Historischer Wendepunkt: Wie ein Konzern einmal die Frankfurter Zeitung rettete
Am 2. Dezember 1925 schlossen sich mit der AG für Anilin-Fabrikation, BASF, Bayer, Hoechst, Griesheim-Electron und Weiler-ter Meer sechs deutsche Chemieunternehmen unter dem Dach der BASF zur I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft, kurz IG Farben, zusammen. Erster Vorstandsvorsitzender des Kolosses wurde der wenige Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Chemiker Carl Bosch. Er hatte bisher die BASF geleitet.
Die Geschichte der IG Farben, nicht zuletzt ihre unselige Verstrickung mit dem Nationalsozialismus, ist gut dokumentiert. Bis heute nicht vollständig erforscht bleibt ein Beitrag des Konzerns zur Rettung einer der damals angesehensten Zeitungen Deutschlands. Die von dem Bankier, Publizisten und Politiker Leopold Sonnemann in der Mitte des 19. Jahrhunderts mitgegründete und lange durch ihn geprägte Frankfurter Zeitung verdankte ihren Ruf einem furchtlosen Eintreten für die Demokratie gegenüber Mächtigen wie Reichskanzler Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II., einem von Geschäftsleuten und Kapitalanlegern geschätzten Wirtschaftsteil (damals Handelsteil genannt) sowie einer starken Verbreitung im Ausland.
Vor dem Ersten Weltkrieg beruhte der wirtschaftliche Erfolg auch auf dem aus dem Ausland getriebenen Werbegeschäft. „Die großen Finanzanzeigen sind in Frankfurt ebenso wie in New York, London und Paris den großen Zeitungen ins Haus gebracht worden“, erläuterte der spätere Geschäftsführer Wendelin Hecht. „Gestützt auf eine solch starke und zugleich feste Finanzgrundlage erfolgte bei allen internationalen Zeitungen schon als Wettbewerb mit den konkurrierenden Zeitungen in anderen großen Ländern ein ununterbrochener Ausbau der Redaktion im Heimatland und außerhalb des Heimatlandes.“
Verteidigerin der wenig geliebten Weimarer Republik
Mit dem Ersten Weltkrieg „versiegte das bisherige internationale Finanzanzeigengeschäft, vor allem für das besiegte Deutschland. Es verlor auch eine so große Zeitung, wie sie nach wie vor die FZ war, ihren finanziellen Rückhalt“, fuhr Hecht fort. Der Verlag versuchte vergeblich, diese Einbußen durch neue Geschäfte wie die Herausgabe von Büchern und einer Illustrierten zu kompensieren. Im Kerngeschäft brachen derweil nicht nur die Anzeigenerlöse ein: In der Weimarer Republik halbierte sich die Auflage der Frankfurter Zeitung auf 55.000 Exemplare. Konkurrenten ging es kaum besser, aber das war kein Trost.

In politischer Hinsicht fand sich die Zeitung mit ihrem ungebrochenen Eintreten für die Demokratie als häufig angefeindete Verteidigerin der wenig geliebten Weimarer Republik wieder, nachdem sie im Kaiserreich zu den profiliertesten Oppositionsblättern gezählt hatte. Nahe stand sie der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), deren Anteile bei Reichstagswahlen jedoch von 18,6 Prozent (1919) auf ein Prozent (1932) einbrachen. Die Lage war heikel. Mitte der Zwanzigerjahre kursierten in der Redaktion Gerüchte über drückende Bankverbindlichkeiten der Frankfurter Societäts-Druckerei, dem Verlag der Frankfurter Zeitung.
Sonnemanns Tochter Therese hatte in die Königsberger Bankiers- und Verlegerfamilie Simon eingeheiratet. Der Familienverbund Simon/Sonnemann besaß 86 Prozent der Anteile am Verlag; die übrigen Anteile wurden von Freunden und langjährigen Mitarbeitern der Zeitung gehalten. Ein Sohn Thereses, Heinrich Simon, leitete in der Zeitung, die keinen Chefredakteur besaß, die Konferenz einer sehr selbstbewussten, auf ihre Unabhängigkeit bedachten Redaktion.
