Historiker zu Irankrieg: Hat Trump gar eine Strategie?

Mit der Wirklichkeit ändern sich auch die Begriffe – so stellen wir es uns zumindest vor. Als unter George W. Bush Expansionspolitik mit Demokratisierung verbunden werden sollte, lauteten die Schlagworte „nation building“ und „regime change“. Trump hingegen stand dann für „Isolationismus“ und „America first“, für minimales Eingreifen nur dort, wo amerikanische Interessen unmittelbar betroffen waren.

Spätestens mit Beginn des Irankriegs ist diese (Selbst-)Deutung nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Entführung Nicolás Maduros hatte man gerade noch mit einem Verweis darauf einordnen können, dass auch die Monroe-Doktrin, die Bibel amerikanischer Isolationisten, die unbedingte Kontrolle der westlichen Hemisphäre vorsehe. Doch Iran stellte seit den Luftschlägen des vergangenen Sommers keine direkte Bedrohung mehr dar – keine jedenfalls, die einen auf mehrere Wochen angelegten Krieg samt Ermordung der Führungsriege gerechtfertigt hätte. Wie also lässt sich die neue Zielsetzung amerikanischer Außenpolitik beschreiben?

Ferguson: Iran 2026 ist nicht Iran 2003

Niall Ferguson hat dazu einen bedenkenswerten Vorschlag unterbreitet. Begriffsprägungen liegen dem britisch-amerikanischen Großhistoriker: Nach der zweiten Trump-Wahl popularisierte er „vibe shift“ als Deutungsangebot für die allseits zu beobachtenden Rechtsverschiebungen in der politischen Landschaft. Am Samstag nun schrieb er im Onlinemedium „The Free Press“ – noch bevor die Ermordung Ali Khameneis vermeldet worden war – Trump wolle mitnichten zur zivilisatorischen Interventionspolitik der Neokonservativen zurückkehren. Iran 2026 sei nicht Irak 2003, das Ziel nicht „regime change“, sondern „regime alteration“.

Während „change“ eine grundlegende Veränderung bezeichnet, meint „alteration“ häufiger eine Anpassung, bei der die wichtigsten Eigenschaften gewahrt bleiben. Im Vergleich zu früheren Regierungen ist das jüngste Handeln Trumps mit dieser semantischen Verschiebung scheinbar gut beschrieben. Ferguson verweist auf Venezuela, wo die Struktur des chavistischen Regimes durch die Entführung Maduros nicht angetastet worden sei: „Die Anpassung war, dass die neue Präsidentin Delcy Rodríguez nun gegenüber Washington rechenschaftspflichtig sein würde, nicht gegenüber Havanna oder Peking.“

An der Hoover Institution in Stanford tätig: Niall Ferguson
An der Hoover Institution in Stanford tätig: Niall FergusonPicture Alliance

Was genau und zu welchem Nutzen geändert werden soll, ist mit der Differenz zwischen „change“ und „alteration“ jedoch nicht ausgedrückt. Hier gibt es einen fundamentalen Unterschied: Während es bei Bush zumindest vordergründig noch um eine Veränderung der Regierung zugunsten der einheimischen Bevölkerung ging, scheint die „Anpassung“ bei Trump lediglich eine Anpassung an amerikanische Interessen zu sein. Den Rest, so der Präsident in seiner ersten Ansprache nach Kriegsbeginn, müsse die iranische Bevölkerung schon selbst machen.

Zu den wahrscheinlichsten Szenarien für ein Nachkriegsiran zählt denn auch ein Militärregime, das sich dem Ausland gegenüber konziliant zeigt und der atomaren Bewaffnung abschwört, im Inland aber ähnlich repressiv agiert wie die Mullahs – nur mit amerikanischer Duldung. Ein solches Schreckensszenario wird mit „regime alteration“ eher noch verbrämt.

Bleibt die grundsätzliche Frage, ob sich die Ziele der Trump-Regierung überhaupt durch analytische Begriffen fassen lassen. Folgte Trumps Eingreifen in Venezuela und Iran wirklich rationalem Kalkül – oder nicht doch dem Wunsch, etwas „Großes“ zu unternehmen und als Feldherr in die Geschichtsbücher einzugehen, nachdem die Welt ihn als Friedensmacher nach eigener Ansicht nicht wollte? Die öffentlichen Äußerungen der Akteure seit Kriegsbeginn lassen jedenfalls kaum auf klar definierte Ziele schließen: mal geht es um einen Präventivschlag gegen das Atomprogramm, mal um eine weitgehende militärische Schwächung des Landes, mal um einen indirekten Sturz des Regimes.

Es ist verständlich, dass Wissenschaftler, die qua ihrer Profession nach größtmöglicher Klarheit zu streben gewohnt sind, eine ähnliche Klarheit auch den von ihnen beobachteten Akteuren unterstellen. Doch wer einen solch begriffsfeindlichen Präsidenten wie Trump auf einen abstrakten Begriff bringen möchte, begeht womöglich einen Kategorienfehler. Vielleicht wird man in ein paar Monaten von „regime alteration“ als Leitstern amerikanischer Außenpolitik sprechen. Vielleicht aber auch nur von Chaos.

Source: faz.net