„Ich hörte die Schüsse, die Hunde, ihre Schreie, im Folgenden Stille“

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman spricht im Bundestag darüber, wie „ganz gewöhnliche Menschen zu Mittätern an beispiellosen Verbrechen“ wurden. Die 87-Jährige mahnt die Politik zu größerer Strenge gegen den um sich greifenden Antisemitismus. „Nicht so sanft!“, ruft sie.

Am Mittwochmittag steht Tova Friedman am Rednerpult des Bundestags und ruft ins Plenum. „Vergiss uns nicht“, sagt sie auf Englisch. Dann wiederholt sie den Satz auf Jiddisch: „Farges unz nisht.“ Die 87-jährige Amerikanerin ist nach Berlin gekommen, um die jährliche Gedenkrede zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus zu halten. Den jiddischen Satz zitiert sie aus einem Zeitzeugenbericht ihres Vaters, der darin eine Szene vor der Deportation nach Auschwitz beschreibt, dem größten deutschen Vernichtungslager.

„Mütter klammerten sich an ihre kleinen Kinder, ihre verzweifelten und mitleidigen Blicke auf die Augen ihrer Kleinen gerichtet, voller Kummer und Trauer; sie fühlten, dass ihr Ende nah war, und ohnmächtig richteten sie ihre Hände gen Himmel und fragten: Herr im Himmel, warum hast Du uns ein solch furchtbares Todesurteil auferlegt?“, zitiert Friedman aus den Erinnerungen ihres Vaters. „Als sich die Türen des Viehwaggons gerade schlossen, rief ein Rabbiner, den mein Vater kannte, ihm zu: ‚Vergiss uns nicht!‘, und er wiederholte es auf Jiddisch: ‚Farges unz nisht‘“.

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Genau dafür ist Friedman nach Berlin gekommen. Um nicht zu vergessen, und um zu erinnern. Noch vor fünf Jahren wäre das für sie nicht vorstellbar gewesen, erzählte die Psychotherapeutin vor der Rede der „Jüdischen Allgemeinen“. Die deutsche Sprache habe sie nicht mehr hören wollen. Und da war noch die Angst vor Deutschen Schäferhunden. Doch dann startete sie mit ihrem Enkel einen TikTok-Kanal, auf dem sie über den Nationalsozialismus und heutigen Antisemitismus aufklärt – und wurde erstmals nach Deutschland eingeladen, um vor Schülern über das erlebte Grauen zu sprechen.

Davon berichtet sie auch am Mittwoch im Bundestag. „Ich habe keine Geschwister, ich habe keine Onkel und Tanten, und ich habe meine Großeltern oder meine Urgroßeltern nie kennengelernt, und zwar aufgrund dessen, was Millionen von Juden während des Zweiten Weltkriegs im Namen einer entmenschlichenden Ideologie – des Antisemitismus – angetan wurde“, sagt sie. „Einer Ideologie, die das moralische Urteil korrumpiert, Institutionen ausgehöhlt und letzten Endes ganz gewöhnliche Menschen zu Mittätern an beispiellosen Verbrechen gemacht hat.“

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Sie berichtet von ihrer frühesten Erinnerung, im Getto Tomaszów Mazowiecki, das die Deutschen während ihrer Besetzung Polens errichtet hatten. In einer völlig überfüllten Wohnung habe sie sich immer wieder unter einem Tisch verstecken müssen, da es die SS auf alte Menschen und Kinder abgesehen hatte. „Die Wehrlosesten“, sagt Tova Friedman. „Meine Großmutter wurde vor unserem Haus erschossen, während ich versteckt war. Ich hörte die Schüsse, die Hunde, ihre Schreie, danach Stille.“

„Mama, wo sind all die Menschen?“, habe sie ihre Mutter später in einem Zwangsarbeiterlager gefragt, in der ihre Eltern von den Deutschen gezwungen worden waren, unter lebensfeindlichen Bedingungen in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. „Selektionen“, habe ihre Mutter geantwortet. „Mehr musste sie nicht sagen“, sagt Friedman. „Mit fünf Jahren wusste ich Bescheid. Menschen wurden selektiert, um sie zu töten.“