Verluste machen Veränderungen nötig
Ende der Zwanzigerjahre verlangten hohe Verluste des Verlags nach spürbaren Veränderungen. Fusionsprojekte mit anderen Zeitungen, darunter dem Berliner Börsen-Courier, waren ebenso gescheitert wie Verkäufe Berliner Immobilien. Zudem weigerten sich die Eigentümer mit Verweis auf Qualitätssicherung, die Redaktionskosten spürbar zu reduzieren.

Der mit der Familie Simon vertraute Berliner Rechtsanwalt Fritz Sabersky begab sich diskret auf die Suche nach Kapitalgebern mit einem Verständnis für eine „allgemein demokratisch gerichtete Politik mit entschieden sozialer Richtung, jedoch unter Anerkennung der Notwendigkeiten des allein zur Erzielung höchster Produktivität geeigneten Großkapitalismus. Jede Beeinflussung spezieller Art für irgendeine Interessengruppe bleibt völlig ausgeschlossen.“ Schließlich kam Sabersky in Kontakt mit dem Naturwissenschaftler und Politiker Hermann Hummel, der als Reichstagsabgeordneter der DDP die politischen Grundüberzeugungen der Zeitung teilte. Hummel war zudem wirtschaftlich tätig, so als Aufsichtsratsmitglied der IG Farben und als Gesellschafter des Beteiligungsunternehmens Imprimatur GmbH.
Am 27. Februar 1929 übernahm die Imprimatur 48 Prozent der Anteile an der Frankfurter Societäts-Druckerei. „Bei der Unbeliebtheit der ‚Frankfurter Zeitung in der Industrie, ihrem Ruf als jüdisch beeinflusstes und radikal linksdemokratisch stehendes Organ, war es zwar leicht, Kreise in der Wirtschaft zu finden, die bei ihrer traditionellen Unkenntnis des Zeitungswesens es nun für möglich hielten, über eine Beteiligung die Haltung des Blattes zu beeinflussen“, schrieb Hummel, der gleichzeitig einschränkte: „Dabei war uns klar, dass die redaktionelle Unabhängigkeit aufrechterhalten werden müsse, wenn der ‚good will‘ der Frankfurter Zeitung nicht verloren gehen solle.“

Das Geld floss der Imprimatur zum größten Teil über Schweizer Banken zu. Wer waren die eigentlichen Geldgeber? Als Hummel in den Aufsichtsrat des Verlags gewählt wurde, entstanden Spekulationen über eine Beteiligung der IG Farben, die von der Zeitung am 29. April 1929 in einem „In eigener Sache“ überschriebenen Artikel zurückgewiesen wurden. Angaben über eine Beteiligung, „auch eine Minoritätsbeteiligung der IG Farbenindustrie oder eines anderen Erwerbsunternehmens an der Frankfurter Societäts-Druckerei in irgendeiner Form“ seien unwahr, hieß es. Das entsprach den vagen Angaben Hummels, der die Zeitung über die genaue Herkunft des Geldes damals nicht aufgeklärt hatte. Noch Jahre später versicherte Hummel, die IG Farben habe mit der Beteiligung nichts zu tun.
Auf eine Spur der Hintermänner führt eine Mitteilung Hechts kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem erzwungenen Verkauf der Imprimatur-Anteile an einen nationalsozialistischen Verlag seien die Erlöse an die Erben Boschs und an eine Schweizer Bank abgeführt worden, hielt er fest. Somit dürfte Bosch, der wie Hummel der DDP nahestand, zum kleineren Teil eigenes Geld zur Verfügung gestellt haben.
