Hennadij Truchanow: Mit Fußfessel im Hausarrest

Hennadij Truchanow stößt fest und schnell. Wenn er die Tasche trifft, fallen die Kugeln mit einem Knall hinein. Vergibt er, laufen sie kreuz und quer über den riesigen Billardtisch. Doch meistens trifft er.

Der ehemalige Bürgermeister von Odessa hat gerade viel Zeit zum Üben: Weil er sein Haus nicht verlassen darf, spielt er jeden Tag. An seinem Unterschenkel hängt eine elektronische Fußfessel. Der Billardtisch steht in einem Anbau mit Samuraischwertern an den Wänden, umgeben von Heimtrainern und einem Fern­seher. „Billard ist nicht so leicht wie Schach, denn dabei muss man wirklich nachdenken“, sagt er beim Spielen.

Was Truchanow spielt, ist kein gewöhnliches Poolbillard. In dieser Variante haben alle Kugeln die weiße Farbe, nur eine ist gelb. Die Löcher sind winzig klein und nicht abgerundet, wie etwa beim Snooker. Wer an der Reihe ist, darf jede Kugel auf dem Tisch lochen. Nach diesen Regeln wird fast nur in Ländern der früheren Sowjetunion gespielt, die Spielart ist auch als „Russisches Billard“ bekannt. Truchanow aber vermeidet diesen Begriff. Denn er ist ein Politiker, dem Gegner eine große ideologische Nähe zum großen Nachbarn und heutigen Kriegsgegner vorwerfen.

Korruptionsermittlungen konnten ihm nichts anhaben

Der sechzig Jahre alte Truchanow mischt schon seit zwanzig Jahren in der ukrainischen Politik mit. Zu Zeiten des früheren russlandnahen Präsidenten Viktor Janukowitsch saß Truchanow für dessen „Partei der Regionen“ in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament. Nach Janukowitschs Sturz im Jahr 2014 sagte sich Truchanow von ihm los – und wurde zum Bürgermeister Odessas gewählt.

In der ukrainischen Zivilgesellschaft hat er keinen guten Stand. Kritiker werfen Truchanow Korruption, Vetternwirtschaft und eine Einbindung in mafiöse Strukturen vor. Seit Langem wird ihm zudem nachgesagt, dass er heimlich russischer Staatsbürger sei.

Spielart: 15 weiße Kugeln und eine gelbe
Spielart: 15 weiße Kugeln und eine gelbeDaniel Pilar

Politisch inszeniert sich Truchanow als „echter Kerl der alten Schule“. Der kahlgeschorene Mann mit harter Mimik kommt bei den Wählern gut an, drei Mal setzte er sich bei Bürgermeisterwahlen mit deutlichem Abstand durch. Auch Angriffe aus der Zivilgesellschaft, sein schwieriges Verhältnis zur Zentralregierung in Kiew und zahlreiche Korruptionsermittlungen durch das Nationale Antikorruptionsbüro konnten ihm nichts anhaben. Über zehn Jahre lang saß Truchanow in Odessa fest im Sattel. Bis Ende September 2025.

Erst kam der Regen, dann ein alter Vorwurf

Truchanows Entmachtung im Herbst begann mit heftigem Regen. Innerhalb von Stunden schoss so viel Wasser aus den Wolken wie sonst innerhalb mehrerer Monate. Schnell standen Häuser und später ganze Stadtviertel unter Wasser. Insgesamt kamen dadurch neun Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt.

Anfang Oktober wurden dann Vorwürfe laut, die Lokalregierung habe die Bevölkerung nicht früh genug gewarnt und das Entwässerungssystem vernachlässigt. Truchanow nennt den Vorfall heute eine „große Tragödie“. Er holt, wenn es um dieses Thema geht, Dutzende ausgedruckte Dokumente ins Zimmer, die eine fehlerlose Reaktion belegen sollen. Seine Botschaft: Wenn jemand Fehler gemacht habe, dann sei das die Militärverwaltung des umliegenden Gebiets gewesen. Seit Kriegsbeginn sind die Zuständigkeiten in der Ukraine vielerorts unklar verteilt. Oft ringen die zi­vilen Selbstverwaltungen mit von der Zen­tralregierung ernannten Militärver­waltungen um Kompetenzen. Für Truchanow sollten die Überschwemmungen aber erst der Anfang sein.

