Hohe Gaspreise: Uniper schaut hinaus Nahost-Krise mit großer Sorge

Im Düsseldorfer Energiekonzern Uniper machen sie jetzt „Awareness Calls“. Seit Beginn des Irankrieges schaltet sich der Vorstand zweimal die Woche morgens um 7.30 Uhr mit den wichtigsten internen Nahost-Fachleuten zusammen. Wie ist die Lage? Was gibt es Neues? Haben wir etwas übersehen? „Krisenstab“ nennen sie es nicht. Denn bislang – das ist jedenfalls die öffentliche Erzählung – fühlen sie sich „gut und solide aufgestellt“, so formulierte es Konzernchef Michael Lewis am Mittwoch im Rahmen der Vorstellung von Unipers Jahresbilanz. Und doch – auch das machte Lewis in seiner Rede klar – „geben die Entwicklungen im Nahen Osten Anlass zu großer Sorge“.
Uniper zählt zu den größten Energieunternehmen in Deutschland und ist zugleich einer der bedeutendsten Gasimporteure und -händler des Landes. In der Gaskrise 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine musste das Unternehmen vom Bund gerettet werden, als Gaslieferungen aus Russland plötzlich stoppten. Seither befindet es sich zu mehr als 99 Prozent in Staatshand. In der jetzigen Krise in Nahost sei „die Situation für Uniper jedoch grundlegend anders“, sagte Lewis. Uniper unterliege derzeit „keinen direkten Beschränkungen“ bei der Beschaffung von Flüssiggas (LNG), „und es sind keine LNG-Lieferungen aus der betroffenen Region geplant, die die Straße von Hormus passieren würden“.
Gleichwohl müssten asiatische Länder gerade „Ersatzgas“ einkaufen, weil ihre Lieferungen betroffen sind. Auf den Märkten für Gas und Strom zeige sich deswegen ein kurzfristiger Preisanstieg für das Jahr 2026. „Doch wenn wir über 2027 oder 2028 reden, ist der Preiseffekt deutlich kleiner oder überhaupt nicht da“, so Lewis. „Und das bedeutet, dass der Markt eine schnelle Lösung dieses Konflikts erwartet.“ Was wäre, wenn sich das als falsch herausstellt? Da wollte Lewis „nicht spekulieren“.
Nach vier Jahren wieder eine Dividende
Für Uniper verwies er auf das mittlerweile „sehr diversifizierte Portfolio“, das nicht „von einem einzelnen Land oder einem einzelnen Unternehmen“ abhängig sei. Die Düsseldorfer hätten inzwischen langfristige Abnahme- und Lieferverträge für Gas und LNG mit Unternehmen aus den USA, Kanada und Australien. Grundsätzlich blieben Qatar oder die Vereinigten Arabischen Emirate auch weiterhin mögliche Partner, doch Uniper werde Sorge dafür tragen, dass nicht Einzelne im Portfolio Übergwicht bekämen.
Gerade erst hat sich der Konzern von den letzten wirtschaftlichen Effekten der Misere in der Gaskrise 2022 befreit. Seine Gewinnziele konnte das Uniper 2025 erreichen. Zum ersten Mal nach vier Jahren möchten die Düsseldorfer daher wieder eine Dividende ausschütten, wie Finanzvorstand Christian Barr am Mittwoch verkündete: 72 Cent je Aktie. Damit klingelt die Kasse vor allem beim größten Anteilseigner, dem Bund. Der Hauptversammlung wird in Summe eine Ausschüttung von 300 Millionen Euro vorgeschlagen. Bis Ende 2025 wäre das noch gar nicht möglich gewesen, da wegen der staatlichen Rettung ein Dividendenverbot galt. Mittlerweile ist es aufgehoben.
„Die Möglichkeit, wieder Dividenden zahlen zu können, ist ein Zeichen der finanziellen Stabilität und ein wesentlicher Baustein für die Kapitalmarktfähigkeit von Uniper“, formulierte Lewis. Zwar habe der Gewinn „erwartungsgemäß deutlich unter den außergewöhnlich guten Ergebnissen des Vorjahres“ gelegen, teilte Uniper weiter mit. Doch das hatte das Unternehmen schon erwartet und somit seine Prognose erreicht. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag bei 1,1 Milliarden Euro, nach 2,6 Milliarden Euro im Vorjahr. Als bereinigten Nettogewinn (Adjusted Net Income) gab Uniper 544 Millionen Euro an, während es im Jahr 2024 noch 1,7 Milliarden Euro gewesen waren. Die schlechteren Gewinnzahlen begründete Lewis unter anderem mit niedrigeren Preisen, Kraftwerksstillegungen und einem Rückgang der Ergebnisbeiträge aus Absicherungsgeschäften. Für 2026 erwartet Uniper ein Ergebnis zwischen einer und 1,3 Milliarden Euro.
Lewis wünscht sich Gasspeicher-System wie in Frankreich
In der Gaskrise 2022 hatte der Bund Uniper nicht nur fast komplett aufgekauft, sondern auch mit Eigenkapital in Höhe von 13,5 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt. Dabei ging es vor allem darum, einer Kettenreaktion vorzubeugen, die auch kleinere Energieversorger wie Stadtwerke hätte betreffen können. Wegen Vorgaben der EU-Kommission muss der Bund bis 2028 seinen Anteil auf 25 Prozent plus eine Aktie reduzieren. Die Bundesregierung hatte zuletzt gesagt, eine Veräußerung über den Kapitalmarkt sei die zentrale Handlungsoption zur Reprivatisierung. Die Uniper-Manager hielten sich am Mittwoch zum Verlauf der Gespräche mit dem Bundesfinanzministerium bedeckt.
Kritische Töne äußerte Lewis zwischen den Zeilen mit Blick auf die Energiesicherheit in Deutschland und verwies auf die wichtige Rolle der Erdgasspeicher für die nächste kalte Jahreszeit. „Ziel muss sein, dass die Füllstände ausreichen, um sicher durch den Winter zu kommen – gleichzeitig müssen die Speicher so betrieben werden können, dass mindestens die Kosten für die Betreiber gedeckt sind. Ansonsten riskiert man Schließungen.“ Uniper ist in Deutschland ein wichtiger Betreiber von Erdgasspeichern, über die zurzeit auch politisch viel diskutiert wird. Während früher die Speicher im Sommer zu günstigen Preisen befüllt wurden und im Winter das Erdgas wieder ausgespeichert werden konnte, fehlen heutzutage oft Anreize zum Einspeichern. Die billigen Preise im Sommer stellen sich seltener ein, zum Teil ist Erdgas im Sommer sogar teurer als im Winter.
Lewis machte sich auf Nachfrage für ein System wie in Frankreich stark. Dort wird staatlich definiert, wie viel Speichergas das Land benötigt. Für Speicherbetreiber wie Uniper gilt ein regulierter Zielerlös. Liegen die Erlöse aus der Kapazitätsvermarktung darunter, wird die Differenz staatlich ausgeglichen, liegen sie darüber, muss der Speicherbetreiber Geld zurückzahlen. „In Frankreich funktioniert dieses System sehr, sehr gut und effektiv“, sagte Lewis. In Deutschland waren die Gasspeicher zuletzt zu rund 22 Prozent gefüllt, das ist deutlich weniger als im Vorjahr, wo der durchschnittliche Stand Anfang März bei rund 32 Prozent lag.