Geld von Auslandsgesellschaften der IG Farben
Doch woher stammte der größere Teil? An dieser Stelle kommt allen Beteuerungen Hummels zum Trotz die IG Farben ins Spiel. Bosch verfügte nach Aussagen des Frankfurter Verlegers Werner Wirthle über einen Kulturfonds der IG Farben, dessen Mittel er mit Zustimmung des Finanzvorstands verwenden konnte.
Der Kulturfonds habe wohl aus Geldern von Auslandsgesellschaften der IG Farben bestanden, schreibt Christina Schäfer in ihrer Dissertation („Erich Welter. Der Mann hinter der F.A.Z.“). Wirthle hatte nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Daten und Fakten aus der Vorkriegszeit zusammengetragen und in einem schmalen Buch veröffentlicht („Frankfurter Zeitung und Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH: Die wirtschaftlichen Verhältnisse 1927–1939“).

Die Frankfurter Zeitung wurde demnach auch mit Geldern der IG Farben gerettet – allerdings ohne Einbeziehung des Gesamtvorstands und des Aufsichtsrats, die dieser Verwendung von Firmengeldern nach den Worten Hummels nicht zugestimmt hätten. Verdeckte Unterstützung von Parteien und Medien durch die IG Farben kam damals noch auf anderem Wege zustande. Im „Kalle-Kreis“, benannt nach dem Unternehmer und Politiker Ferdinand Kalle, trafen sich Ende der Zwanzigerjahre Männer, die gleichzeitig dem Aufsichtsrat der IG Farben und als Abgeordnete auch dem Reichstag angehörten.
Zu ihnen zählte auch Hummel. Der Kreis unterstützte finanziell unter anderem Parteien, darunter anfangs bürgerliche Kräfte wie die DDP, später aber auch die NSDAP. In Verhören nach dem Zweiten Weltkrieg räumte Kalle nach Angaben des Historikers Karsten Heinz Schönbach („Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus“) ein, auch die Frankfurter Zeitung habe durch Vermittlung des Kreises mehrere Hunderttausend Reichsmark erhalten.
Personalwechsel in der Redaktion
Über die Motive der Helfer, die Geld über die Imprimatur vermittelten, teilte Hummel mit: „Bosch und ich glaubten, die Verantwortung übernehmen zu können, im Interesse der Wirtschaft den Handelsteil der Frankfurter Zeitung aufrechtzuerhalten und im Interesse unserer demokratischen Überzeugung die Weiterführung dieses Kampfmittels gegen die wachsende nationalsozialistische und reaktionäre Welle zu ermöglichen.“
Ob Bosch und Hummel die zugesagte Unabhängigkeit der Redaktion wirklich respektierten, bleibt umstritten. Wirthle gestand, Briefe von Bosch an Simon mit dem Versuch einer Einflussnahme gesehen zu haben, schreibt Schäfer. Der Journalist und Historiker Günther Gillessen („Auf verlorenem Posten: Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich“) berichtet von der Absicht Hummels, Personalwechsel in der Berliner Redaktion herbeizuführen, nachdem Simon Änderungswünsche in der Frankfurter Zentrale abgeblockt hatte.

Die These einer Beeinflussung der Redaktion stützt sich auf ein, wie es damals hieß, „Revirement“: Bald nach dem Einstieg der Imprimatur verließen mehrere profilierte Redaktionsmitglieder das Blatt. Gillessen hält dieser Interpretation entgegen, dass die Personaländerungen das Ergebnis eigener Überzeugungen Simons sein konnten und keines externen Drucks bedurft hätten.
Ein anderer Ton zieht ein
Die wirtschaftlichen und publizistischen Probleme der im Niedergang befindlichen Zeitung waren jedenfalls offenkundig. Die Familie Simon mobilisierte immer wieder private Mittel für die Zeitung und musste daher selbst an besseren Verhältnissen interessiert sein. „Es gibt manche Zeugnisse, dass die Redaktion Einflussnahme auf das Blatt befürchtete, aber es gibt keinen Fall, an dem sich belegen ließe, dass die Zeitung aus Rücksicht auf die neuen Besitzverhältnisse ihre Linie geändert hätte“, betont Gillessen.

