„Ich lebe den Traum von meinem Papa“
Die Posaune sei das einzige Instrument, das er wirklich verstehe. Kurz vor seinem 70. erzählt Nils Landgren von schwedischen Orchesterbläsern mit Bierflaschen auf der Bühne und welchen deutschen Geburtstagsbrauch er völlig schräg findet.
Am 15. Februar feiert Nils Landgren seinen 70. Geburtstag. Zuvor spielt er zweimal in der Elbphilharmonie, beide Konzerte waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Was mal wieder zeigt, dass der schwedische Posaunist einer der beliebtesten Jazzmusiker ist. Im Übungszimmer seines Hauses im Fischerdorf Skillinge gibt der Bundesverdienstkreuzträger Auskunft über die Träume von Vätern, biertrinkende Orchestermusiker und sein Verhältnis zu den Deutschen.
WELT: Im Booklet Ihres Orchester-Albums „Love of My Life“, das jetzt zu Ihrem Geburtstag erscheint, gibt es ein sehr schönes Bild. Es zeigt Sie als kleinen Knirps mit Ihrem Vater am Kornett. Was für ein Mensch war er?
Nils Landgren: Ein aufrechter Sozialdemokrat. Mein Papa hat immer gesagt, dass alle Menschen den gleichen Wert haben. Und die Leute, die das nicht verstehen, mit denen wolle er nichts zu tun haben. Er hatte eine hohe Moral und ich hoffe, dass mich das geprägt hat. Er arbeitete als Schweißer und hatte immer viel zu tun. Er konnte alles reparieren, Rasenmäher, Autos, Fahrräder, Mopeds, Instrumente, Häuser. Er hat mich sehr inspiriert mit seinem Enthusiasmus und seiner positiven Einstellung. Und seiner Liebe zur Musik. Er hat mir und meinen beiden Brüdern immer Schellackplatten von Count Basie und Duke Ellington vorgespielt. Papa wollte eigentlich gerne selbst Musiker werden, das war sein Traum. Er ist einmal nach Malmö gefahren, um bei einem Profi-Orchester vorzuspielen. Er hat sich aber nicht getraut und ist mit dem nächsten Zug wieder zurückgefahren. Insofern lebe ich den Traum von meinem Papa.
WELT: Wie sah Ihre erste Begegnung mit der Posaune aus?
Landgren: Mein Vater hat einmal eine Posaune aus der örtlichen Blaskapelle zur Reparatur mit nach Hause gebracht. Die stand im Flur, als ich aus der Schule kam. Ich wollte mal ausprobieren, ob ich einen Ton herausbekomme. Das klappte. Yeah! Ich dachte: Das könnte was werden. Mein Vater hat mir sofort einen Lehrer besorgt. Dass da diese Posaune stand, war ein Glücksfall. Weil es das einzige Instrument ist, das ich richtig verstehe.
WELT: Und das Sie sich dann irgendwann mal rot lackieren ließen.
Landgren: Ich fand es langweilig, dass alle Posaunen gleich aussehen. Ich gestehe: Eigentlich wollte ich Popstar werden. Alle haben mir aber gesagt: Das geht nicht, du spielst Posaune, vergiss es. Und sie hatten recht: Popstar bin ich nicht geworden. Aber ich habe es geschafft, als Solist arbeiten zu dürfen.
WELT: Sie gehen nun mit verschiedenen Symphonieorchestern auf Tour, spielen unter anderem mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker oder in der Alten Oper Frankfurt mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Was bedeutet Ihnen das?
Landgren: Das ist einer meiner großen Träume, schon mein ganzes Leben lang. Die Umarmung von so einem großen Orchester zu spüren und die Musik zu spielen, die ich selber mag. Ich habe mir dafür unter anderem Songs von Kurt Weill, Leonard Bernstein, Joe Sample und Cat Stevens ausgesucht, arrangiert von Vince Mendoza. Meine erste Begegnung mit einem Symphonieorchester war übrigens 1972. Wir waren auf Schulausflug mit unserem Gymnasium, zehnte Klasse. Wir durften ein Konzert der Stockholmer Philharmoniker besuchen. Antal Doráti dirigierte Tschaikowskys 4. Sinfonie. Es war total umwerfend. Dann haben wir gesehen, dass die Bläser Bierflaschen unter ihren Stühlen haben. Das fanden wir schon ein bisschen schräg.
