Im Ernstfall ist Europa einsam

Donald Trump irrt. Das Fortleben der Nato liegt im amerikanischen Interesse. Die Amerikaner schlossen das Bündnis auch, weil sie wussten: Als globale Supermacht sind sie zumindest auf Westeuropa als Brückenkopf und Drehkreuz zum Nahen Osten und Afrika angewiesen. Wäre Europa in Stalins Faust gefangen gewesen, wäre Sowjetrussland eine militärische Größe geworden, die sich kaum hätte eindämmen lassen.

Bis heute kann sich Washington aus geostrategischen Gründen kaum erlauben, den Russen Europa als deren Einflusszone vom Atlantik bis zum Ural zu überlassen. Im schlimmsten Fall entstünde eine eurasische Landmasse, welche die amerikanischen Ambitionen jederzeit herausfordern könnte. Hoffentlich gibt es noch den einen oder anderen vernünftigen Zeitgenossen im Weißen Haus, der Trump die Grundlinien amerikanischer Außenpolitik nahebringen kann.

Diese Persönlichkeiten könnten dem Präsidenten auch erklären: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch „sein“ Krieg, kein ausschließlich europäischer. Ein russischer Sieg über Kiew würde sämtliche asiatische Verbündete an der amerikanischen Bündnistreue zweifeln lassen. Im Bewusstsein, jederzeit von den Vereinigten Staaten im Stich gelassen zu werden, bildeten sich neue Bündniskonstellationen, in denen sich einzelne Staaten zu Atommächten aufschwängen, um sich vor Invasionen zu schützen. Andere wiederum suchten ihren Schutz bei China und beendeten das Gleichgewicht der Mächte zu Lasten der Vereinigten Staaten.

Donald Trump mag all dies gleichgültig sein, er mag weiter den Austritt aus der Nato betreiben. Immerhin müsste er in diesem Fall den Kongress auf seine Seite ziehen. Um die Nato zu verlassen, benötigt der Präsident eine Zweidrittelmehrheit. Womöglich gelingt ihm selbst dies. Doch auch ohne diesen Salto mortale verfügt er über genügend Möglichkeiten, die Nato in sich zusammenstürzen zu lassen. Er muss nur die Institution als solche weiterhin infrage stellen.

Je öfter er es tut, desto schwächer wird die Glaubhaftigkeit der Abschreckung, über welche die Nato verfügt. Für die Europäer führte das Ende des Verteidigungsbündnisses in eine existenzielle Krise. Ohne die Amerikaner gliche ihre Lage militärisch der eines Sandkorns im Sturm, einer Nussschale auf hoher See, einem Kaninchen in der Tatze eines (russischen) Bären. Es wird höchste Zeit, in Alternativen zu denken und Vorkehrungen zu treffen.

Es muss eine Struktur jenseits der EU entstehen

Europas Regierungen sind gut beraten, einen Plan B in den Schubladen zu haben – selbst im Bewusstsein, dass sie Moskau militärisch für lange Zeit kaum etwas entgegensetzen können. Sinnvoll wäre es, die Europäische Union bei einem Nato-Rückzug der Amerikaner außen vor zu lassen und allein auf die Strukturen der Nato zu setzen – aber eben ohne Washington als Führungsmacht. Die EU mit ihrer überbordenden Bürokratie, einer Kommissionspräsidentin, die mehr auf Schein als auf Sein setzt, und einem Abstimmungsmodus, der nicht konsequent dem Mehrheitsprinzip folgt, eine solche EU ist nicht fähig, in Notzeiten eine abschreckende Militärmacht zu formen.

Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt definierte historische Krisen als „beschleunigte Prozesse. Der Weltprozess gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit; Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen und damit erledigt zu sein“. Möge es heute auch so sein. Oder noch besser: Möge die Krise ausfallen.       

Source: welt.de