„Ich benutze eine Münze, ganz oft, zum Besten von viele Entscheidungen. Hamburg oder Berlin zum Beispiel“

Seit gut einem Jahr ist der israelische Dirigent Omer Meir Wellber jetzt Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Er hat die Stadt verwandelt. Seine Leidenschaft aber sind Bücher.

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Draußen ist noch nicht viel Vergnügen los im Vergnügungsviertel. Wir sitzen in der Bar vom Schmidts Tivoli an der Hamburer Reeperbahn. Hinten steht ein rosa Aufblasflamingo an der Wand. Gleich geht „Peter und der Wolf von St. Pauli“ los. Prokofjews Kinderoper gekreuzt mit der Reeperbahnmörder-Geschichte von Wolfgang „Mucki“ Pinzner. Der trieb sein Unwesen nicht weit weg von hier. Omer Meir Wellber hat an der Musik mitgeschrieben, wird dirigieren, Akkordeon spielen, klangzaubern.

Wellber, 1981 im israelischen Be’er Sheva geboren, ist der Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper (und Music Director des Teatro Massimo von Palermo ist er auch). Vorläufiger Endpunkt einer atemberaubenden Karriere. Die so schnell ging wie Wellber redet. Einen Roman hat er geschrieben. Als Akkordeonist ist er Weltklasse. Und Zaubern kann er. Er denkt und macht alles mögliche gleichzeitig. Lesen natürlich auch. In mindestens fünf Büchern.

Romain Rolland: Musikalische Reise ins Land der Vergangenheit

Meine Eltern haben viel gelesen. Bücher waren wichtig bei uns. Ich habe früh gelernt, was ein Buch bedeutet, was Bücher Menschen geben können. Und ich las schon früh sechs, sieben Bücher im Monat. Aber so richtig los ging es mit meiner Freundin während des Studiums an der Akademie in Jerusalem. Die hat Philosophie und Psychologie studiert, hat viel gelesen und hatte einen großen Einfluss auf mich. Mit ihr kam ich immer von einem Buch aufs nächste. Eine wunderbare Zeit. Am Anfang waren das nur Bücher über Musik. Und das erste waren die Musikessays von Romain Rolland. Die bewegen mich heute noch. Dieser sehr schöne Artikel über Mozart zum Beispiel. Den habe ich gerade wieder gelesen, weil Christoph Rüping und ich jetzt „Diese große Stille“ auf die Bühne gebracht haben, unser Musiktheater-Projekt, mit dem wir Lust auf Mozart machen wollen.

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Michail Bulgakow: Meister und Margarita

Das war, da bin ich mir quasi sicher, das erste große Buch, das ich gelesen habe. Und jetzt habe ich es im vergangenen Sommer wieder aufgeschlagen. Und fand es so langweilig. Interessant schon. Aber langweilig. Damals war das anders. Weil das alles neu war vielleicht. Und diese unglaubliche Perspektive so fantastisch und Bulgakows Idee vom Schicksal, die große Frage dieses Buches. Aber heute? Finde ich’s fad. So ändern sich halt die Zeiten und die Zeiten den Leser.

Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken

Daniel Kahnemann war Psychologe, Kognitionsforscher. Er stammt aus Israel und hat die Wissenschaft vom menschlichen Verhalten revolutioniert und 2002 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Für mich extrem interessant bei diesem Buch sind seine Gedanken über die Spieltheorie, den Prozess, wie wir Entscheidungen treffen. Dass mehr Wissen nicht zwangsläufig zu besseren Entscheidungen führt. Kahnemanns Experimente haben die Welt wirklich verändert. Die Wirtschaftswelt vor allem. Mich aber auch. Wissen spielt bei Entscheidungen eigentlich keine Rolle, sollte keine Rolle spielen, sagt er. Er nutzt zum Beispiel einen Würfel und lässt Probanten entscheiden. Nehmen sie Grün, bekommen sie 100, bei Weiß 20 Euro, wenn die Farbe gewürfelt wird. Es gibt zwei grüne und ein weißes Auge. Was hat wohl die Mehrheit gemacht? Ich benutze eine Münze, ganz oft, für viele Entscheidungen. Hamburg oder Berlin zum Beispiel.

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Ala al-Aswani: Die Republik der Träume

Der deutsche Titel ist schon ziemlich bescheuert. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Mir ist das Buch im Flughafen zugelaufen. Ala al-Aswani ist einer meiner Lieblingsautoren. Er ist Ägypter und hat schon viele Bücher geschrieben. „Der Jakubijan-Bau“ oder „Der Automobilclub von Kairo“ zum Beispiel. „Die Republik der Träume“ erzählt von der großen Revolution in Ägypten 2011. Und dem Tahrir-Platz. Und al-Aswani spiegelt in seiner Erzählung die unglaubliche Komplexität der ägyptischen Gesellschaft aus Moslems, Christen, Juden, diese unglaubliche Power, die positive Kraft des Volkes in einer Liebesgeschichte, die immer tiefer wird. Immer tiefer geht es in die Geschichte und die Gegenwart Ägyptens. Und so schafft es al-Aswani, der auch Journalist ist, was Zeitungen, Medien nicht schaffen: Dass man als Europäer beginnt Ägypten zu begreifen. In fantastisch geschriebenen Geschichten. Ich glaube sowieso, dass man, wenn man wirklich etwas über ein Land, einen Konflikt wissen will – aktuell beispielsweise auch über den Iran und den neuen Krieg im Nahen Osten –, die Literatur der Region, des jeweiligen Landes lesen muss. Romane wie „Die Republik der Träume“.

