Herbsttagung in Berlin: Akademie pro Sprache und Dichtung in dieser Krise

Die Stelle ist ehrenvoll und gut dotiert. Verantwortungsvoll ist sie auch. Sie umfasst „Management, Haushaltsplanung und Controlling einschließlich der Gesamtaufsicht über Haushalt und Personal“ sowie die „Anleitung und Führung eines Teams von selbständig verantwortlichen Mitarbeiterinnen“. Erwartet werden neben einer einschlägigen germanistischen Ausbildung auch „ausgeprägte Teamfähigkeit sowie sehr gutes Kommunikationsvermögen“. Bewerbungsschluss ist der 12. November.
Dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zwei Wochen vor ihrer Herbsttagung die Stelle ihres Generalsekretärs neu ausgeschrieben hat, die ihr erst im Juni 2024 angetretener Inhaber nun schon wieder verlässt, ist per se kein Zeichen dafür, dass sich die Institution in ruhigem Fahrwasser befindet. Auf den Veranstaltungen Ende vergangener Woche war diese Unruhe dann auch zu spüren, auf den Podien und im Publikum. Es ging dabei um Fragen, die sich seit jeher an die Akademie knüpfen, die grundsätzliche nach dem Sinn und den Aufgaben der Institution und die konkrete nach ihrer Finanzierung, die naturgemäß mit der grundsätzlichen verbunden ist: Welche Aufgaben die Akademie wahrnimmt, hängt auch von ihren Möglichkeiten ab.
Große Geste auf offener Bühne
Wie groß die Not ist, sprach der Akademiepräsident Ingo Schulze bei der festlichen Verleihung des Büchnerpreises am Samstag an, als er die Finanzierung der Herbsttagung des kommenden Jahres als ungesichert bezeichnete, was dem unmittelbar nach ihm sprechenden Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Gelegenheit bot, seine „Herzensbeziehung“ zur Akademie zu betonen und zu versprechen: „Die nächste Herbsttagung, die finanzieren wir“. Deutlicher hätte er nicht machen können, wie sehr die Akademie eine langfristige Absicherung ihres Bestehens braucht, um auf solche Gesten auf offener Bühne eben nicht angewiesen zu sein.
Auch Ilma Rakusa, die mit dem diesjährigen Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet wurde, sprach am Freitag bei einer Podiumsdiskussion zur Geschichte der Akademie von den „ewigen finanziellen Problemen“, die man „loswerden“ müsse; das sei „ein Dauerthema, das schmerzt“. Gewidmet war das von Lothar Müller, einem der Vizepräsidenten der Akademie, moderierte Podium der Arbeit an einer Darstellung ihrer Geschichte, die der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek herausgeben wird – „wir werden sehen, wann sie erscheint, hoffentlich bald“, meinte Ingo Schulze dazu. Immerhin gab die Podiumsdiskussion die Gelegenheit, auf eine bisweilen erstaunlich visionäre Zeitdiagnostik der Mitglieder hinzuweisen, die Anfang der Siebzigerjahre ökologische Fragen aufwarfen, 1984 die ostdeutsche Autorin Christa Wolf zur Präsidentin der westdeutschen Akademie vorschlugen und zur selben Zeit wissen wollten, ob die Sprache der Computer einmal die der Menschheit werden würde.
Eine Brandmauer im Feuer
Umgekehrt wunderte man sich in diesem Jahr auf einem Podium zur Lüge im Leben und in der Literatur darüber, dass die KI doch tatsächlich Quellen für ihre Behauptungen erfinde, und Ilma Rakusa sprach tapfer von menschlichen Qualitäten, die von KI-generierten Texten ganz sicher nicht ersetzt werden könnten.
Heinrich Detering, dem ehemaligen Akademiepräsidenten, blieb es vorbehalten, den Diskurs der Gegenwart in den Blick zu nehmen, indem er benannte, welche Vorstellungen in der „Stadtbild“-Äußerung von Merz und ihren nachträglichen Auslegungen wirksam werden, und fragte: „Was nutzt eine Brandmauer, wenn auf beiden Seiten dasselbe Feuer brennt?“
Die glänzende Dankesrede Dan Diners, der mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet wurde und in der Schilderung des Algerienkonflikts die Gegenwart des Nahen Ostens aufscheinen ließ, und ebenso Ursula Krechels Dank für die Verleihung des Büchner-Preises an sie (dokumentiert auf Seite 13 dieser Ausgabe) erwiesen sich dann als eine vorläufige Antwort auf die andauernde Sinnsuche der Akademie. Indem sie solchen Reden eine Bühne bietet, indem sie Diskussionen zu unserer Gegenwart ermöglicht und ihnen einen ungewöhnlichen Resonanzraum bietet, hat sie die Chance, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Ob sie sie nutzt, hängt in erster Linie von ihren Mitgliedern ab.
Source: faz.net