Denn kurz darauf kam auch der alte Vorwurf mit dem russischen Pass wieder auf. Truchanow erzählt am Billardtisch, diese Episode habe für ihn mit einer an­onymen Nachricht begonnen. An einem freien Tag, an dem er eigentlich nur ein Bier habe trinken wollen, sei plötzlich eine Nachricht eingegangen. Jemand aus dem Sicherheitsapparat warnte ihn davor, dass man plane, aufgrund eines russischen Passes gegen ihn vorzugehen. Truchanow nahm die Warnung ernst und ging in die Offensive. In einer Videobotschaft trat er den Vorwürfen präventiv entgegen. Im Falle einer Entmachtung werde er bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, sagte er in die Kamera.

Einfach nur ein Bier trinken: Truchanow genießt im Hausarrest Helles aus Deutschland.
Einfach nur ein Bier trinken: Truchanow genießt im Hausarrest Helles aus Deutschland.Daniel Pilar

Doch das Manöver aus Kiew verlief schnell und effektiv. Zunächst veröffentlichte der Inlandsgeheimdienst SBU eine Erklärung sowie den Scan einer Reisepassseite mit Truchanows Gesicht und Daten. Jenes Passes also, dessen Existenz Truchanow seit über zehn Jahren abstreitet. Nach Angaben des SBU wurde das Dokument gar nach Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine ausgestellt und ist noch immer gültig. Doch an der Echtheit des Dokuments gibt es erhebliche Zweifel. So bezeichnete der renommierte Investigativjournalist Christo Grosew die Kopie als Fälschung.

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Präsident Wolodymyr Selenskyj aber entzog Truchanow die Staatsbürgerschaft und kündigte kurz darauf die Einrichtung einer Militärverwaltung in Odessa an. Zusammen mit seiner ukrainischen Staatsbürgerschaft verlor Truchanow den Bürgermeisterposten. Auch sein Stellvertreter und seine Berater mussten gehen. Die Militäradministration übernahm ein aus Kiew bestellter General des Inlandsgeheimdienstes, Serhij Lyssak.

Wegen des Vorwurfs der Amtspflichtverletzung während der Regenkatastrophe wurde der frühere Bürgermeister zwei Wochen darauf zudem unter Hausarrest gestellt. Er selbst nennt das Vorgehen am Billardtisch die „geplante Vernichtung einer Person“.

Will die Zentralregierung lokale Widersacher ausschalten?

Truchanows Entmachtung im Eilverfahren wird in der Ukraine sehr unterschiedlich bewertet. Man kann das Vorgehen als weiteren Akt der Rezentralisierung sehen, bei dem die Zentralregierung in Kiew die lokale Selbstverwaltung beschneidet. Deren Stärkung aber war eines der zentralen Demokratisierungsprojekte nach der Majdan-Revolution und wurde mit westlicher Hilfe vorangetrieben. Nach dieser Lesart handelt es sich um eine weitere Episode in Selenskyjs Kampf gegen unliebsame Bürgermeister. Denn die Präsidentenpartei „Diener des Volkes“ war in den Regionalwahlen 2020 nahezu leer ausgegangen und konnte keine größeren Städte erobern.

Und die gelebte Praxis bei der Einrichtung von Militärverwaltungen wirft Fragen auf. Kritiker bemängeln, dass deren Konstituierung keinen transparenten Kriterien folge, wie etwa der Distanz zur Frontlinie. Man kann den Eindruck gewinnen, Militärverwaltungen entstehen auch dort, wo es um große Budgets geht oder der lokale Volksvertreter der Zentralregierung nicht passt. Die Opposition wirft der Regierung vor, die Entscheidungsgewalt auf diese Weise in die Hände von Leuten zu legen, die eng mit der Partei „Diener des Volkes“ oder dem Präsidialamt verbunden sind. In manchen Orten entscheiden heute deshalb erfolglose Politiker, die bei vergangenen Wahlen keine Chancen hatten. Die gewählten Vertreter hingegen verlieren ihren Posten – und den Zugriff auf die Budgets.

