleiten will, sich für ihre politischen Anliegen selbst mit künstlerischen Mitteln starkzumachen. Ihre Workshops bieten sie vor allem auch in Ostdeutschland und insbesondere im ländlichen Raum an.

Wir haben ein Jahr erlebt, in dem viele sich zunehmend ohnmächtig fühlten, weil ihnen der weitere Aufstieg der AfD schon unaufhaltbar scheint und sich in den USA besichtigen lässt, wie schnell sich eine Demokratie aushöhlen lässt. Zeigen, wie man „ins Handeln kommt“, lautet einer der Claims der Radikalen Töchter. Also fragten wir bei Cesy Leonard nach, wie man die Ohnmacht überwindet, und was dann so alles möglich ist.

der Freitag: Frau Leonard, der Satz, „Wir müssen die Demokratie verteidigen“, klingt immer mehr wie eine Floskel. Wie gehen Sie damit um?

Cesy Leonard: Allein schon der Begriff Demokratie ist super abstrakt. Zu unseren Workshops gehört ein Spiel: Politisches Speed-dating. Es beginnt mit harmlosen Fragen: Hast du schon mal eine Kuh gemolken? Hast du deinen Vater schon mal weinen sehen? Wann hast du das letzte Mal so richtig gefroren? Am Ende fragen wir: Und, gab es eine unpolitische Frage? Meistens entsteht ein Gespräch darüber, was politisch ist, und dass es sehr wohl mit mir und meinem Leben tun hat, und nicht nur mit dem, was im Bundestag gemacht wird. Ähnlich braucht es auch für Demokratie eine Übersetzung. Was ist es eigentlich, das ich verteidigen möchte? Das Tolle an Aktionskunst ist: Sie sagt nicht: „So ist das.“ Sie fragt dich, wie dein Verhältnis dazu ist.

Viele denken auch bei Kunst: Das ist nichts für mich.

Uns war es von Anfang an wichtig, unser Bildungsprogramm nicht nur in Großstädten bei Gymnasiasten zu machen, sondern im ländlichen Raum in Berufsschulen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in kleinen Betrieben. Häufig haben sie dort vom Zentrum für Politische Schönheit oder von Aktionskünstler*innen wie dem Peng! Kollektiv noch nie gehört. Dadurch haben sie aber auch einen anderen Blick. Ich erinnere mich an eine Berufsschulklasse in Dippoldiswalde, denen wir das Holocaust-Mahnmal vom Zentrum für Politische Schönheit vorgestellt haben.

Sie errichteten 2017 auf Björn Höckes Nachbargrundstück eine Nachbildung des Holocaust-Mahnmals, das er als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte. In zwei Tagen wurden dafür hunderttausend Euro gespendet.

In Dippoldiswalde sagten die: „Was ist das denn für ein Scheiß? Für so was haben die Leute gespendet? Warum geben die das Geld nicht für die armen Kinder in Deutschland aus?“ Das ist ja eine völlig legitime Frage. Also wandeln wir die Dagegen-Haltung in eine Für-Haltung und sagen: Wie würde diese Aktion für arme Kinder in Deutschland aussehen? Welche Methoden haben die Aktionskünstler*innen benutzt, die wir anwenden können?

Wir sind ganz klar noch nicht im Widerstand. Wir nutzen ja noch nicht einmal unsere legalen Möglichkeiten voll aus

Cesy Leonard, Radikale Töchter

Hatten die eine Idee?

Sie haben ein Stadtfest entwickelt, einen Musikrave, der sich durch die Stadt bewegt als Benefizkonzert. Manchmal ist es knirschig, aber es kommen immer Ideen. Von manchen hören wir wieder. Der letzte Fall war eine Schülerin, die einen feministischen Abistreich an ihrer Schule in Gera umgesetzt hat. Auch nicht einfach.

Ihr Claim ist: Legaler Stress seit 2019.

Wir benutzen ihn vor allem, um über die Frage ins Gespräch zu kommen: Wie weit würde ich gehen, um die Demokratie zu verteidigen? Ich erzähle oft, dass wir in meiner Generation alle das Selbstverständnis hatten, dass wir natürlich im Widerstand gewesen wären und Menschen versteckt und Pässe gefälscht hätten. Aber wir hätten Gesetze brechen müssen, um demokratisch zu handeln. Ich glaube nicht, dass so viele dazu bereit wären. Alle reden jetzt davon, dass wir im Widerstand sind. Aber das sind wir ganz klar noch nicht. Wir nutzen im Moment ja noch nicht einmal unsere legalen Möglichkeiten zu stressen voll aus.