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette

Von diesem Buch war ich ein kleines bisschen geschockt. Natürlich kannte ich den Namen Franz Werfel, wusste auch, dass er ein wunderschönes Buch über Verdi geschrieben hat. Aber „Das Lied der Bernadette“ ist schon etwas Besonderes. Die unglaubliche Geschichte dieses Mädchens von Lourdes, die eine Marien-Erscheinung hat. Eine katholische Legende, aufgeschrieben von einem Juden. Auf der Flucht vor den Nazis mit seiner Frau Alma hatte Werfel ein Gelübde abgelegt. Das Erste, was er schreiben werde, wenn er überlebt, sollte eben diese Geschichte sein, das „Lied der Bernadette“. So gut er es eben könnte. In Amerika hat er den Roman in fünf Monaten niedergeschrieben. Und er ist schon sehr zauberhaft.

Eyal Regev: Other Jews

Eines meiner – wie soll ich sagen – guilty pleasures sind Bücher über Jesus. Ich habe immer schon eine Neigung zur Theologie gehabt. Und in meinen jeweils aktuellen Bücherstapeln ist immer mindestens eins über Religion. Vor allem über Jesus. Den finde ich als Figur, auch als geschichtliche Chimäre wahnsinnig interessant. Das Buch hier ist so interessant zum einen, weil es von Jesus und seinen Jüngern aus jüdischer Perspektive erzählt: Es gab zu dieser Zeit ganz verschiedene Sekten, verschiedene jüdische Traditionen. Das beschreibt er – auch er hat einen wahnsinnigen Rechercheaufwand betrieben – unter anderem und vor allem auf der Basis von Schriften, die keinen Eingang gefunden haben in die Bibel. Zum andern beschreibt er die Gesellschaft, wie Jesus dachte und wie es mit der Zeit zu den vielen verschiedenen Jesu-Variationen kommen konnte. Er analysiert die Unterschiede zwischen dem historischen, religiösen und theologischen Jesus. Und welche Verbindung diese Figur mit der großen jüdischen Tradition jener Zeit hat, der offziellen und der inoffiziellen.

Isaac Bashevis Singer: Ritorno in Via Krochmalna

Klassische israelische Literatur lese ich auch immer wieder. Das ist wichtig für meine Sprache. Im Moment lese ich Isaac Bashevis Singers „In mayn tatns bet-din shtub“. Allerdings, das ist schon sehr komisch, auf Italienisch – „Ritorno in via Krochmalna“. Das habe ich zufällig in einem Buchladen in Mailand entdeckt. Ich kenne eigentlich alles von Singer, das kannte ich nicht. Ist im vergangenen Jahr erschienen. Ein Band, den es in Deutschland so nicht gibt. In Italien ist Singer immer noch extrem populär. „Ritorno in via Krochmalna“ ist eine Art Kriminalroman. Ein Roman, der in einer unglaublich kriminellen Welt spielt. Sein vielleicht bestes Buch. Finde ich. Schon die Sprache, die eine quasi biblische und für ihn sehr besondere ist, ist extrem interessant. Aber auch die Geschichte. Singer spiegelt den Schmerz und die Traumata des Holocaust in der Erzählung von einem Mann mit zwei Frauen. Die eine hat er in Amerika kennengelernt, die andere ist mit ihm aus Polen gekommen. Es ist wirklich alles sehr traurig. Mit der einen Frau muss er seine Vergangenheit leben, der anderen will er sie nicht erzählen. Das ist ja ein Phänomen, das uns – in klein gewissermaßen – alle bewegt, wie viel unserer Geschichte teilen wir mit den Menschen um uns herum? Was erzählen uns eigentlich die anderen? „Ritorno in via Krochmalna“ – die Krochmalna-Straße war eines der Zentren jüdischen Lebens in Warschau – ist eine Geschichte voller Hass und großer Liebe. Das Buch war für mich ein Schock.

