Hilfe unter Drohnenabwehr: Als Selenskyj plötzlich vereinen Trumpf hatte

Am fünften März, dem sechsten Tag des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran, geschahen im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine zwei Dinge zugleich. Das erste: Donald Trump griff zu einer Metapher, die er vor einem Jahr bei seinem legendären Wortgefecht mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus schon einmal gebraucht hatte, bevor er seinen Gast dann einfach vor die Tür setzte.

Die Ukraine, behauptete Trump seinerzeit, habe „keine Karten“, um im Großmachtspiel mit Russland und Amerika am selben Tisch zu sitzen oder Forderungen zu stellen. Fast genau ein Jahr später, wenige Tage nach dem Beginn seines Krieges gegen Iran, benutzte der amerikanische Präsident sein Sprachbild aufs Neue: Heute, sagte er, könne Selenskyj immer noch nichts gegen einen „Deal“ der Amerikaner mit Russland ausrichten, denn mittlerweile habe die Ukraine „sogar noch weniger Karten“.

Das zweite Ereignis dieses Tages deutete dann genau aufs Gegenteil: Selenskyj teilte mit, die Vereinigten Staaten hätten die Ukraine gebeten, beim Schutz ame­rikanischer Stützpunkte und verbündeter Länder im Nahen Osten vor iranischen Luftangriffen zu helfen. Vorher waren sieben US-Soldaten auf einem Militärstützpunkt in Kuwait getötet worden, und im Verlauf der nächsten Tage wurde die Zahl der amerikanischen Toten und Verletzten dreistellig.

Das Geschoss, das in Kuwait amerikanische Opfer gefordert hatte, war vermutlich eine iranische Shahed-Drohne, also ein Flugkörper, der fast identisch ist mit den russischen „Gerans“, die seit Jahren die Ukraine terrorisieren. Sie sind verhältnismäßig einfach gebaut, aber billig in Masse herzustellen, und weil ihre Motoren beim Absturz ins Ziel kreischend aufheulen, werden sie manchmal mit den deutschen Stukas im Zweiten Weltkrieg verglichen.

Anders als die Amerikaner und die Monarchien am Persischen Golf aber können die Ukrainer diese Waffe mittlerweile gut abwehren. Im „Monitor Luftkrieg Ukraine“ des Vereins „Kyjiwer Gespräche“ und der Konrad-Adenauer-Stiftung heißt es dazu, Russland habe allein im Februar dieses Jahres 5059 Langstreckendrohnen, 118 ballistische Raketen und 172 Marschflugkörper auf die Ukraine abgefeuert. Das sind deutlich mehr als im Monat davor. Dennoch habe die Ukraine ihre Abfangrate bei Drohnen auf 87 Prozent steigern können.

Die Ukraine fängt ständig Drohnen iranischer Bauart ab

Bei Marschflugkörpern und Raketen war die Abfangquote zwar niedriger, aber die Drohnen der Kategorie, wie auch Iran sie jetzt am Persichen Golf verfeuert, werden in der Ukraine zum größten Teil von Maschinengewehrtrupps, hypermodernen Abfangdrohnen, Kampfflugzeugen und ein paar deutschen Gepard- Flug­abwehrpanzern gestoppt. Dass Russland trotzdem regelmäßig einige ins Ziel bringt, liegt nur daran, dass die schiere Größe der Angriffsschwärme selbst die ukrainischen Experten überfordert.

Ein mobiler Drohnen-Abwehrtrupp in der Ukraine bei einer Übung im Februar 2024
Ein mobiler Drohnen-Abwehrtrupp in der Ukraine bei einer Übung im Februar 2024dpa

Folgerung: Selenskyj hat vielleicht „keine Karten“, aber er hat Abfangdrohnen, und zwar genau die, die Trump braucht. So zögerte er denn auch nach dem Beginn der iranischen Schläge auf die Amerikaner und ihre Verbündeten keine Sekunde, sein As zu spielen: Er habe an­geordnet, im Nahen Osten „die nötigen Mittel und die Anwesenheit ukrai­nischer Spezialisten sicherzustellen“, schrieb er im Messenger-Dienst „Telegram“. Seither sind gleich mehrere Trupps von ukrainischen Drohnenabwehrspezialisten im Nahen Osten im Einsatz, denn außer den USA haben auch zehn andere bedrohte Länder um Hilfe gebeten.

