„Ich freue mich wie blöd, wenn mir Leckermaul eine Postkarte schreibt“
Flugbegleiter Sebastian Schmitz hat ein skurriles Hobby: Er fotografiert Postkästen in aller Welt. Hier spricht er über ihren Charme und Nutzen – und die Gefahr ihres Aussterbens.
Zuletzt war er in Schwedisch Lappland – und hat dort natürlich einen verschneiten schwedischen Briefkasten entdeckt. Er kann nicht anders: Sebastian Schmitz ist Flugbegleiter und Vielreisender, hat irgendwann damit begonnen, unterwegs Postkästen zu fotografieren. Erst zufällig, später ganz bewusst. Sein sympathischer Fimmel hat ihm unzählige Fotos eingebracht, die schönsten und exotischsten Bilder seiner Briefkasten-Weltreise hat er nun als Bildband („Auf dem Postweg“) herausgebracht.
WELT AM SONNTAG: Was halten Sie eigentlich von den Dänen? Die haben zum Jahreswechsel 2025/26 ja die Briefzustellung eingedampft und alle Briefkästen abgebaut.
SEBASTIAN SCHMITZ: Ich finde es entsetzlich, auch wenn es betriebswirtschaftlich womöglich sinnvoll erscheint. Briefeschreiben ist eine ganz großartige Kulturtechnik und nichts, gar nichts, ersetzt einen handgeschriebenen Brief oder eine schöne bunte Postkarte aus dem Urlaub. Ich könnte mir vorstellen, dass es da irgendwann zu einer Rückbesinnung kommt. Der Mensch ist ein haptisches Wesen, wir sind für diese digitale Welt, die auf dem Vormarsch ist, meiner Überzeugung nach nur begrenzt gemacht.
WAMS: Sie „sammeln“ Briefkästen, also Fotos davon – so wie andere Leute Modellautos oder Schellackplatten. Wie kommt man auf so ein Hobby?
SCHMITZ: Das war mehr ein Zufallsprodukt. Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren als Flugbegleiter und war jahrelang ein sehr fanatischer Reisender. Da bin ich teilweise in ziemlich abenteuerliche Länder gekommen. Irgendwann habe ich alle meine Reisefotos sortiert – da erst habe ich bemerkt: Es waren immer wieder Postkästen dabei. Die hatte ich wohl unbewusst überall geknipst. Als Motiv waren sie klasse. Dann habe ich angefangen, gezielt auf die Suche zu gehen. Teilweise waren das ziemliche Expeditionen, zum Beispiel in Kuwait bei 45 Grad im Schatten. Leider gab es das Postamt, das ich gesucht hatte, aber gar nicht mehr, obwohl es auf Google Maps noch angezeigt wurde.
WAMS: Wann und wo haben Sie das erste Mal bewusst einen Briefkasten geknipst?
SCHMITZ: Der früheste, den ich mit Datum dokumentieren kann, stammt aus der russischen Stadt Ufa, fotografiert 2005.
WAMS: Wie viele seither? In wie viele Länder sind Sie dafür gereist?
SCHMITZ: Es sind mindestens mehrere Hundert Briefkästen, gezählt habe ich nicht. Extra für die Kästen irgendwo hingereist bin ich nicht – aber vor allem durch meinen Beruf und auch privat habe ich an die 150 Länder auf der Welt besucht. In manchen habe ich übrigens partout keine Briefkästen gefunden.
WAMS: Wo denn?
SCHMITZ: In vielen afrikanischen Ländern scheint das Konzept gänzlich unbekannt zu sein. Auch in Lateinamerika gab es vielleicht in der Hauptstadt mal ein paar Briefkästen, ansonsten überhaupt nicht. Und in Tiflis, Georgiens Hauptstadt, fand ich drei Kästen im Radius von ein paar hundert Metern, ansonsten im Rest des Landes keinen einzigen mehr.
WAMS: Wo steht der nördlichste Briefkasten, den Sie aufgenommen haben?
SCHMITZ: Der steht in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands. Eine abscheulich hässliche Stadt. Aber der Briefkasten dort ist klasse. Er ist haushoch und man kann dort das ganze Jahr über seine Post an den Weihnachtsmann einwerfen, der wohl auch manchmal antwortet.
WAMS: Und wo steht Ihr südlichstes Exemplar?
SCHMITZ: Am Kap Agulhas, an der südlichsten Spitze Südafrikas. Ein ziemlich entlegener Flecken – dort gibt es ein kleines Restaurant, eine Tankstelle, ein paar Häuser und eben einen roten Briefkasten.
WAMS: Wo findet man eigentlich, wenn man als Tourist im Ausland seine Postkarten einwerfen will, am ehesten einen Briefkasten?
SCHMITZ: Auf der Suche nach Briefkästen bin ich meistens zum Hauptpostamt gegangen, wenn es denn eines gab. Vor solchen Gebäuden findet man oft einen oder mehrere Kästen. Ansonsten an Verkehrsknotenpunkten, an großen Bahnhöfen oder am größten Platz der jeweiligen Stadt.
WAMS: Welches ist der absurdeste Standplatz eines Briefkastens, der Ihnen jemals begegnet ist?
SCHMITZ: Das war auf der französischen Karibikinsel Martinique. Dort steht ein Postkasten inmitten von Zuckerrohrplantagen – total abgelegen, aber dafür mit wunderbarem Ausblick.
WAMS: Sind Briefkästen eigentlich immer aus Metall?