Elektronische Fußfessel: Das Gerät überwacht das Bewegungsprofil des früheren Bürgermeisters.
Elektronische Fußfessel: Das Gerät überwacht das Bewegungsprofil des früheren Bürgermeisters.Daniel Pilar

Man kann Truchanows Entmachtung aber auch als überfälligen Schritt im Kontext des Kampfes gegen Korruption und russischen Einfluss im Land sehen. Besonders in patriotisch-nationalistischen Kreisen wurde das Vorgehen gegen den Mann begrüßt, der wie kaum ein anderer für „das alte System“ steht. So äußerte einer der bekanntesten Aktivisten des Landes, der Odessit Serhij Sternenko, über Truchanows Regierungszeit: „Das war die Mafia, die durch menschliches Blut an die Macht kam, die Stadt ausgeraubt und zerstört hat.“ Auch der ­lokale Antikorruptionsaktivisten Artak Grigorian findet es am wichtigsten, dass Truchanow endlich weg ist. „Selbst eine beliebige Person von der Straße wäre besser für unsere Entwicklung als er“, sagt das Mitglied der Aktivistengruppe „Automaidan Odessa“ im Interview.

Die Antikorruptionsbehörden ermittelten nicht nur wegen vereinzelter Bereicherungen gegen Truchanow, sondern sahen ihn als Teil eines „kriminellen Netzwerks“. In den Verfahren geht es um die Aneignung von Land, Bauprojekte und intransparente Auftragsvergaben. Truchanow wird auch mit tätlichen Angriffen auf politische Gegner in Verbindung gebracht. Viele sehen in ihm den wichtigsten Vertreter mafiöser Netz­werke aus den 1990er-Jahren.

Die Zivilgesellschaft verurteilte die Entmachtung nicht

Auch im Hinblick auf den russischen Pass gibt es starke Indizien. So tauchte Truchanow mit einer russischen Identität in den Panama Papers auf, einem großen Datenleck, das von internationalen Journalistenteams ausgewertet wurde. In den Dokumenten fanden Reporter 2018 sogar den Scan eines bis 2008 gültigen russischen Reisepasses mit Truchanows Daten und seinem Foto. Die ergebnislosen Überprüfungen durch die ukrainischen Behörden, allen voran den SBU, in den Jahren zuvor werten Kritiker als weiteren Beleg für Truchanows Einfluss.

Auf der heimischen Couch: Truchanow im Gespräch mit der F.A.Z.
Auf der heimischen Couch: Truchanow im Gespräch mit der F.A.Z.Daniel Pilar

Auch Leute, die sich über Truchanows Entmachtung freuen, glauben nicht, dass die Regenkatastrophe und das vom SBU veröffentlichte Dokument der wahre Auslöser für das Vorgehen waren. Sondern, dass die Regierung in Kiew lediglich einen günstigen Moment genutzt hat. Artak Grigorian hält für zentral, dass mit Truchanow verbündete Oligarchen zuletzt geschwächt waren. Truchanow ist ein Mann, dem Kritiker alles zutrauen. So verweist Grigorian auf dessen Abtauchen in den ersten Kriegstagen. Er vermutet, dass dieser erst mal abgewartet habe, welche Seite in der Südukraine die Oberhand gewinne – anstatt entschlossen zur Verteidigung des Landes aufzurufen.

Die Zivilgesellschaft hält Truchanow für so problematisch, dass mehrere Organisationen sich nicht auf eine öffentliche Verurteilung des Vorgehens gegen ihn einigen konnten. Zwar hielt man die Entmachtung für „unsauber“, wollte aber mit allen Mitteln den Eindruck vermeiden, dass Truchanow die eigene Unterstützung genießt.

Auf die Frage nach politischen Verbündeten reagiert Truchanow im Billardzimmer erstaunt. Nach einiger Zeit kommt er auf den 2020 verstorbenen Bürgermeister Charkiws zu sprechen, der wie er selbst als Politiker der alten Schule mit mindestens ideologischer Nähe zu Russland galt. Doch Truchanow erwähnt auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und Lembergs Bürgermeister Andrij Sadowyj lobend, mit denen er zumindest politisch-weltanschaulich nicht auf einer Wellenlänge ist. Im Kampf gegen die Zentral­regierung aber stehen sie auf einer Seite. Die Ukraine ist eine junge Demokratie – und oft auch eine wilde. Politik ist hier kein offener Wettstreit politischer Ideen, sondern ein Kampf um Macht. Und der wird mit harten Bandagen geführt, seine Verbündeten kann man sich da nicht immer aussuchen.