„Ihr Herz war stets in Auschwitz geblieben“

Und dann Auschwitz. Der Kopf nach Ankunft rasiert, die Kleidung weggenommen, Hunger, Durst, Müdigkeit. „Sie hatten vier Gaskammern offen“, sagt Friedman im Bundestag und hält vier Finger nach oben. „Eine fünfte wollten sie am Sonntag nicht öffnen. Ein Wunder.“ Fünfeinhalb Jahre alt war sie damals – und ist heute eine von wenigen Überlebenden, die einen Gaskammertrakt von innen gesehen haben. „Die Tür zur Gaskammer hat sich nie geöffnet“, sagte sie am Montag dem „Spiegel“. „Stattdessen sollten wir uns wieder anziehen. Wir haben nie erfahren, warum.“

Am Leben gehalten hätten sie auch die Versprechungen ihrer Mutter, nach Auschwitz eine tolle Familie treffen zu können, Schwestern, Brüder, Nichten und Neffen. Das schreckliche Leben werde irgendwann vorbei sein. Dann könne man alle jüdischen Feiertage gemeinsam feiern. Tatsächlich waren sie und ihre Mutter dann zwei von 9000 Häftlingen, die im Lager zurückgelassen wurden, als die SS das Gebiet verließ und Zehntausende Häftlinge auf Todesmärsche schickte. Unter den Leichenbergen hatten sie sich versteckt, um nicht mitgenommen zu werden.

Doch zurück in Polen stellte Tova Friedmans Mutter fest, dass ihre gesamte Familie ermordet worden war. „Sie wollte nicht mehr weiterleben“, sagt die Rednerin. „Sie hatte körperlich überlebt, aber ihr Herz war stets in Auschwitz geblieben.“

Im Bundestag dreht sich Friedman immer wieder nach allen Seiten um, schaut den Abgeordneten aller Fraktionen in die Augen. Als Zionistin will sie den Zuhörern auch noch eine Botschaft zu Israel mit auf den Weg geben. „Für uns ist Israel nicht einfach nur ein Ort auf der Landkarte“, sagt sie. „Nach dem Holocaust wurde es eine moralische und existenzielle Notwendigkeit – die Sicherheit, dass jüdisches Leben nie wieder allein von der Gnade anderer abhängig sein würde.“

Mittlerweile habe sich allerdings der „Großteil der Welt“ gegen Israel gewandt. „Rufe wie ‚Vergast die Juden!‘ sind auf den Straßen von New York, Paris und Amsterdam zu hören“, sagt sie. Dann weicht sie von ihrem Redemanuskript ab und ergänzt: „Und vielleicht auch in Berlin, das weiß ich nicht, aber ich vermute es.“

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Zum Schluss ihrer Rede richtet Friedman noch einen Appell an die anwesenden Abgeordneten, Minister und Spitzen der Verfassungsorgane. In Deutschland sei sie herzlich empfangen worden und habe viele Menschen kennengelernt, die den Kampf gegen Antisemitismus ernst nähmen. Dieser Kampf müsse allerdings noch entschlossener geführt werden. „Ich sage es Ihnen nur ungern, aber das reicht nicht aus“, kritisiert sie. „Sie müssen Ihr Land wieder von den schrecklichen antisemitischen Organisationen zurückgewinnen. Nicht so sanft! Ich hoffe mit meinem ganzen Herzen, dass wir etwas strenger werden.“

Die Gedenkstunde war zuvor von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eröffnet worden. Für Juden sei es „auch in unserem Land gefährlicher geworden“, sagte sie. Die CDU-Politikerin erinnerte an die Antwort der Mütter und Väter des Grundgesetzes auf die millionenfache Entmenschlichung durch die Nationalsozialisten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, wie es im ersten Satz des Grundgesetz-Artikels 1 heißt. „Unmittelbar nach dem Zivilisationsbruch war das ein Donnerschlag“, sagte Klöckner. Gerade die Schoa habe gezeigt, wohin es führe, wenn Menschen nur noch als Teil eines Kollektivs gesehen würden.

Klöckner thematisierte in ihrer Rede auch die Herausforderungen der Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft. Manche Einwanderer sagten: „Das ist nicht meine Geschichte. Das ist nicht die Geschichte meiner Familie“, so die 53-Jährige. „Ich sage: Wenn es Dein Land sein soll, ist es auch Deine Geschichte!“ Die „Staatsräson“ werde „nicht nur außerhalb unserer Grenzen“ verteidigt. „Unsere Staatsräson beginnt auf der Berliner Sonnenallee, vor der Hauptsynagoge in München, auf den Schulhöfen, in den Hörsälen, bei X und bei TikTok.“

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Im September 2025 erschien sein Buch über den AfD-Politiker Björn Höcke.

Source: welt.de