WELT: Stimmt es, dass Sie an der Musikhochschule keinen Jazz spielen durften?
Landgren: In unserer Hochschule in Arvika hieß es: Kein unerlaubter Ton vor fünf Uhr nachmittags! Sobald die Lehrer nach Hause gegangen waren, konnten wir anfangen, etwas auszuprobieren und zu experimentieren. Aber es gab da keinen Jazzunterricht damals. Man glaubte, wir würden die Instrumente mit diesen Noten vergiften. Ich bin aber happy, dass ich diese Ausbildung geschafft habe. Das hat dazu geführt, dass ich die Posaune einigermaßen spielen kann.
WELT: Was waren die prägendsten Erlebnisse in Ihrer nun 50 Jahre währenden Karriere?
Landgren: Eines der größten war, als ich mit 20 einen Job bei dem schwedischen Popstar Björn Skifs bekam. Er hatte gerade einen Nummer-Eins-Hit in den Billboard-Charts in den USA, „Hooked On a Feeling“. Mit ihm zu spielen, war wirklich ein fantastisches Erlebnis. In der Zeit, die ich mit ihm gearbeitet habe, habe ich mehr gelernt als in all den Jahren davor. Das konnte ich auch gut für meine eigene Karriere nutzen. Und was das Wichtigste war: 1978 habe ich durch ihn meine Frau getroffen, mit der ich seit 48 Jahren verheiratet bin. Zu erwähnen wären auch die gemeinsamen Konzerte mit Pat Metheny und Michael Brecker bei Jazz Baltica. Da bin ich dem damaligen Festivalleiter Rainer Haarmann ewig dankbar, dass ich so etwas erleben durfte.
WELT: Was machen Sie an Ihrem 70.?
Landgren: Ich weiß, dass man in Deutschland unter keinen Umständen vorher feiern darf. In Schweden habe ich noch nie von so etwas gehört. Meinen 60. habe ich auch vorgefeiert, weil ich an meinem Geburtstag ein Konzert hatte. Hat mir kein Unglück gebracht, soweit ich das sehe. Aber jetzt wird in Deutschland korrekt gefeiert, ich werde in Hamburg eine kleine Party für meine Freunde machen.
WELT: Sie haben sich vorbildlich assimiliert!
Landgren: Ganz ehrlich: Ich bin unendlich dankbar für all die Jahre in Deutschland und alles, was ich hier erleben durfte. Es gibt kein besseres Land als Deutschland zum Bespielen.
WELT: Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie viele Konzerte Sie schon in Ihrem Leben gegeben haben?
Landgren: Ich habe dieses Jahr mal versucht, nachzuzählen. Aber schnell wieder aufgehört. Manchmal ist es vielleicht ein Tick zu viel. Ich habe mir das aber selbst so ausgesucht, und es macht einen Riesenspaß, sobald ich auf der Bühne bin. Das ist fantastisch, da vergisst man alles – alle diese Stunden, die man im Zug verbracht hat, auf dem Flughafen oder im Hotel. Dann hat man zwei Stunden, in denen alles wunderbar ist. Ein strahlendes Publikum ist besser als jede Anti-Aging-Creme.
WELT: In der Tat: Wie ein Greis sehen Sie nicht aus.
Landgren: Danke! Ich bin zwar über die Jahre etwas runder geworden, aber hier (deutet auf seinen Kopf) ist kein Unterschied. Das ist immer noch der gleiche Verrückte wie früher.
Nils Landgren: „Love of My Life“ (ACT/Edel), Tourtermine: 14. Februar Hamburg, 27. Februar Dessau, 26. März Frankfurt, 5. Mai Berlin, 30. Mai Baden-Baden, 16./17. Juli Essen, 1. August Jena
Source: welt.de