SCHMITZ: Das sollten sie eigentlich sein. Einige Länder sind inzwischen aber zu Kunststoffversionen übergegangen. In Pripjat, dem verlassenen Nachbarort von Tschernobyl, steht ein wunderschöner blauer Metallbriefkasten. Der ist besser in Schuss als die ganzen verfallenen Häuser ringsum. Und wird wahrscheinlich auch in 100 Jahren noch durchhalten. Ästhetisch betrachtet sind die einzig schönen Kunststoffbriefkästen vielleicht die in Schweden. Alle anderen sind unglaublich hässlich. In Indonesien gab es immer mal wieder Briefkästen aus Holz, die haben mir gefallen.
WAMS: Welche Briefkastenfarbe überwiegt weltweit?
SCHMITZ: In den USA sind die Briefkästen dunkelblau, in China grün, aber so durch alle Länder hindurch sind Gelb und Rot die beiden dominanten Farben.
WAMS: Wer hat denn noch gelbe Briefkästen, so wie die Deutsche Post?
SCHMITZ: Jede Menge Länder: Vor allem in Europa, etwa Spanien, Österreich, Frankreich, ist Gelb wie in Deutschland die traditionelle Postfarbe, aber auch in Äthiopien, Irak, Vietnam.
WAMS: Welches Land kann Ihrer Meinung nach mit dem schönsten Briefkastendesign aufwarten?
SCHMITZ: Mir gefallen die klassischen französischen Kästen – die sind aus Metall, haben eine angenehm anzufassende Oberfläche und sehen einfach stilvoll und zeitlos schön aus. Aber der für mich allerschönste Briefkasten überhaupt steht vor dem Hauptpostamt von Rio de Janeiro, er ist knallgrün, alt und wunderbar mit Wappen verziert.
WAMS: Und wo steht der hässlichste Postkasten?
SCHMITZ: Auch in Brasilien: Die neuen Briefkästen sind dort aus Kunststoff und sehen aus wie das Resultat eines verunglückten Schülerpraktikums von Designer Luigi Colani.
WAMS: Gab es mal Ärger oder brenzlige Situationen beim Fotografieren eines Briefkastens?
SCHMITZ: Ich war auf einer Gruppenreise in Nordkorea; anders lässt sich das Land nicht bereisen. Der Bewegungsspielraum für Touristen ist dort sehr eingeschränkt, einfach mal durch die Stadt latschen ist verboten. Ich habe die Reiseleiterin eine Woche lang bekniet, doch bitte mal einen Zwischenstopp an einem Briefkasten einzulegen. Ihr kam das nicht koscher vor. Erst am letzten Abend, es wurde schon dunkel, wurde sie einsichtig, wir hielten mit dem Bus vor einem Postamt und ich bekam mein Foto. Und in Turkmenistan, wo das Fotografieren von öffentlichen Gebäuden sehr ungern gesehen wird, mussten zwei mitreisende Freunde den in der Nähe des Briefkastens stehenden Polizisten durch ausgedachte Fragen ablenken, sodass ich mein Foto machen konnte.
WAMS: Benutzen Sie auf Reisen Briefkästen ganz bewusst? Sprich: Verschicken Sie Postkarten?
SCHMITZ: Ich kann mich nicht davon freisprechen, aus Bequemlichkeit oft ein Foto über WhatsApp mit einem kurzen Gruß zu schicken, zumal vor allem meine dienstlichen Reisen meist sehr kurz sind. Aber aus Urlauben schreibe ich ganz gezielt Postkarten. Und persönlich freue ich mich wie blöd, wenn mir jemand eine Postkarte schreibt.
WAMS: Sind Ihre Karten alle angekommen, oder warten die Empfänger bei einigen schon seit Jahren auf die Zustellung?
SCHMITZ: Mexiko hat nie geklappt, Südafrika hat nie geklappt. Ansonsten war ich oft positiv überrascht, dass Karten, die ich in fernen Ländern in rostige Kästen gesteckt habe, überhaupt angekommen sind und wie schnell das manchmal ging. Ich frage mich dann auch, was macht die Karte unterwegs wohl, wenn sie erst einen Monat später ankommt?
WAMS: Befürchten Sie, dass das dänische Beispiel Schule macht? Stirbt der Briefkasten aus?
SCHMITZ: Ich fürchte, dass noch einige Länder ihre Briefkästen abmontieren werden, einfach weil Papierpost immer unwirtschaftlicher wird. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es diese Infrastruktur braucht und sie unbedingt erhalten bleiben sollte. Auch wenn die ganze Digitalisierung vielfach sehr praktisch sein mag: Was auf der Welt ersetzt denn bitte einen handgeschriebenen Brief? Ich hoffe, dass es immer weise Menschen geben wird, die sich dem Kulturverlust entgegenstellen.
Er brach sein Geografie-Studium an der FU Berlin ab, um sich danach – so der Plan – mal für ein Jahr als Lufthansa-Flugbegleiter die Welt anzuschauen. Daraus wurden inzwischen mehr als 25 Jahre, gut 150 Länder hat er besucht. Parallel übernahm Sebastian Schmitz, Jahrgang 1978, vor knapp fünf Jahren in Essen die „Insel der Bücher“, ohne von Buchhandel irgendeine Ahnung zu haben. Das Fotografieren von Briefkästen ist seit Jahrzehnten eine Art Zeitvertreib für ihn. Geklaut oder gekauft hat er bis heute keinen Postkasten; er lebt weitgehend besitzlos. Sein Briefkasten-Bildband „Auf dem Postweg“ hat 164 Seiten, kostet 19,80 Euro und ist im Hummelshain Verlag ( hummelshain.eu) erschienen.
Source: welt.de