Hitlerisiert | „Hitler transkribieren“ von Olivier Mannioni: Sümpfe von Hass, Missgunst und Groll

Der Übersetzer von „Mein Kampf“ ins Französische, Olivier Mannoni, blickt in seinem Essay zurück auf eine belastende Zeit. Mannoni analysiert mit genauem Blick die Sprachpolitik der Faschisten und spricht über ihr toxisches Nachleben


Adolf Hitler beim Üben einer Rede im Jahr 1933

Foto: Imago/United Archives International


Vor mehr als zehn Jahren erschien Timur Vermes’ Satire Er ist wieder da, in der Adolf Hitler mitten in Berlin auftaucht und als TV-Demagoge die Gegenwart auf den Kopf stellt. Die später verfilmte Farce fällt einem auf den ersten Seiten von Olivier Mannonis Essay Hitler übersetzen ein, weil dort erst ein gegenteiliges Szenario in Erinnerung gerufen wird. „In unserem Büro hat sich etwas verändert. Es ist etwas verschwunden, doch unmöglich zu wissen, was. Ich brauche ein paar Minuten, um es herauszufinden: ‚Er‘ ist nicht mehr da. Oder genauer: Er kehrt mir buchstäblich den Rücken zu. Weil meine Frau seine Anwesenheit nicht mehr erträgt, hat sie die Bücher, auf denen sein Name in fetten Druckbuchstaben steht, so gestellt, dass jetzt ihr Vorderschnitt zu sehen ist.“

Fast ein Jahrzehnt hat der Franzose mit Hitlers „Hexenbuch“ verbracht

Mit „Er“ ist Adolf Hitler gemeint, der 2013 für einige Jahre ins Arbeitszimmer des französischen Übersetzers einzog. Mannoni hatte vom renommierten Verlag Fayard den Auftrag bekommen, Hitlers Mein Kampf für eine kritische Ausgabe mit historischem Apparat zu übersetzen. Damals waren die Urheberrechte an dem Pamphlet erloschen, auch in Deutschland erschien eine viel diskutierte kommentierte Ausgabe. Fast ein Jahrzehnt hat der Franzose mit der Übersetzung von Hitlers „Hexenbuch“ sowie der kritischen Einordnung durch ein wissenschaftliches Komitee verbracht. In seinem Essay blickt er auf diese belastende Zeit zurück, analysiert mit genauem Blick die Sprachpolitik der Faschisten und spricht über ihr toxisches Nachleben. Mannoni ist Experte, was die übersetzerische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus betrifft. Aufklärende Werke wie Peter Reichels Der schöne Schein des Dritten Reiches, Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager oder Ernst Klees Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer hat er in seine Muttersprache übertragen, aber auch Quellentexte wie Joseph Goebbels’ Tagebücher oder Heinrich Himmlers eheliche Korrespondenz.

Er wusste, dass die Übersetzung der Texte führender Nationalsozialisten „immer ein unangenehmer Slalom zwischen kolossalen Auswüchsen an Banalität, Unvernunft, Gewalt und Unausgesprochenem“ ist. „Diese Quellen stinken nach schwarzen Sümpfen von Hass, Missgunst und Groll. Sie werfen ein Licht auf Männer, die nicht zugeben konnten, dass ihnen aufgrund mangelnder Intelligenz, Bravour oder Kompetenz die Erfüllung ihrer Träume verwehrt geblieben war, und die das nach Möglichkeit wettmachen wollten, indem sie ihre Mitmenschen vernichteten.“ Nichtsdestotrotz machte er sich an die Aufgabe, Hitlers vergiftetes Pamphlet in ein lesbares Französisch zu überführen. Seine erste geglättete Fassung wurde verworfen, das für den kritischen Apparat verantwortliche Historikerteam wollte einen Text, der exakt dem Original entsprach: „trübe, voller Fehler und Wiederholungen, oft unleserlich, mit einer wackeligen Syntax, gespickt mit zwanghaften Wendungen“, erinnert sich der Übersetzer. Er sollte „möglichst dicht am Chaos bleiben“; oder wie es in einem Porträt in Le Monde später hieß, „ ,Mein Kampf‘wieder hitlerisieren.“ Was das genau heißt, zeigt er in seinem Essay auf. Hitler habe sich weitgehend abgedroschener Begriffe bedient, seine Argumentation weide sich vor allem an sich selbst, schreibt er rückblickend. In Mein Kampf finde sich seitenweise „verunglücktes intellektuelles Pseudogerede“, das den Anschein von Tiefe vermittele, aber nichts anderes sei als „ein wirres Durcheinander, das lawinenartig auf die Lesenden einstürzt.“ Die verschwurbelte Syntax stehe dabei „systematisch im Dienst eines perversen Denkens“, schreibt Mannoni, dessen Analyse Nicola Denis mit Blick fürs Detail ins Deutsche übertragen hat.

Das Nebeneinander von verworrenen politischen Ideen und propagandistischem Geschwurbel begleitet auch den Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen weltweit. Es ist wieder da, das faschistische Denken, und mit ihm die Strategie der sprachlichen Klitterung. Nach seiner Auseinandersetzung mit den originären Quellen erkennt Mannoni deutliche Parallelen. Die Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“ und das Leitmotiv der „Remigration“ seien besorgniserregende Echos auf Hitlers Text. Als Werkzeug des Dialogs und der Entscheidungsfindung steht die Sprache im Zentrum der antidemokratischen Angriffe. Wird sie verfälscht, gerät das Ganze ins Rutschen. „Die extreme Vereinfachung des Diskurses ist der sicherste Weg zur Gewalt.“

Hitler übersetzen Olivier Mannoni Nicola Denis (Übers.), Harper Collins 2025, 144 S., 22 €