Die Ukrainer hatten die Amerikaner schon vor Monaten gewarnt. Bei einem Besuch in Washington im letzten August hatte Selenskyj nach einem Bericht des Internetportals Axios Trump angeboten, den Vereinigten Staaten neu entwickelte Abfangdrohnen zu liefern. In einer Powerpoint-Präsentation soll er damals eine Karte des Nahen Ostens präsentiert und darauf hingewiesen haben, dass Iran seine „Shaheds“ gerade modernisiere. Die Ukraine könne helfen „Drohnenabwehrzentralen“ in der Türkei, in Jordanien und am Golf zu schaffen.

Trumps Leute nahmen Selenskyjs Warnung nicht ernst

Die Amerikaner haben das damals offenbar nicht ernst genommen. Axios zitierte einen Regierungsmitarbeiter mit den Worten: „Wir dachten, das ist halt nur Selenskyj, wie Selenskyj immer ist. Und jemand hat dann entschieden, dass wir das nicht kaufen.“

Mittlerweile aber hat ukrainische Drohnentechnologie Konjunktur, und das Blatt scheint sich zu wenden. Ein Regierungsmitarbeiter in Kiew sagte der F.A.S. jedenfalls, Amerikas Krieg gegen Iran habe für die Ukraine zwar den großen Nachteil, dass die Millionen Dollar teuren amerikanischen Patriot-Abfang­geschosse, welche die Ukraine vor allem gegen ballistische Raketen braucht, jetzt vor allem am Persichen Golf verfeuert würden. Andererseits entstehe für Kiew jetzt aber auch „eine Chance“. Länder in aller Welt verstünden mittlerweile, „dass die Art von Krieg, mit der wir es jetzt zu tun haben, auch sie selbst bedrohen kann“. Auch China rüste auf, und der nächste Schauplatz eines Drohnenkriegs könne Taiwan oder ein anderer verwundbarer Punkt im Indopazifik sein.

Im Irankrieg spüren alle die Bedeutung von Drohnen

Aber nicht nur Amerikas Interessen in Fernost seien bedroht, sondern auch eu­ropäische Verbündete wie Deutschland. In Kiewer Regierungsbüros erinnert man an die Operation „Spinnennetz“ vom Juni 2025, bei der es dem ukrainischen Geheimdienst gelang, von scheinbar zivilen Lastwagen aus Militärflughäfen in der Tiefe Russlands mit billigen Quadcopter-Drohnen anzugreifen.

Die Ukrainer konnten damals einen beträchtlichen Teil der russischen nuklearen Bomberflotte zerstören, und in Kiew heißt es, die Russen könnten das jederzeit auch probieren, zum Beispiel von Schiffen vor der deutschen Küste aus. Dann aber könnten Hamburg oder Berlin das Ziel sein. Dem neuen Krieg am Golf sei es bei allen schweren Folgen für die Ukraine nun zu verdanken, dass man in westlichen Hauptstädten endlich eines verstehe: Wer so massive Drohnenangriffe abwehren will, wie sie jetzt die Golfstaaten treffen, braucht „Waffen und Wissen – und unsere Freunde sehen, dass niemand so viele Waffen und so viel Wissen liefern kann wie wir“.

Das gelte sowohl für Abfangdrohnen, gegen russische „Gerans“ und iranische „Shaheds“, als auch für die Kamikaze-Drohnen, die sich aus dem Himmel über den Schützengräben der Ostukraine auf ihre Opfer stürzen und mittlerweile die tödlichste Waffe des dortigen Krieges sind.

Der russische Luftwaffenstützpunkt Belaja nach einem ukrainischen Drohnenangriff am 1. Juni 2025
Der russische Luftwaffenstützpunkt Belaja nach einem ukrainischen Drohnenangriff am 1. Juni 2025dpa

Was solche Waffen bewirken, hat sich in mehreren NATO-Militärübungen gezeigt, bei denen ukrainische Drohnentrupps als „rote Kräfte“ mitgewirkt haben, also in der Rolle des russischen Feindes. Im Manöver „Hedgehog“ (Igel) in Estland machten zehn Ukrainer mit Kamikaze-Drohnen und einem überlegenen elektronischen Führungssystem je ein britisches und ein estnisches Bataillon kampfunfähig. Aus Brüsseler Kreisen heißt es jetzt, hinterher sei man in der NATO nicht nur „erstaunt“, sondern „schockiert“ gewesen über die hohe „Sichtbarkeit“ von NATO-Kommandozentralen und die schlechte Vorbereitung alliierter Truppen auf den Drohnenkrieg.