Paul Newman: The Daily Life of the Middle Ages

Ich habe gerade angefangen, über ein neues Buch nachzudenken. Das wird eine Mittelalter-Geschichte. Was bedeutet, dass ich jetzt wirklich viel recherchieren, viel lesen muss. Paul Newman, nicht zu verwechseln mit dem Filmstar, ist ein Professor, der etliche, ziemlich seriöse Bücher geschrieben hat. Dann hat er, weil er ein wirklich großes Faible fürs Mittelalter hatte, dieses Buch vorgelegt. Eine Art Alltagsgeschichte für alle. Die Leute denken ja immer, das Mittelalter war dunkel und dreckig und kalt. Das stimmt so aber nicht. Es war eine Zeit, die viel moderner war, als wir denken. Newman, deswegen ist sein Buch für mich so eine wichtige Quelle, befragt die Zeit nach ganz alltäglichen Dingen. Trugen die Menschen Unterwäsche? Was hatten sie für Schuhe? Wie waren die Toiletten? Welche Möbel, welche Dekorationen hatten sie in den Häusern? Welche Spiele haben sie gespielt? Was haben sie gekocht, gegessen? Newman hat sogar herausgefunden, wie der Teppich auf den Boden kam. Bis ins Mittelalter haben Teppiche an der Wand gehangen. Ich finde das Buch wahnsinnig cool.

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Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher

Das war für mich keine einfache, aber eine wirklich unglaubliche Reise. Der Roman spielt zu so vielen Zeiten, dass Zeit am Ende gar keine Rolle mehr spielt. Und Tokarczuk springt nur so durch die Jahrhunderte. Das geht alles sehr schnell und ist sehr komplex gebaut. Sie wollte etwas über die jüdische Gesellschaft erzählen, aber nicht wie eine normale Gesellschaft mit einem normalen Narrativ. Es ist schwer zu beschreiben, worum es eigentlich geht. Aber apropos Recherche. Sie hat ein unglaubliches Wissen angesammelt. Über die Bedeutung des Judentums in der polnischen Geschichte. Als magische Geschichte. Als Geschichte eines magischen Einflusses. Wie die Juden, die ja immer, nicht nur zur Zeit des Holocaust, separiert waren, physisch separiert, für sich waren, wie sie und ihre sehr seltsame magische Welt, die sehr besondere Atmosphäre ihrer Kultur Spuren hinterlassen haben in der nicht-jüdischen Welt um sie herum. Wie Olga Tokarczuk diese Magie, diese Atmosphäre einfängt, beschreibt, erzählt ist einfach wunderbar. Ein bisschen wie Voodoo. Der Zauber ist da, aber nichts davon steht auf der Oberfläche eigentlich im Text. Es vermittelt sich auf eine ganz eigene, fast übersinnliche Weise.

Dorit Rabinyan: Unsere Hochzeiten

Das ist ein wirklich fantastisches Buch. Eine sehr komplizierte Lovestory zwischen einem israelischen Studenten und einer palästinensischen Studentin in New York. Mit einem sehr tragischen Ende. Er ist ein Künstler. Sie studiert. Das ist alles extrem symbolisch und trotzdem unglaublich präzise. Israels Kulturministerium hat das Buch von den Lehrplänen gestrichen. Dorit Rabinyan beschreibt alles, was das Leben und die Liebe in Israel kompliziert macht. „Unsere Hochzeiten“ ist das Beste, was ich über diesen Konflikt gelesen habe. Weil er nicht von Politik handelt, sondern vom Persönlichen, dem Privaten. Weil die Realität darin eben so ist, wie die Realität wirklich ist. Grau. Nicht schwarz, nicht weiß, nicht bunt. Es gibt einen Moment, an dem man denkt: Okay, ich habe schon verstanden. Aber dann schlägt das Buch erst richtig zu. Ich kenne kein Buch, in dem man dieses Gefühl bekommt, wirklich genau zu sehen. Und anders. Die letzten drei Seiten – unfassbar. Das ist nicht links, nicht rechts, nicht Netanjahu. Das ist die Wahrheit. Wirklich toll.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh

An der Wiener Volksoper habe ich in der vergangenen Spielzeit Ella Milch-Sheriffs „Alma“ uraufgeführt. Ein Stück über Alma Mahler. Und über ihre Beziehungen zu Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Walter Gropius. Und da dachte ich mir – apropos Recherche –, les ich halt noch ein bisschen mehr Werfel. Auf „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ war ich allerdings nicht gefasst. Allein schon wie Werfel gearbeitet, recherchiert haben muss. Er musste mit Menschen reden, Zeitungen ausgraben. Und der Völkermord an den Armeniern war ja schon damals kein Thema. Und was er daraus gemacht hat. Diese Geschichte aus Geschichten. Wie er das Politische, das Historische, das Private verbindet, in der aufhaltsamen Tragödie einer Familie, in der sich der Westen und der Nahe Osten kreuzen, das ist immer noch unglaublich. Unglaublich geschrieben und unglaublich aktuell. Es erzählt auch viel von heute. Wie tief und bewegend „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ sind, habe ich sofort verstanden. Aber ich hatte im Sommer, den ich mir immer frei halte, ja nur 60 Tage. Also habe ich den Roman portioniert. Bin jeden Morgen aufgestanden, hab mir eine Stunde Zeit genommen und jeden Tag 17 Seiten gelesen. Den ganzen Sommer. Das war sehr schön. Mit einem Roman zu leben.

Source: welt.de