Houellebecq im Hotel: Die Zeit mit Michel

Mit etwas Abstand betrachtet, wird immer klarer: Es war das Setting eines Traumes, obwohl es real war. Wir saßen mit Michel Houellebecq in der Lounge eines Schweizer Luxushotels, hatten zig Fragen vorbereitet, und dann konnten wir seine Antworten nicht verstehen. Ein invertierter Prüfungs-Traum vielleicht, bei dem nicht die Antworten, sondern die Fragen über das Bestehen entscheiden – das Bestehen vor einem Schriftsteller, den man vor allem für eines schätzt: für seine Unterhaltsamkeit. So jemanden möchte man keinesfalls langweilen.

Der Traum beginnt so gut: Houellebecq betritt die edle Lounge wie die Karikatur, die von ihm schon oft gezeichnet wurde. Zauselig, natürlich wieder in Kapuzenjacke (es ist nicht der grüne Parka mit Fellrandkapuze von früher, sondern ein schwarzer: ein Element der Verschiebung) und verstohlen beäugt von einigen Gästen im Luxus-Sportdress (ein Element der Verdichtung). Dann aber beginnt die Krise. Wir fragen, ob wir das Gespräch auf Englisch führen können, er antwortet „Je préférerais le Français“, sofern wir das denn richtig verstanden haben. Wir haben leider sowohl unsere eigene Fähigkeit, Französisch zu sprechen, überschätzt als auch die Fähigkeit oder den Willen Michel Houellebecqs, Englisch zu sprechen, wahrlich keine gute Voraussetzung für ein Interview, aber nun ist es so. Also fragen wir in einem Mischmasch aus Englisch und Französisch, er antwortet auf Französisch, wobei sich nicht einmal das sicher behaupten lässt, denn er nuschelt und spricht extrem leise.

Parodie und Paradies

Wir versuchen einen Einstieg über den Ort: Houellebecq hat nicht weit entfernt kurz zuvor ein Festival auf dem Monte Verità besucht, dort auch über Reformbewegungen gesprochen, über Hippies und 1968. Ob er, fragen wir auch angesichts einiger Darstellungen in seinem Roman „Elementarteilchen“, im Hippietum eine bloße Parodie sehe? Es kommt zu einem kurzen Missverständnis zwischen „parodie“ und „paradis“, dann sagt er: „C’est possible.“ Er meint wohl das Erstere. Dann schließt sich eine längere Antwort an, in der es auch um Ulrike Meinhof und deren Mutter geht, um Trotzkisten, die Vorstellung eines „moderaten Stalinismus“, dann lacht er.

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Er scheint sich langsam warmzulaufen, es geht nun bald kreuz und quer durch die Zeiten, um die Veränderung der französischen Einwanderungsgesellschaft, um die erstaunliche Wiederkehr des Katholizismus, eine Zunahme an Taufen in Frankreich in den letzten Jahren – wenn wir richtig verstanden haben. Es drängt sich die Frage auf, ob er, allen Behauptungen seines kalten Postmodernismus zum Trotz, im Grunde ein katholischer Autor sei? Er verneint, überlegt aber, sagt einen schwer verständlichen Satz, in dem die Formulierung „de temps en temps“ vorkommt, und dass er nun immer häufiger auf Beerdigungen gehen müsse.

Das verdammte Geklimper der Loungemusik

Wir schieben das Aufnahmegerät auf dem Tisch so nah wie möglich an ihn heran – und denken doch schon mit Schrecken an das, was auf der Aufnahme zu hören sein wird. In einem Comic würde über der Szene jetzt eine lautmalerische Buchstabenfolge für die Geräuschkulisse aus Gerätegesumm und Stimmgewirr stehen, „brmshrrr!“ etwa, außerdem wären Noten abgebildet für das verdammte Geklimper der Loungemusik. Dann immerhin sagt Houellebecq einen klaren Satz: 1968, das sei keine Revolution der Hippies gewesen, pas du tout. Sondern eine des Proletariats. Das kennt man schon von ihm, die eigentliche Revolution sieht er 1945 beginnen mit dem Siegeszug der amerikanischen Kultur über die europäische. Wir wagen uns vor ins Persönliche: Ob er in „Elementarteilchen“, insbesondere in der Figur der Mutter der Protagonisten-Brüder, auch die Beziehung zur eigenen Mutter verarbeitet habe?

In diesem Moment beginnt jemand in der benachbarten Sofa-Ecke plötzlich einen lauten Zoom-Call am Laptop in amerikanischer Manier, und es wird völlig hoffnungslos: Wir brechen das erste Mal ab. Houellebecq schaut irgendwie verdattert und vage mitleidig, aber nicht im Mindesten erschüttert oder genervt; er schlägt vor, draußen eine rauchen zu gehen.

Der Unterschied zwischen Franzosen und Schweizern?

Plötzlich denken wir an den Film „Thalasso“, in dem Houellebecq mit Gérard Depardieu eine Art Entziehungskur in einem Luxus-Therapiezentrum macht, nur um festzustellen, dass ein Leben ohne Wein und Zigaretten sinnlos ist. In dem Film wird der Schriftsteller einmal vom Personal ermahnt, nicht zu rauchen, und dann sagt ein anderer Gast den beiden Kurgästen ins Gesicht, sie seien eine Schande für Frankreich.