Ein etwas anderer Ton zog schon in das Blatt ein. Die Redaktion befürwortete die späten Präsidialkabinette der Weimarer Republik, „alle Zweifel an unserer demokratischen Gesinnung“ (Reifenberg) in Kauf nehmend, weil sie darin ebenso ein Mittel gegen Hitler sah wie in Benno Reifenbergs Vorschlag einer Einbindung der Nationalsozialisten in eine demokratische Regierung, um „die Mitglieder der NSDAP aus dem Weltanschauungsdunst an die Realität der Politik heranzuführen“ und ihren „Rausch vertreiben helfen“.
Reifenberg hatte das Feuilleton geleitet und war nach einer Korrespondenz in Paris in das Politische Ressort gewechselt. Besorgte Leser befürchteten, nicht grundlos, Fehleinschätzungen. Reifenbergs Biografin Dagmar Bussiek („Benno Reifenberg 1892–1970. Eine Biographie“) zitiert ihn aus einem von Ende November 1932 stammenden Schreiben an Simon: „Ich glaube, unsere Grundhaltung rechtfertigt sich: Das Dritte Reich liegt in Trümmern.“
Eher in Trümmern lag zu dieser Zeit der Verlag. Im März 1933 mussten Löhne und Gehälter gekürzt werden. Hummel warf der Familie Simon vor, sich einer harten Sanierung zu verweigern, und erwog sogar, die Anteile der Imprimatur unentgeltlich abzugeben. Niemand zeigte Interesse. Ursprünglich hatte sich die Beteiligung der Imprimatur mit der Idee einer späteren Umwandlung in eine Stiftung als Eigentümerin der Frankfurter Zeitung verbunden. Wegen der katastrophalen Geschäftslage ließ sich diese Idee aber nicht verwirklichen.
Die Machtergreifung Adolf Hitlers führte zu einer anderen Lösung. Im Frühjahr 1934 schieden die jüdischen Mehrheitseigentümer aus dem Verlag aus, den die Imprimatur vollständig übernahm, ehe sie ihn später unter Wert an die Nationalsozialisten abgeben musste. In der Zwischenzeit hatte Hecht, seit 1934 für die Geschäfte zuständig, den Verlag in schwarze Zahlen geführt. Hummel schätzte die Kapitaleinschüsse der Imprimatur in den Verlag auf sechs bis sieben Millionen Reichsmark. Wegen seiner jüdischen Abstammung emigrierte er Ende der Dreißigerjahre über die Schweiz nach Amerika.
Im Jahr 1936 – die IG Farben hatte sich längst Hitler angedient – traf sich Bosch, der persönlich kein Nationalsozialist wurde, mit der Redaktion. Er vertraute Reifenberg an: „Sehen Sie, das deutsche Volk hat begreifen müssen, dass ihm aus der wilhelminischen Zeit kein Segen gekommen ist. Dann hat es nach 1918 sein Vertrauen den Sozialdemokraten geschenkt und fühlte sich nach Jahren großer Hoffnungen am Ende wieder enttäuscht. Jetzt hat es auf Hitler gesetzt, und eines Tages wird es in tiefster Erschütterung aufs Neue erfahren, dass es sich geirrt hat. Wenn es so weit gekommen ist, dann wird es die Aufgabe der Frankfurter Zeitung sein, das deutsche Volk davor zu bewahren, sein Selbstbewusstsein vollends zu verlieren.“
So kam es nicht. Die Frankfurter Zeitung, die nach 1933 vorsichtig versuchte, Kritik gegenüber dem Regime zu artikulieren, wurde im Herbst 1943 von den Nationalsozialisten geschlossen. Versuche einer Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg scheiterten.