Kurze Wege: Der Anbau mit Billardzimmer liegt hinter dem Haus.
Kurze Wege: Der Anbau mit Billardzimmer liegt hinter dem Haus.Daniel Pilar

Wie viel Rückhalt Truchanow noch in der Stadt genießt, ist insbesondere unter Kriegsbedingungen schwer zu sagen. Nach seiner eigenen Darstellung hatte er im Oktober Mühe, die Menschen davon abzuhalten, für ihn auf die Straße zu gehen. In sozialen Medien inszeniert er sich als Opfer einer Kampagne, die dazu gedacht sei, „einen Menschen zu vernichten“, wie er im Interview mehrfach wiederholt.

Auf seine politischen Überzeugungen angesprochen, bezeichnet sich Truchanow als konservativ. Er versteht darunter aber offenbar vor allem die Bewahrung von Straßennamen und Kulturdenkmälern, die derzeit der De-kolonialisierung und Entsowjetisierung zum Opfer fallen. Auch mit der F.A.Z. spricht Truchanow wie selbstverständlich Russisch. Er erzählt gerne von den harten 1990er-Jahren, von Kindern, die er von der Straße geholt und zu Thaiboxchampions gemacht habe. Er gibt sich tatkräftig und wirkt durchaus charismatisch.

Wohl auch deshalb gelang ihm die Emanzipation von der „Partei der Regionen“ und der Aufbau seiner eigenen politischen Partei „Vertraue den Taten“. Die Stichwahl im Jahr 2020 gewann er mit rund 55 Prozent der Stimmen. Sein Gegner damals war kein aktivistennaher Reformer, sondern ein Kandidat der russlandnahen und heute verbotenen „Oppositionsplattform für das Leben“.

Nachfolger wollen Denkmäler entfernen

Immer wieder schimpft Truchanow über von der Zentralregierung eingesetzte Widersacher: Sei es der frühere georgische Präsident Michaijl Saakaschwili oder Oleh Kiper, der heutige Chef der Militärverwaltung des umliegenden Gebiets. In seinen Tiraden geht es um ­Rache, Staatsangehörigkeiten von Verwandten und Bereicherung. Ideen, wie man das Leben der Menschen vor Ort besser machen könnte, kommen wenig zur Sprache.

Schlagzeug und Billard: Zeit für Hobbys
Schlagzeug und Billard: Zeit für HobbysDaniel Pilar

Bleibt die Frage, was sich durch Truchanows Absetzung für die Stadt verändern wird. In welche Richtung wird sich Odessa entwickeln? Gewinnen künftig patriotisch-nationalistische Ideen die Oberhand, in einer Stadt mit imperialer Geschichte, die Russlands Propagandisten besonders oft als ur-russisch bezeichnen?

Die F.A.Z. hätte auch den neuen Chef der Militärverwaltung Serhij Lyssak und dessen zivilen Mitstreiter Ihor Kowal gerne gefragt, für welche politischen Ideen sie stehen und was sie anders machen wollen. Doch man vertröstet die Reporter mehrfach. Ob es an Zeit oder an Interesse fehlt, bleibt offen. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender „Suspilne“ legen Lyssak und Kowal den Fokus auf die Verbesserung der Luftverteidigung und der Sauberkeit der Stadt. Im Haushalt werde man die Priorität auf Verteidigung, Schutzräume und Entschädigungen legen. Die Entfernung von Denkmälern aus der Sowjetzeit wollen beide entschieden fortsetzen.

Ob die von der Zentralregierung eingesetzten Leute auch für neue Werte oder einen anderen Politikstil stehen, ist nicht ausgemacht. So diente etwa Oleh Kiper, der Chef der Militäradministration des Gebiets Odessa (früher Gouverneur genannt), als Staatsanwalt unter dem früheren Präsidenten Janukowitsch. Er erhielt nach der Majdan-Revolution zunächst für zehn Jahre das Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden. Auch seine Vita ist voller Skandale und Korruptionsermittlungen.

Truchanow wird am Billardtisch zum Schluss noch einmal emotional. Und ein bisschen kämpferisch. Es gehe ihm nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Zukunft seiner Kinder. „Ich möchte, dass die Ukraine ein Land bleibt, in das sie irgendwann mal zurückkehren wollen.“ Gerechtigkeit sei dafür die wichtigste Voraussetzung.

Der Aktivist Grigorian glaubt, dass Truchanow noch nicht erledigt ist. Das Spiel um Macht gehe vielleicht einfach hinter den Kulissen weiter. Erst in einem halben Jahr könne man erkennen, wer wirklich unterlegen sei.

Mitarbeit: Yulia Serdyukova

Source: faz.net