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Vor dem Schweizer Hotel erstreckt sich eine weite Parklandschaft mit Rasen im Ausmaß mehrerer Fußballplätze, auf dem Houellebecq nun rauchend steht, aber es stört niemanden. Wir fragen ihn, was für ihn der Unterschied zwischen Franzosen und Schweizern sei. Er antwortet, das können wir sogar direkt verstehen: Die Schweizer seien verantwortungsbewusst.

In diesem Moment biegen um die Ecke des Gebäudes zwei große Rasenmähtraktoren, auf denen Männer mit Gehörschutz sitzen, und beginnen mit für uns ohrenbetäubendem Lärm ihre Bahnen auf dem weiten Grün zu ziehen, obwohl es gar nicht so aussieht, als ob es gemäht werden müsste. Sofort ist klar, dass es sinnlos wäre, hier weiter ein Gespräch zu versuchen.

Die Möglichkeit eines Bacchanals

Wieder drinnen, begeben wir uns auf die Suche nach einem ruhigeren Raum. Wir müssen dafür durch einen langen Flur gehen, vorbei an Vitrinen mit Golfmode. Es kommt eine Bar, doch wieder mit Loungemusik. Am Ende des Flurs öffnen wir eine Tür, aber sofort ertönen die Rasenmäher. In einem Seitengang schließlich Hoffnung: Ein Saal wird da ausgeschildert, wir sind wild entschlossen, uns darin mit Houellebecq zurückzuziehen. Doch er deutet wortlos auf eine Art Kordel in Rot, die offenbar als Signal an der Türklinke hängt, und schüttelt den Kopf. Unser Blick fällt auf das Schild mit dem Namen des Saals: „Sala Bacchus“. Nun schwirren uns verschiedene Titel durch den Kopf, darunter „Die Möglichkeit eines Bacchanals“ und „Wir sind noch einmal davongekommen“.

Seltsamer kann es wohl nicht mehr werden, denken wir und ergeben uns dem Schicksal, dass es dann wohl einfach nicht klappt mit einem ordentlichen Interview. Da taucht plötzlich aus einem anderen Seitengang Houellebecqs italienische Agentin auf und fragt, wie es laufe. Sie hilft uns dann durch Ansprechen des Hotelpersonals, in einem anderen Loungebereich endlich etwas Ruhe zu finden für die verbleibende Zeit.

Kein Interesse an Autobiographie

Wir setzen beim Thema der Mutter noch einmal an. Aber auch hier wird Houellebecq ziemlich deutlich: Nein, er habe eigentlich noch nie etwas auch nur annähernd Autobiographisches geschrieben, es sei bei ihm auch stets so, dass er eine Idee habe, und schon beim Niederschreiben verändere sie sich. Am Autobiographischen sei er gar nicht interessiert. Als wir fragen, wie auf ihn dann die besonders in Frankreich zurzeit verbreitete Mode von Autobiographie und „Autofiktion“ wirke, sagt er, er habe sie nie verstanden und erst recht nicht, was daran neu sein solle.

Neu ist dagegen Michel Houellebecqs Pop-Album „Souvenez-vouz de l’homme“, auch wenn es teils auf älteren Gedichten beruht, und vielleicht ließe sich ja darüber noch mit ihm ein bisschen ins Gespräch kommen, wo wir schon so schön zusammensitzen? Seine Endzeit-Lyrik schwebt darauf über einer spacigen Musik, die besonders in Frankreich viele Vorbilder zu haben scheint.

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Was Frédéric Lo da für Klangteppiche geschaffen hat, erinnert an den Elektropop des Duos Air, vielleicht auch den eines Sébastien Tellier, das sorgt für melancholische Entrücktheit – aber auch hier räumt Houellebecq das Thema entwaffnend schnell ab: Zu der Musik könne er im Grunde überhaupt nichts sagen, er überlasse sie vollständig seinem Kompagnon, habe diesem allenfalls Längenangaben für die Stücke gemacht. Irre, denken wir, eine derart desinteressierte Haltung ist, gerade im Vergleich zu sonstigen Popmusik-Interviews („Ich glaube, es ist mein bisher bestes Album“), einfach erfrischend anders, wenn auch völlig unproduktiv.

Trotzdem versuchen ihn noch etwas zu charmieren durch einen Vergleich seiner Stimme mit der von Serge Gainsbourg (es könnte einem etwa der rauchige Parlandoton der „Ballade du Melody Nelson“ einfallen) – doch weh! Houellebecq sagt ganz gelassen, er habe Gainsbourg eigentlich nie recht gemocht, dessen Wortspiele seien doch Mallarmé für Arme. Wir sind mit unserem Latein am Ende, und die Zeit, die uns mit Michel gegeben war, ist es auch.

Später im Auto hören wir in Dauerschleife das neue einlullende Chanson „Ils chevauchaient le vent“ (Sie ritten auf dem Wind), bei dem ein absurder Frauenchor säuselt und die Stimme des Dichters einen zu Herzen gehenden Nachruf auf die längst verblichene Menschheit formuliert, aber wir hören es jetzt mit ganz anderen, unpoetischen Ohren, die nur eine Frage aufwerfen: Wie zum Teufel haben sie im Studio Houellebecq dazu gekriegt, so deutlich zu sprechen?

Source: faz.net