Den Bedrohungen „der wirklichen Welt“ entgegentreten

Und noch einen weiteren solchen Fall hat es gegeben. Wie die F.A.S. erfuhr, haben ukrainische Seedrohnen des Typs MV7, unbemannte bewaffnete Schnellboote, im September beim kombinierten NATO-Manöver „Dynamic Messenger/REMPUS“ vor Portugal ebenfalls verheerende Wirkungen erzielt. In fünf Szenarien wurde dabei der Schutz von Häfen und Geleitzügen simuliert. Ukrainische Soldaten leiteten dabei das „rote“ Team der „Feinde“, und wer das gegnerische Ziel zuerst im Radar hatte, galt als Sieger. Eine direkt informierte ukrainische Quelle berichtet, die „Roten“ hätten in jedem Szenario gewonnen. Unter anderem hätten sie gegen eine „blaue“ Fregatte so viele Punkte erzielt, dass sie unter Gefechtsbedingungen gesunken wäre.

Ein NATO-Sprecher kommentierte entsprechende Informationen der F.A.S. mit den Worten, die Ukrainer hätten „Gefechtsrealität“ in diese Übung gebracht. Die „unschätzbar wertvollen Lek­tionen aus der Fronterfahrung der Ukraine“ trügen jetzt dazu bei, dass man lerne, „den Bedrohungen der wirklichen Welt entgegenzutreten“. Das gilt auch für die Abwehr von Langstreckendrohnen, ob sie nun von Russland kommen oder von Iran.

Die NATO hat spätestens im September 2025 erfahren, dass sie kaum in der Lage ist, sich gegen Drohnenschwärme zu wehren, wie Russland und Iran sie heute einsetzen. Damals drangen etwa 20 russische Flugkörper in den polnischen Luftraum ein. Kampfflugzeuge und Hubschrauber der NATO, darunter die hypermoderne ame­rikanische F-35, stiegen auf, um sie zu bekämpfen, und trotzdem konnten einige entkommen und krachten am Ende in Wälder und Sümpfe.

Dänemark hat die Ukraine schon um Hilfe gebeten

Spätestens damals begann man in der NATO in Bezug auf die Ukraine um­zudenken. Der polnische Verteidigungsminister reiste nach Kiew, um gemein­same Ausbildungs- und Produktionsprogramme anzustoßen, und auch Däne­mark suchte Hilfe. Im September waren nämlich auch dort Drohnen unbekannter Herkunft gesichtet worden. Mehrere Flughäfen wurden vorübergehend geschlossen, und kurz vor einem geplanten EU-Gipfel in Kopenhagen bat die dä­nische Regierung ihre Verbündeten um Hilfe für den Schutz des Treffens. Auch die Ukraine schickte ein Team. Der Gipfel verlief ohne Störung, und in ukrai­nischen Regierungsstellen regnete es Dank­botschaften.

Eine Fabrik für Überwachungsdrohnen in Kiew im September 2024
Eine Fabrik für Überwachungsdrohnen in Kiew im September 2024dpa

Jetzt aber will Kiew im Verhältnis zu seinen Verbündeten noch einen Schritt weitergehen. „Wir waren lange ein Konsument von Sicherheit, jetzt sind wir ein Land geworden, das zur Sicherheit beiträgt“, sagt etwa Olexandr Kamyschin, ein Berater Selenskyjs für strategische Fragen, der F.A.S. „Wir haben die Kapazitäten, unseren Verbündeten bei ihrer Verteidigung zu helfen.“

Kamyshin fügt aber hinzu, sein Land könne noch viel mehr seiner fortschrittlichsten Waffen liefern, wenn die Verbündeten nur die nötigen Mittel bereitstellten. Die ukrainische Rüstungsindus­trie wachse. 2024 habe man noch Kapa­zitäten für Waffen im Wert von 30 Mil­liarden Euro gehabt, aber nur zehn Milliarden, um sie zu bezahlen. Heute könne man theoretisch schon für 43 Milliarden Euro produzieren, aber nur für 13 Milliarden gebe es Finanzierung. Kamyschins Folgerung: „Wenn die Ukraine die nötigen Mittel bekommt, kann sie viel mehr produzieren als heute.“