Als Friedrich Merz sagte ‘Fragen Sie mal Ihre Töchter‘, war das natürlich eine Steilvorlage für eine Petition

Cesy Leonard, Radikale Töchter

Friedrich Merz trat im Oktober eine Debatte los, als er von „Problemen im Stadtbild“ sprach und diese mit Migration in Verbindung brachte. Anstelle einer Erklärung sagte er: „Fragen Sie mal Ihre Töchter.“ Sie starteten als Antwort eine Petition.

Das das war natürlich eine Steilvorlage.

250.000 unterschrieben, Demos fanden statt. Wie verhindert man, dass diese Energie wieder verpufft?

Wir versuchen gerade, diese 250.000 Menschen anzuschreiben, weil wir zum 8. März eine Aktion planen und die Energie dahin kanalisieren wollen. Generell würde ich sagen, dass die Arbeit mit den Workshops eine ist, bei der sehr viel weniger verpufft, weil man nah dran ist an den Menschen, nachhaken kann, sich anstupfen und ins Handeln bewegen. Dafür ist so eine Petition oft nicht das richtige Tool. Gleichzeitig war es megawichtig, dass so viele Leute gezeigt haben, dass es nicht in Ordnung ist, wenn ein Bundeskanzler sich so schwammig und rassistisch äußert.

Die Frage wird sein, wie man es schafft, dass politisches Engagement cool bleibt und feministisch sein auch popkulturell sexy

Cesy Leonard, Radikale Töchter

In Umfragen äußerten sich Frauen zuletzt deutlich linker und progressiver als Männer. Gleichzeitig liest man in den USA von einem Backlash mit Phänomenen wie Tradwives, die auf Social Media das Hausfrauendasein zelebrieren, und Chill Girls, Mädchen, die Sexismus weglächeln, um nicht als anstrengend zu gelten.

Ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird und was das für uns als Organisation heißt. Backlashes von feministischen Bewegungen gab es immer schon. Ich bin Ende der 1990er, Anfang der 2000er aufgewachsen und würde sagen, dass meine Mutter feministisch schon weiter war als meine Generation. Die Frage wird sein, wie man es schafft, dass politisches Engagement cool bleibt, etwas, womit man sich gerne schmückt. Und dass feministisch sein auch popkulturell sexy bleibt.

Haben Sie eine Idee, wie man das schafft?

Die ganze Organisation Radikale Töchter ist mit ihrem bunten, designlastigen Auftritt ja genauso ein Versuch. Es ist uns ein Anliegen, das mit dem Einsatz für Demokratie zu verbinden. Auch über Social Media. Ich finde es wichtig, nicht auf die Jugend zu schimpfen, sondern verstehen zu wollen, warum denkt ihr denn so? Wenn ihr mich als linksgrünversifft abstempelt, was steckt dahinter? Oder bei jungen Frauen: Warum ist es euch wieder wichtig, dünn zu sein? Da steht ja immer ein Bedürfnis dahinter, vielleicht nach einer Sicherheit, die sie einfach nicht haben.

Ein Problem der progressiven Linken ist ja, dass wir Positionen übernehmen müssen, die wir vor 15 Jahren abgelehnt hätten

Cesy Leonard, Radikale Töchter

Gerade auf eine jüngere Generation scheint die Radikalität, die von den Rechten verkörpert wird – ähnlich wie in den 90ern –, wieder anziehend zu wirken.

Ein Problem der progressiven Linken ist ja, dass wir Positionen übernehmen müssen, die wir vor 15 Jahren abgelehnt hätten. Wir sind teilweise in eine Bewahrer*innen-Rolle gekommen. Als Jugendliche möchtest du aber aufmischen und dagegen sein.

Wie definieren Sie für sich Radikalität?

Zurück zu den Wurzeln dessen, was die Gründerväter und -mütter nach dem Faschismus im Grundgesetz niedergeschrieben haben. Die Würde des Menschen ist unantastbar – das ist radikal. Das Grundgesetz ist radikal. Danach zu leben und zu handeln und die Stimme zu erheben, wenn unsere Politik sich von diesen demokratischen Grundwerten entfernt.

Das ist für Sie radikal?

Ja. Letztens meinte jemand bei einem Talk: Die Arbeit von Radikale Töchter ist ja gar nicht radikal. Für mich ist es alleine schon radikal und mutig, in einen Klassenraum zu laufen, wo ich weiß, dass mir da 25 Menschen entgegenblicken, die höchstwahrscheinlich nicht cool finden, was ich gleich für Kunst mitbringe. Und mich dem als Mensch zu stellen und ehrlich wissen zu wollen: Was haltet ihr davon? Lasst uns darüber in den Austausch kommen. Was sind deine Haltungen dazu? Dieser Austausch über gegensätzliche Positionen, das ist für mich radikal-demokratische Praxis.

Die haben vermutlich auch nicht auf Sie gewartet.

Die haben auf gar keinen Fall auf mich gewartet. Sie sind erst mal nicht freiwillig da, sondern weil es der Lehrplan so wollte.

Manchmal wird getuschelt: „Die AfD ist cool.“ Wir fragen als Trainerinnen dann: Was findest du daran denn so cool?

Cesy Leonard, Radikale Töchter

Wie gehen Sie damit um, wenn in den Gruppen Leute dabei sind, die ihre Selbstermächtigung längst bei den Rechten suchen?

Es ist erst mal total wichtig, dass es Räume gibt, wo jemand kommt – in dem Fall wir – und fragt: Was macht dich überhaupt wütend? Das ist unsere Methode, wir kommen nicht mit einem politischen Thema, sondern fragen:Was möchtest du verändern, was ist dein politisches Thema? Und ja, es sind auch schon rechte Sprüche gekommen. Da ist es immer wichtig zu unterscheiden: Sind das gesichert ideologische Rechtsextreme, oder sind das Jugendliche, die dazwischenquatschen und wissen wollen, wie Erwachsene darauf reagieren. Manchmal wird auch nur getuschelt: „Die AfD ist cool.“ Wir fragen als Trainerinnen: Was findest du daran denn so cool? Hinter Sprüchen wie „Mich machen die Ausländer wütend, die kriegen alles umsonst“, steckt meistens ein anderes Thema. Wenn wir nachfragen, hören wir zum Beispiel, dass eine Person in der Familie chronisch krank ist und die Unterstützung vom Staat fehlt. Wir sagen dann: Lass uns doch dazu arbeiten. Bisher konnten wir immer das eigentliche politische Thema dahinter ausmachen. Da unterscheidet sich jemand, der ideologisch gefestigt rechtsextrem ist, von jemandem mit rechten Floskeln.

Wir brauchen analog zu Erste-Hilfe-Kursen Mutkurse. Wir müssen unseren Mut-Muskel trainieren

Cesy Leonard, Radikale Töchter

Sie fordern, dass wir von der Erinnerungskultur zu einer Handlungskultur kommen müssen.

Es ist eine Arroganz der Gegenwart, zu denken, dass die Menschen in den 1930ern unmenschlicher waren. Man sieht in den USA, wie ein Bilderbuchautokrat innerhalb kürzester Zeit Systeme abbauen kann. Da bleibt keine Zeit durchzuatmen, und leider würde unsere politische Bildung dagegen auch nicht ausreichen. Handlungskultur bedeutet, sich bewusst zu werden, wie wichtig jede einzelne Person ist und im Kleinen Haltung zu zeigen. Wir brauchen analog zu Erste-Hilfe-Kursen Mutkurse. Wir müssen unseren Mut-Muskel trainieren.

Wo sitzt der Mut-Muskel?

In unserer Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich würde sagen, alle haben den und man kann ihn trainieren. Demokratie hat uns immer versprochen, dass es unseren Kindern mal besser geht. Das löst sich rein materiell nicht mehr ein. Da braucht es neue Ideen, dieses „besser gehen“ neu zu definieren. Wir müssen anfangen, uns als wirkmächtig wahrzunehmen.

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Cesy Leonard wurde 1982 in Stuttgart geboren. Sie studierte Schauspiel in Berlin und leitete von 2012 bis 2019 das Planungsteam beim Zentrum für Politische Schönheit. Ihr Buch Machen macht Mut. Gegen die Gleichgültigkeit erschien soeben bei Aufbau (190 S., 20 €)