In der deutschen Rüstungsindustrie haben viele mittlerweile verstanden, welche Chancen im ukrainischen Know-how liegen. Immer mehr Hersteller suchen sich Partner in der Ukraine. Die Gleichung lautet dabei: ukrainische Kampf­erfahrung plus deutsches Produktions­volumen ist gleich Massenherstellung modernster Kampfmittel.

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das Konzept im Februar bei einem Besuch des deutschen Drohnenherstellers Quantum Systems mit den Worten umrissen, solche Kooperationen seien vorteilhaft „für beide Seiten“: Deutschland unterstütze so die Ukraine, aber es profitiere auch. „Wir lernen von den unfassbar großen Datenmengen und den vielen Erfahrungen, die auf dem Gefechtsfeld in der Ukraine gesammelt werden.“ Das sei wegen der „rasanten, teilweise nur wenige Wochen und Monate umfassenden Innovationszyklen in diesem Bereich von immenser Bedeutung für beide Seiten“.

Deutschland steigert seine Drohnenproduktion

Die Akteure auf diesem Markt reichen von relativ jungen Start-ups wie Quantum, Helsing, Stark oder Wingcopter bis zum Platzhirsch Rheinmetall. Eine Sprecherin von Quantum teilt mit, das Unternehmen wolle zusammen mit seinem ukrainischen Partner Frontline Robotics in diesem Jahr mindestens 10.000 Drohnen in Deutschland herstellen. Dazu gehören Aufklärungsgeräte wie die „Vector“ oder Mehrzweckapparate wie die „Linza“, ein Quadcopter, der Soldaten in vorgelagerten Schützengräben Essen, Medikamente oder Zigaretten bringt, aber auch Granaten auf Feinde abwerfen kann.

Ein Mitarbeiter von Quantum Frontline Industries präsentiert eine deutsch-ukrainische Drohne.
Ein Mitarbeiter von Quantum Frontline Industries präsentiert eine deutsch-ukrainische Drohne.Daniel Pilar

Die Sprecherin sagte der F.A.S., falls die Produktion steige, könnten neben der Ukraine auch andere Partnerländer beliefert werden. Am Ende wolle man „ukrainische Technologie sowie kampferprobte Lösungen“ auch der Bundeswehr zur Verfügung stellen. Stark hat im Februar mitgeteilt, man habe soeben in der Ukraine einen neuen Standort mit mehr als 200 Arbeitsplätzen eröffnet. Der Fokus liege auf „Forschung und Entwicklung, Systemintegration sowie Training“.

Deutschland bekommt auf diese Weise Zugang zu Wissen, für das Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Leben einsetzen. „Wir lernen sehr viel aus der Zusammenarbeit mit ukrainischen Soldaten an der Front und sind dankbar dafür“, sagt etwa ein Sprecher von Helsing. Die Drohnen seines Unternehmens würden dort im Kampf erprobt. Das sei wichtig, denn auf einem Schlachtfeld herrschten „Bedingungen, die man in Deutschland nicht simulieren kann“. Auf einem Übungsplatz gebe es eben keinen russischen Gegner, „der jeden Tag seine elektronischen Abwehrmaßnahmen weiter perfektioniert“.

Die Erfahrung, die so von der Front in die deutsche Industrie fließt, soll jetzt auch der Bundeswehr zugute kommen. Der Haushaltsausschuss des Bundestages gab Ende Februar je eine Milliarde Eu­ro für die Kamikaze-Drohnen HX-2 (Helsing) und Virtus (Stark) frei – also Waffen, die auf den Schlachtfeldern der Ukraine direkt erprobt worden sind. Demnächst sollen sie bei der geplanten Bundeswehrbrigade in Litauen verhindern, dass deutschen Soldaten eines Tages dasselbe zustößt wie ihren britischen und estnischen Kollegen bei der Übung „Hedgehog“. Nur dann eben vielleicht in einem wirklichen Krieg.

Source: faz.net